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„Ich bin nicht der Einzige, der bedroht wird.“

Länder: Burundi

Tags: Burundi, Putsch

Bob Rugurika ist geschäftsführender Leiter von Radio Publique Africaine(RPA),  dem meistgehörten privaten Radiosender in Burundi. Er zählt zugleich zu den populärsten Journalisten des Landes. Im Januar dieses Jahres wurde Rugurika aufgrund fadenscheiniger Anschuldigungen inhaftiert. In einem RPA-Interview hatte ein Zeuge ausgesagt, dass burundische Geheimdienstler in die Ermordung dreier italienischer Ordensschwestern im September 2014 involviert gewesen seien. Nach Veröffentlichung auf RPA kam es zu Rugurikas Festnahme wegen „Beihilfe zum Mord“. Nach seiner Haftentlassung (auf Kaution) wurde die Rückkehr des RPA-Chefs in die Hauptstadt Bujumbura im Februar von tausenden Burundiern wie ein Triumphzug gefeiert. Während der Massenproteste seit Ende April berichtete RPA ausführlich über die Bewegung gegen eine dritte Amtszeit des Präsidenten Pierre Nkurunziza. Bei den Unruhen im Zuge des gescheiterten Militärputsches wurden vergangene Woche das RPA-Gebäude und die weiterer unabhängiger Medien verwüstet. Aufgrund massiver Drohungen und Einschüchterungen hat Bob Rugurika mittlerweile das Land zu verlassen. ARTE Journal hat ihn am Sonntag telefonisch in seinem nicht näher genannten vorübergehenden Exil erreicht.

 

He​rr Rugurika, wann sind Sie aus Burundi geflohen, und was war der Grund dafür?

Bob Rugurika: Ich bin nicht wirklich geflohen, ich habe vielmehr entschieden,  mich vor den Gefahren in Sicherheit zu bringen, denen ich seit mehreren Monaten ausgesetzt bin. Ich muss Ihnen sagen, dass sich im Zuge der Massenproteste auch die Todesdrohungen gegenüber Journalisten verstärkt haben, weil die Herrschenden in Bujumbura die privaten unabhängigen Medien stets als kritische Stimmen ausgemacht  haben, die im Sold der Opposition stünden. Das ist ihr Konzept der Macht, und ich denke, dass das ein ​falsches Konzept ist. Es gelingt ihnen einfach nicht zu verstehen, welche Rolle die Medien spielen. Also habe ich entschieden, mich in Sicherheit zu bringen, da ich Todesdrohungen erhalten habe, direkte Drohungen aus Geheimdienst- und Polizeikreisen,  und vor allem aus dem Umfeld der Jugendorganisation Imbonerakure der Regierungspartei [Nkurunzizas CNDD-FDD, Anm. der Red.], die die Vereinten Nationen als eine „Miliz“ bezeichnet hat.

In welcher Form haben diese Drohungen Sie erreicht?

Bob Rugurika: Ich war das Beschattungsziel eines Geheimdienstmannes, ich konnte sein Fahrzeug identifizieren.  Ich habe anonyme Anrufe erhalten, in denen mir gedroht wurde, nachdem unser Sender diese oder jene Information veröffentlicht hat. Ich habe zudem über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter Drohungen erhalten. Es zirkulierten Drohungen gegen meine Person, aber auch gegen andere Verteidiger der Menschenrechte in Burundi. Ich bin nicht das einzige Opfer derartiger Drohungen. Selbst in öffentliche Reden wurden Drohungen gegen Journalisten und Aktivisten der Zivilgesellschaft ausgesprochen. Schlimmer noch: Ich habe gesicherte Informationen erhalten über Pläne, meine Person physisch auszulöschen, ausgeheckt von Geheimdienstleuten oder in Polizeizirkeln. Und diese Informationen habe ich aus dem Innern eben jener Dienste erhalten, von Leuten, die derartige kriminelle Aktivitäten nicht unterstützen.

Zu der physischen Bedrohung kommt noch die Verwüstung privater Rundfunkhäuser hinzu. Wer steckt dahinter?

Bob Rugurika: Wie ich schon eingangs erwähnte, haben sich die Bedrohungen im Zuge der Protestbewegung noch weiter verstärkt. Ich sage Ihnen: Die Verwüstungen der Medieneinrichtungen haben mit dem angeblichen Staatsstreich begonnen, der wahrscheinlich eher von Männern aus den Machtzirkeln ausgeheckt wurde, um andere Ziele herbeizuführen.  Die vier privaten unabhängigen Medien wurden von Militärs, von Polizisten angegriffen, zerstört, in Brand gesteckt. Also von Seiten der Macht, des Präsidenten. Heute können sie das nicht leugnen. Verstehen Sie: das ist ein politischer Plan, der zu einem passenden Zeitpunkt ausgeführt wurde. Die Macht hat ihren abgründigen Hass gegenüber den privaten unabhängigen Medien bewiesen.

Dennoch hat Burundis Präsidentenamt die jüngsten Angriffe gegen die privaten Medien verurteilt. 

Bob Rugurika: Das ist ein demagogischer Diskurs, nichts als Manipulation. Wie können sie etwas nur verurteilen, ohne konkrete Maßnahmen dagegen zu ergreifen? Gibt es Militärs oder Polizisten unter denen, die festgenommen wurden, die in die Angriffe verwickelt sind? Das ist ein Diskurs, um die internationale Gemeinschaft zu täuschen, die heute die Wiederaufnahme der Aktivitäten der Medien fordert, in Hinsicht auf die Durchführung der Wahlen.  Heute weiß die Regierung, dass sie nicht von  glaubwürdigen transparenten Wahlen sprechen kann, wenn es nur regierungstreue Medien gibt, die über den Wahlkampf berichten. Aus diesem Grund bezeichne ich diesen Diskurs als demagogisch, in dem Wissen, dass dieser zum Ziel hat, die Meinung der internationalen Gemeinschaft fehlzuleiten.

Seit dem Beginn der öffentlichen Proteste haben die Machthaber die Medien zum Staatsfeind Nummer eins erklärt.

Bob Rugurika: Ja sicher, das konnten Sie doch seit dem Beginn der von Zivilgesellschaft und einigen Oppositionsparteien geführten Demonstrationen sehen. Noch dazu muss man erwähnen, dass die privaten unabhängigen Medien sich nicht auf die Seite der Organisatoren geschlagen haben, die gegen ein drittes Mandat [von Präsident Nkurunziza, Anm. der Red.] mobilisiert haben. Wir haben nichts anderes als unsere Arbeit getan, nämlich zu informieren. Wir haben unsere Mikrofone gleichermaßen den Befürwortern und den Gegnern eines dritten Mandats hingehalten. Die Regierung wollte einfach nicht, dass wir über die Demonstrationen berichten. Denn sie hatte Angst, dass die Bevölkerung des gesamten Landes, die das Geschehen verfolgte, sich der Bewegung auf der Straße anschließt. Aus diesem Grund hat sich das Präsidentenlager so beeilt, die Medien abzuschalten.

Unter welchen Bedingungen könnten Sie nach Burundi zurückkehren?

Bob Rugurika: Ich werde nie mein Land verlassen. Ich werde nie ins Exil gehen. Ich werde nie aus meiner Heimat Burundi fliehen. Ich bleibe voll und ganz ein Bürger dieses Landes. Ich warte darauf, dass sich die Voraussetzungen so erfüllen, um zurückzukehren. Aber ich bin überzeugt, dass dies das Resultat eines langen Kampfes sein wird. Ich bin nicht der Einzige, der sich vor Bedrohungen der Staatsmacht in Sicherheit bringen muss. Ich bin traurig darüber, erkennen zu müssen, dass verantwortliche Journalisten anderer Medien gerade dabei sind, aus dem Land zu fliehen, weil sie von den staatlichen Diensten aktiv gesucht werden, mit dem Ziel, sie zu töten. Die internationale Gemeinschaft muss nun den Ton verschärfen. Sie muss ihr Schweigen beenden, um zu verhindern, dass das Land vor den Augen der gesamten Welt versinkt - im ‚Namen der Souveränität‘. Das ist inakzeptabel. Wir haben genug Nationen gesehen, die Schlimmes erlitten haben. Wir haben ein Volk gesehen, das dezimiert wurde, weil die internationale Gemeinschaft nicht rechtzeitig gehandelt hat. Das geschieht heute in Burundi, und das ist traurig und furchtbar. In dieser Minute erfahre ich, dass die Großmächte gerade dabei sind, ihre Bürger aus Bujumbura zu evakuieren. Was tun sie für das burundische Volk, das den Tod erwartet, nur weil es nicht einer einzigen Meinung folgen will?

Fühlen Sie sich isoliert?

Bob Rugurika: Isoliert fühlt man sich nicht, man fühlt sich im Stich gelassen – vergessen. Ich bin der Meinung, dass so etwas im 21. Jahrhundert nicht mehr geschehen dürfte.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016