Homs - Ein zerstörter Traum

Länder: Syrien

Tags: Homs, Syrie

Seit Herbst 2011 kämpfen der damals 19-jährige Baset und seine Kameraden aus Homs gegen Assads Truppen. Aus friedlichen Demonstranten werden bewaffnete Kämpfer, aus jungen Männern, für die Religion kaum eine Rolle spielte, werden im Angesicht des Todes gläubige Moslems. Der Dokumentarfilm wurde beim Sundance Film Festival 2014 ausgezeichnet.

Ihre Fragen an Ziad Majed

Was wissen wir über das, was in Syrien wirklich geschieht? Zum Anlass des Themenabends stellen Sie Ihre Fragen an Nahost-Spezialist und Aktivist Ziad Majed. 

Anfang 2011 erreichte der Arabische Frühling Syrien. Die ersten Demonstrationen gegen das diktatorische Regime von Baschar al-Assad finden in der drittgrößten Stadt Homs statt. Vor allem junge Männer gehen auf die Straße und protestieren für Freiheit und Demokratie. Einer der Anführer der ersten Stunde ist der 19-jährige Torwart der Jungendnationalmannschaft Syriens, Abdul Baset Al-Sarout, kurz Baset genannt. Er und seine Freunde organisieren jeden Tag Demonstrationen, zu denen immer mehr Menschen strömen. Baset ist ein charismatischer junger Mann, der vor allem mit seinen revolutionären Songs die Menschen begeistert.
 

Begleitet wird Baset bei seinen Auftritten während der Demonstrationen und im Kreis seiner Freunde und anderer Aktivisten von Osama, einem Amateurkameramann, der sein Studium unterbrach, um dabei zu sein bei der Rebellion gegen das verhasste Regime. Die mit kleiner Handycam aufgezeichneten Videos werden regelmäßig auf YouTube hochgeladen und so einer großen Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Unsere Web-Reportage: Tagebücher einer Revolution 

Drei junge Syrer und ihr Kampf für die Demokratie. Jede Woche neue Videos: syria.arte.tv/deu

Baset wird im Laufe des Frühjahrs 2011 immer gefährlicher für die Propagandisten des Regimes. Der Widerstand der mehrheitlich sunnitischen Bewohner von Homs wächst im Frühsommer 2011 schnell, und das Regime beginnt mit brutaler Härte zurückzuschlagen. Baset steht jetzt ganz oben auf der Fahndungsliste des Geheimdienstes und des Militärs. Bei einem Angriff auf die Wohnung seiner Familie werden sein Bruder Walid und andere Angehörige getötet. Das lässt ihn endgültig an einer friedlichen Lösung des Konflikt zweifeln. Als die ersten Demonstranten durch die Kugeln der syrischen Armee den Tod finden, entschließen sich die Aktivisten um Baset, den pazifistischen Widerstand aufzugeben und sich zu bewaffnen. Aus friedlichen Demonstranten werden bewaffnete Kämpfer, aus jungen Männern, für die Religion kaum eine Rolle spielte, werden im Angesicht des Todes gläubige Moslems.
 

Der syrische Bürgerkrieg beginnt in Homs. Baset und seine Freunde und Kameraden verlieren ihre Unschuld als friedliche Demonstranten. Im Februar 2012 töten syrische Truppen bei einem Mörserangriff mehr als 300 Menschen im Zentrum von Homs. Regimetreue Banden brechen in Wohnungen ein und richten ein Blutbad an. Es ist das erste von zahlreichen Massakern gegen die Zivilbevölkerung in Syrien.
 

Baset selbst wird während der Kämpfe der letzten Jahre dreimal angeschossen und schwer verletzt.

 

"WIR WOLLEN UNSER LAND ZURÜCK"


Vor drei Jahren erreichte der Arabische Frühling Syrien, heute liegt das Land in Trümmern. ARTE zeigt nie gesehene Bilder aus dem belagerten Homs: ein Dokument des Grauens – und ein Plädoyer für die Menschlichkeit. 
 
Frauen schmuggelten das Videomaterial aus dem Land, unter Kleidern und Haaren versteckt, damit diese Bilder an die Öffentlichkeit geraten konnten: "Homs – Ein zerstörter Traum“, der Dokumentarfilm von Talal Derki, im Januar mit dem Großen Preis der Jury des Sundance Film Festivals ausgezeichnet. 
Darin folgt der Filmemacher zwei Freunden, dem charismatischen Baset und dem Journalisten Osama, und zeigt deren Leben – oder was davon übrig ist – in der umkämpften Ruinenstadt. Hinter deren Mauern ist der Traum von einem friedlichen Umbruch längst ausgeträumt. Homs: die Geschichte einer Radikalisierung. 

Das Interview mit einem Regisseur, der sich selbst als Teil der Revolution sieht – und sein Land zurückfordert. 

 

Ihr Dokumentarfilm zeigt Folterräume in Krankenhäusern, getötete Kinder und Zivilisten – wie werden Sie mit solchen Erfahrungen fertig?
Talal Derki:
Die ersten Bilder, die man vom Krieg sieht, sind die schlimmsten. Menschen, die gefoltert wurden, Körper mit mehr als 20 Messerstichen, gut gekleidete, rasierte Männer, deren Leichen einfach in den Müll geworfen wurden. Das bricht einem das Herz. Besonders, wenn man sieht, wie ein Kind getötet wird. 
 

Auch das zeigen Sie in Ihrem Film …

Talal Derki: In einer Szene bringt Osama – der sein Studium aufgab, um als Amateurkameramann und Reporter aus Homs zu berichten – einer Familie etwas Essen zum Frühstück. Ihr Kind wurde gerade von einem Sniper erschossen, während es einfach nur Fahrrad fuhr. So etwas geschieht, um die Menschen dafür zu bestrafen, dass sie gegen Assad demonstrieren. Ich weiß nicht, ob man sich an solche Bilder gewöhnen kann. Ich hoffe, dass wir nicht abstumpfen, sondern weiter weinen können, wenn wir ein totes Kind sehen – oder auch etwas Schönes.  
 

Wie haben Sie die Hauptpersonen des Films, Baset und Osama, in Homs ausgewählt?
Talal Derki:
Ich habe meinem Instinkt vertraut. Ich hatte nie geplant, in Homs zu drehen, kannte die Stadt nicht einmal. Als Osama mich kontaktierte und bat, dorthin zu kommen, stellte er mir Baset vor: Er war 19 Jahre alt, Fußballspieler der syrischen Jugendnationalmannschaft und Sänger bei friedlichen Demonstrationen gegen Assad. Bald hörte man seine Lieder in ganz Syrien. Bei unserem ersten Gespräch merkte ich, welche Energie in ihm steckte. Ich fühlte, dass ich diesem Menschen vertrauen konnte. Dass er zu seinen Entscheidungen stehen, nie aufgeben würde. Allein die Tatsache, dass er sich auf die Bühne wagte – ein leichtes Ziel für Sniper. Baset war ein Leader. 
 

Wieso wollten Sie die Revolution begleiten?
Talal Derki:
Ich habe schon lange von einer neuen Generation geträumt, die einen Wandel bringen würde, eine Revolution gegen das Assad-Regime. Und als das tatsächlich geschah, konnte ich nicht vor dem Fernseher sitzenbleiben und sagen: „Das ist mir zu gefährlich!“ Ich wollte dabei sein. 
 

Sie haben bei den Dreharbeiten viel riskiert.
Talal Derki:
Das ist nichts im Vergleich zu den Gefahren, denen die Menschen im Alltag ausgesetzt sind. Vor und hinter der Kamera setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Der Grund: Es ist ihr Krieg. Sie tun es für all die Freunde, die umgekommen sind, für ein Land, das eines Tages hoffentlich wieder eine starke Nation sein wird. Es geht nicht nur um einen Film.
 

War es schwer, einen Kameramann zu finden?
Talal Derki:
Anfangs nutzten wir Osamas Videos, teilweise mit Handykamera gedreht. Als wir später bei 20 professionellen Kameramännern aus Syrien anfragten, sagten alle ab, aus Angst. Daher sind viele Szenen vom Produzenten Orwa Nyrabia gedreht. Als Homs ab Juni 2012 belagert wurde und wir nicht mehr in die Stadt kamen, hat eine Kontaktperson aus Homs, Kahtan Hassoun, dort weitergefilmt.
 

Sie folgen Menschen, die friedlich demonstrieren, dann aber zu Waffen greifen; wollten Sie zeigen, wie aus Jugendlichen Krieger werden?
Talal Derki:
Ich wollte zeigen, wie der Krieg die Menschen verändert. Sie sind jung, unerfahren, dickköpfig. Baset war unbeschwert, sang gerne und liebte es, mit Menschen zu reden, sie für seine Überzeugungen zu gewinnen. Er hatte vor der Gewalteskalation nie eine Pistole angefasst. Jetzt kämpft er mit schweren Waffen. Oder Osama: Niemand weiß, wo er heute ist, ob er überhaupt noch lebt. Er hat nie eine Waffe in die Hand genommen, auch nicht während der Belagerung. Aber diese Zeiten sind vorbei, Waffen trägt heute jeder in Homs.
 

Glauben Sie, dass Osama oder Baset eine Wahl hatten, anders zu handeln?
Talal Derki:
Ich glaube, Baset hatte nur einmal eine Wahl: als er entschied, ins belagerte Homs zurückzukehren, aus dem er kurz zuvor geflohen war, um Nahrung und Hoffnung zurückzubringen. Das war die bewusste Entscheidung, in den Tod zu gehen. Die Männer um Baset, die ihm im Film folgen, sie alle sind vor zwei Wochen umgekommen bei dem Versuch, aus der belagerten Stadt zu gelangen, um Nahrung zu besorgen. Diese Kämpfer um Baset waren die einzigen in einer Stadt, in der derzeit noch etwa 5.000 Menschen festsitzen, die zurückgekehrt sind, um die Menschen darin zu schützen. Dort wird Geschichte geschrieben.
 

Lebt Baset noch?
Talal Derki:
Ja, er lebt noch, aber wir wissen nicht, wie. Es gibt fast nichts mehr zu essen.
 

Was müsste sich jetzt sofort in Syrien ändern?
Talal Derki:
Wir sprechen hier über Menschenleben. Das Wichtigste ist, den Menschen in Homs, in Damaskus und anderen belagerten Städten einen Korridor zu öffnen, damit Nahrung, Medikamente und Ärzte in die Gebiete gelangen können. Und auch die Gefangenen, die in Assads Kerkern auf grausamste Art gefoltert werden, müssen freigelassen werden. Menschenleben sind das Wichtigste – danach können wir über Politik sprechen.
 

Diejenigen im Ausland, die Assad stützen, fürchten eine Machtübernahme durch al-Qaida und Fundamentalisten – was antworten Sie darauf?
Talal Derki:
Ich sage ihnen, sie sollen „Homs – Ein zerstörter Traum“ anschauen. Wir zeigen, was Medien sonst verschweigen. Ich habe aufgehört, mit Journalisten zusammenzuarbeiten, als ich merkte, dass es ihnen oft darum ging, al-Qaida-Kämpfer aufzutreiben. Für die Medien ist es nicht spektakulär genug, über belagerte, hungernde Menschen zu berichten. Die Leute, die an Syrien und die Demokratie glauben, die Gemäßigten, genau die haben nie Unterstützung erhalten. Unterstützung aus dem Ausland bekommen nur die Fanatiker. Den anderen schaut die Welt seelenruhig beim Sterben zu.
 

Hat Sie die Arbeit am Film verändert?
Talal Derki:
Ja, als Mensch und als Filmemacher. Für diesen Film bin ich erstmals in Situationen geraten, in denen ich als Regisseur nicht mehr weiterwusste. In einem lebensgefährlichen Moment sagte ich zu meinem Begleiter: „Wir müssen überleben, bitte lass uns von hier verschwinden.“ Seine Antwort: „Nein, ich bleibe hier.“ Da habe ich verstanden, dass es darum geht, diesen Augenblick festzuhalten. Dokumentarfilme sollten Geschichten nicht erst erzählen, wenn sie vorbei sind, sondern dann, wenn sie geschehen. 

 

Wie schaffen Sie es, positiv zu bleiben?
Talal Derki:
Das habe ich von Osama und Baset gelernt. Einmal, als Baset in der Kairo-Straße kämpfte, mitten im Bombenhagel, rief sein Vater auf seinem Handy an und Baset sagte ihm: „Alles ist bestens.“ Wir müssen uns klarmachen: Was in Syrien passiert, ist kein Erdbeben, keine Naturkatastrophe und wir sind keine Opfer. Wir wollen den Wandel, wir wollen unser Land zurück. Selbst wenn Assad alles in Schutt und Asche legt, dürfen wir nicht aufgeben. Wie soll denn sonst unsere Zukunft aussehen? 
 

Diana Aust für das ARTE Magazin

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016