Hier leben? (3/6), von Laurent Gaudé

Länder: Irak

Tags: Flüchtlinge, Literatur, Kurdistan

Drittes Kapitel der Reisebeschreibung nach Kawergorsk, im Herzen des kurdischen Nord-Irak.

Es beginnt mit winzigen Dingen, alltäglich, fast unsichtbar. Manche Bewohner haben vor ihren Zelten kleine Fußmatten aus Steinen gebaut, um sich auf trockenem Boden die Schuhe auszuziehen. So fängt es an – sich vor dem Regen schützen, das Zelt vergrößern, das Leben ein wenig leichter zu machen. In einem Lager wie Kawergosk, kurz vor dem Winter, sorgt man sich vor allem um die Heizung und dass die Zelte wasserdicht sind. Aber auch um die Toiletten. Vor den Kabinen stehen Raumteiler aus Jute, um ein wenig Privatsphäre zu schaffen. Holzpaletten wurden verteilt, um die Böden der Behausungen besser zu isolieren. So fängt es an, mit ein paar kleinen Verbesserungen.

Und eines Tages beginnen Maurer auf einer freien Fläche des Lagers, Betonplatten zu gießen. Auf jeder Betonplatte errichten sie eine kleine Mauer aus drei Zementsteinen. Darauf sollen weitere Zelte gebaut werden. Die Familien betrachten die Konstruktionen voller Begehren und hoffen, eine zugeteilt zu kriegen, denn sie würden ihren Alltag wesentlich erleichtern. So fängt es an. Organisieren. Versuchen, in all dem Elend ein wenig Komfort zu schaffen. In zwei großen Unicef-Zelten ist eine Grundschule untergebracht. In einem anderen eine Moschee. Hier und da eröffnen Geschäfte. Die Männer basteln und werkeln und versuchen, die Lage ein wenig zu verbessern.

"Kawergosk könnte der Name ihres neuen Lebens sein, den Blicken eine tiefe Traurigkeit"

 

Und doch ist eine Frage in aller Munde: Bedeutet das nicht, dass das Lager hier dauerhaft wird? Die Flüchtlinge in Kawergosk sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach mehr Komfort und der Angst, sich langfristig hier niederzulassen. Alle denken an die palästinensischen Lager im Südlibanon. Was, wenn auch sie in zehn Jahren noch immer hier sind? Oder in zwanzig? Wenn sie für immer Flüchtlinge bleiben? Wenn sie bald in festen Lagern leben, die sich von diesem hier nur dadurch unterscheiden, dass die Zeltbahnen durch Wellblech ersetzt wurden? Ich betrachte die Blicke der Männer, die den Maurern beim Betongießen zusehen. Klar, dem Wunsch nach mehr Komfort werden sie nicht widerstehen können. Doch er macht ihnen auch Angst. Kawergosk sollte ein Zufluchtsort sein, eine provisorische Unterkunft weitab von den Gefahren des Krieges und dem Elend eines verwüsteten Landes. Jetzt verleiht die Ahnung, Kawergosk könnte der Name ihres neuen Lebens sein, den Blicken eine tiefe Traurigkeit – die des Exilanten, der begreift, dass er nie zurückkehren wird. 

Zuletzt geändert am 31. Dezember 2017