|

Hollands: Mieter unter Kontrolle

Länder: Niederlande

Tags: Squat, Amsterdam, Hausbesetzer, Mieter, Eigentümer

Die Ermittlung der Woche führt Vox Pop in die Niederlande, wo das Geschäftsmodell „Leerstandsmanagement“ floriert. Die Idee ist einfach: Unternehmen wie Marktführer Camelot positionieren sich als „Firmen gegen Hausbesetzer“ und quartieren Billigmieter ohne jeden Mieterschutz in leerstehenden Gebäuden ein.

Ihre Wohnungen sind Kirchen, Schulen oder Krankenhäuser. Sie zahlen Billigmieten, können dafür aber von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt werden. In den Niederlanden bringt das „Leerstandsmanagement“ Mieter zweiter Klasse hervor.  

 

Das Geschäft mit der Wohnungsnot

Keine Tiere, keine Kinder, keine Partys, regelmäßige und unangekündigte Kontrollvisiten … dies sind nur einige der zweifelhaften Regeln, die das Unternehmen Camelot seinen Mietern auferlegt. Die 1993 in den Niederlanden gegründete Firma war europaweit die erste mit dem Geschäftsmodell „Leerstandsmanagement“. Sie führt die Interessen von Eigentümern leerstehender Gebäude und Menschen in Wohnungsnot zusammen, die für eine billige Miete zahlreiche Abstriche in Kauf nehmen. Im Schnitt zahlen sie drei Mal weniger Miete als für eine „normale“ Wohung, müssen als Gegenleistung aber die Gebäude überwachen und Vandalismus oder Hausbesetzungen verhindern. Diese Form der unbezahlten Hausmeisterei geht mit prekären und unsicheren Wohnverhältnissen einher: Die Mieter können jederzeit vor die Tür gesetzt werden, selbst im Winter. „Wir müssen den Eigentümern garantieren können, dass die Mieter keine Schwierigkeiten machen, wenn sie das Gebäude räumen sollen“, erklärt die Geschäftsleitung von Lancelot, einer Filiale der Camelot-Gruppe, der französischen Zeitschrift L’Express. „Es gibt soziale Vereine, die sich um Menschen in Notlagen kümmern“, sagt das Unternehmen zu seiner Verteidigung. „Unsere Zielgruppe sind sozial integrierte Menschen, die sich aber keine Wohnung leisten können.

Das Konzept der privaten Hauswächter breitet sich derzeit europaweit aus und hat schon sechs Länder erobert: Deutschland, Schottland, Frankreich, Irland, die Niederlande und Großbritannien. In den Niederlanden leben heute 120 000 Mieter in solchen Wohnverhältnissen.

Das Ende des Goldenen Zeitalters der Hausbesetzung

Früher gab es in Amsterdam 20 000 besetzte Wohnungen. Heute sind sie fast völlig aus der urbanen Landschaft verschwunden. 2010 verabschiedete das niederländische Parlament das „Anti-Kraker-Gesetz“, das Hausbesetzungen verbietet. Mit dem neuen Gesetz beendete die rechtsliberale VVD (Volkspartei für Freiheit und Demokratie) eine lange Tradition, die in den 1960er Jahren die Niederlande revolutioniert hatte. Als Antwort auf die damals grassierende Wohnungskrise hatten damals in Amsterdam Menschen damit begonnen, Häuser zu besetzen. 1981 wurde das „Kraken“ sogar legal: Gebäude, die über einen Monat lang leer standen, durften besetzt werden. Heute riskieren „Kraker“ bis zu zwei Jahre Gefängnis. Hunderte von Niederländern gingen in Amsterdam auf die Straße, um gegen das Gesetz von 2010 zu demonstrieren. Leider vergeblich.

Nadine Ayoub

ZURÜCK ZUR STARRTSEITE

Zuletzt geändert am 16. Januar 2017