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„Hen“ – ein Pronomen spaltet Schweden

Länder: Schweden

Tags: Gleichberechtigung, Bildung, Wortschatz

Das Pronomen „hen“ sorgt wieder für Gesprächsstoff. Seine Aufnahme in das Wörterbuch der Schwedischen Akademie entfachte eine rege Debatte über seine genaue Bedeutung.

Der schwedische Wortschatz empfängt offiziell einen Neuankömmling: Am 15. April 2015 wurde hen in das Wörterbuch der Schwedischen Akademie aufgenommen, seitdem sorgt es für Diskussionen. Eigentlich schwelt die Debatte um das Pronomen seit 1966, als ein Journalist es als grammatisches Behelfswort erfand. „Wahrscheinlich fand er das Syntagma 'er oder sie' zu lang und wollte es ersetzen“ vermutet Karin Milles, Linguistin und Professorin an der Universität von Södertörn.

Schweden gilt in Gleichstellungsfragen bereits als Vorbild, durch das Pronomen hen wird Gender-Aktivisten zufolge die Geschlechtergleichheit noch unterstützt. Das Wort gesellte sich zu den anderen schwedischen Personalpronomen der dritten Person Singular han (sie) und hon (er). Im Unterschied zum deutschen Indefinitpronomen „man“ oder zum sächlichen Pronomen „es“ bezieht sich hen auf „ein Individuum, ohne dabei sein Geschlecht zu bestimmen“, wie die Zeitung La Croix erläutert. Da das Wort somit keine eindeutige Sinnentsprechung hat, wurde es zum Gegenstand einer hitzigen Diskussion zwischen Sprachpuristen und den Fürsprechern der Geschlechtergleichheit.

 

Ein pädagogischer Auftrag

Wenn wir den Kindern eine Geschichte mit einem Elefanten erzählen, dann können sich von nun an Jungen und Mädchen mit der Hauptfigur identifizieren."

Lotta Rajalin - Leiterin mehrerer Kinderkrippen in Stockholm

Lotta Rajalin leitet verschiedene Kinderkrippen in Stockholm, die besonderes Augenmerk auf eine

geschlechtsneutrale Erziehung legen. Das Wort hen ist dabei in vielen Situationen hilfreich: „Wenn wir den Kindern eine Geschichte mit einem Elefanten erzählen, dann können sich von nun an Jungen und Mädchen mit der Hauptfigur identifizieren. Die Phantasie beider Geschlechter wird angeregt. Das Wort dient auch der geistigen Entfaltung der Kinder“, erklärt sie.

Das Argument, mit dem Wort geschlechtsneutrale Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen, taucht in der Diskussion immer wieder auf. 2011 entschied sich das Verlagshaus Olika, für die Hauptfigur eines Kinderbuchs mit dem Titel Kivi och Monsterhund das Pronomen hen zu benutzen. Weder der Haarschnitt, noch der grün-weiß gestreifte Pyjama der Hauptfigur mit der großen Brille lassen auf ihr Geschlecht schließen. Die Aufnahme von hen ins Wörterbuch wird daher auch als Zugeständnis aufgefasst. „Es ist ein wichtiger Akt, denn es zeugt von dem Willen, in einer Gesellschaft zu leben, in der das Geschlecht nicht mehr als Kategorie gilt“ meint Maria Tomici, Verlegerin bei Olika.

 

Eine feministische Debatte?

Die Debatte hat auch eine politische Dimension. „Politik und Gesellschaft sollten keine Unterscheidung zwischen den Geschlechtern mehr tolerieren“ fordert die schwedische Journalistin Nathalie Rothschild in einem Artikel auf der Internetseite Slate. „Die Gesellschaft sollte mehr Rücksicht auf die Menschen nehmen, die sich nicht mit ihrem Geschlecht identifizieren können oder wollen. Dazu gehört auch das Heiratsrecht für alle Paare.

Doch es zeichnet sich auch eine gegenläufige Strömung ab. Jan Guillou ist einer der berühmtesten Autoren Schwedens. In einem Interview mit dem Magazin Vice vertritt er die Meinung, bei den Verteidigern von hen handele es sich um „militante Feministen, die unsere Sprache zerstören wollen“. Sven-Göran Malmgren, Redakteur und Direktor des Wörterbuchs der Schwedischen Akademie, stören solche Vorwürfe wenig: „Das Wort wird recht häufig gebraucht und ist außerdem sehr praktisch, denn es kann sowohl die Pronomen er und sie ersetzen.

Fabiola Dor 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016