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Europa ehrt Helmut Kohl

Länder: Deutschland

Tags: Helmut Kohl, Politiker, Nachruf

Am Samstag ist Altkanzler Helmut Kohl mit einer europäischen Zeremonie im EU-Parlament in Straßburg geehrt worden. 

Der vor zwei Wochen verstorbene Altkanzler Helmut Kohl ist der erste Politiker, dessen Engagement um Europa mit einem europäischen Trauerakt gewürdigt wurde. Zu den Trauerfeierlichkeiten im EU-Parlament in Straßburg waren unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, EU-Ratspräsident Donald Tusk und der frühere US-Präsident Bill Clinton geladen. "Ohne Helmut Kohl wäre das Leben von Millionen Menschen anders verlaufen, auch meins. Jetzt ist es an uns, Ihr Vermächtnis zu bewahren", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede. Nun wird der Sarg erst für einen Trauerzug in Kohls Geburtsstadt Ludwigshafen, später für einen Trauergottesdienst und die Beisetzung im engsten Freundes- und Familienkreis nach Speyer gebracht.

Eckdaten seines Lebens

3. April 1930 
in Ludwigshafen geboren

1947 
Beginn seiner politischen Karriere in der CDU

1960
Hochzeit mit Hannelore Renner

1982 
Wahl zum Bundeskanzler

9. November 1989
Fall der Berliner Mauer

3. Oktober 1990
Deutsche Wiedervereinigung

2005
Veröffentlichung seiner Memoiren

2008
Heirat mit Maike Richter

Helmut Kohl ist am 16. Juni im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Oggersheim bei Ludwigshafen gestorben. Der Politiker war der sechste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Von 1982 bis 1998 regierte er an der Spitze Deutschlands, so lange wie niemand zuvor. 

Helmut Kohl, der wegen seiner imposanten Statur und seiner 1,93 m Körpergröße den Beinamen "Riese aus der Pfalz" trug, war ein tatkräftiger und humorvoller Mensch. Er galt als Vater der deutschen Einheit und Wegbereiter des Euros, Freund guten Essens und pragmatischer Politiker. Vor allem aber war er ein glühender Verfechter der deutsch-französischen Freundschaft und der europäischen Versöhnung.

Helmut Kohl kommt als jüngstes von drei Kindern in der Zwischenkriegszeit zur Welt und wächst im Bombenhagel auf, der über seiner Geburtsstadt Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz niedergeht. Sein Bruder fällt als Soldat, ohne jemals in Kampfhandlungen verwickelt gewesen zu sein. Er hinterlässt Helmut eine feste Überzeugung, die sein gesamtes politisches Leben bestimmen soll: "Europa darf nie wieder im Krieg versinken". Als Mitglied der christdemokratischen Jungen Union nimmt er Anfang der 1950er Jahre ein Jurastudium in Frankfurt auf, das er in Heidelberg fortführt. Dort, wo es ihm an Begabung fehlt, legt er großen Fleiß und Zielstrebigkeit an den Tag; seiner pfälzischen Heimat, die ihn geformt und geprägt hat, bleibt er stets eng verbunden.

1960 heiratet er die unauffällige Hannelore, die er seit dem Gymnasium kennt und die schon bald ungerechtfertigterweise wegen ihrer auftoupierten blonden Haare und ihrer pinkfarbenen Kostümchen von der Lokalpresse als "Barbie aus der Pfalz" verspottet wird. Kohl arbeitet zunächst als Berater in der chemischen Industrie und startet seine Karriere als Berufspolitiker in den 1960er Jahren.
 
Als Sohn einer katholischen Familie erlebt Kohl, der weder seinen pfälzischen Dialekt noch seine Vorliebe für heimische Spezialitäten jemals ablegt, einen kometenhaften Aufstieg. "Mit Kohl als Titanic wäre der Eisberg gesunken", spötteln Weggefährten wie Kurt Biedenkopf. Kohl tritt in die Fußstapfen seines Vorgängers und Mentors Konrad Adenauer und wird für die CDU zunächst Abgeordneter, dann Fraktionschef, von 1969 bis 1976 rheinland-pfälzischer Ministerpräsident, von 1976 bis 1982 Oppositionsführer im Bundestag und schließlich Bundeskanzler. Er bleibt sechzehn Jahre im Amt und wird vier Mal wiedergewählt.


Enge Zusammenarbeit mit Frankreich

Als glühender Verfechter der europäischen Versöhnung setzt Kohl vor allem auf die Achse Paris-Berlin. Seine Frau spricht fließend Französisch, er selbst nimmt schon als Jugendlicher an Versöhnungsaktionen an der deutsch-französischen Grenze teil und hält sich häufig im Nachbarland auf. "Was soll man jemandem sagen, dessen Vater, dessen Bruder erschossen wurde? Ich bitte Sie um Vergebung. Das Leben geht weiter."
 
1984 gehen die Bilder der Gedenkzeremonie für die in Verdun gefallenen deutschen und französischen Soldaten des Ersten Weltkriegs um die Welt, als der "Koloss vom Rhein" und der französische Präsident François Mitterrand gemeinsam Hand in Hand vor dem Gebeinhaus von Douaumont stehen. "Ich weiß nicht, was der Präsident Mitterrand denkt, aber ich denke dasselbe."

Mehr erfahren...

- Artikel zur Fernsehansprache Kohl vom 31.12.1986Karambolage

- "Mein Leben mit der Mauer", ARTE-Webreportage

- Helmut Kohl und die deutsche Wiedervereinigung 28. November 1989: Der Bundeskanzler legt im Bundestag ein Zehn-Punkte-Programm zur schrittweisen Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas vor

- Kohl und Mitterrand, Artikel auf arte.tv

- Helmut Kohl auf der Seite der Deutschen Nationalbibliothek

Die Ära Kohl auf dem Fundament Adenauers, Artikel der Konrad-Adenauer- Stiftung

 
Kanzler der Einheit

Infolge des Zusammenbruchs des Kommunismus – eines "erstarrten autoritären Systems", das er "zu Lande, zu Wasser und in der Luft“ bekämpfen will, geht Helmut Kohl 1989 in die Geschichte ein. Nicht einmal drei Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer setzt er alles auf eine Karte und verkündet – ohne vorher die westlichen Verbündeten oder die Sowjetunion informiert zu haben – vor dem Bundestag ein Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas. Seinen Mitbürgern in Ostdeutschland beschert er nach knapp einem Jahr die Deutsche Mark und die Marktwirtschaft, nach fünfzig Jahren der Trennung ein Unterpfand für Wohlstand und Einheit.
 
Als "Architekt des neuen Europas", wie ihn der Historiker Hans-Peter Schwarz nennt, betrachtet Kohl die deutsche Einheit und die europäische Einigung als "zwei Seiten ein- und derselben Medaille". 1992 kämpft er vehement für den Vertrag von Maastricht, der schließlich zur Ablösung der nationalen Währungen durch den Euro führt. Im selben Jahr setzt er sich gemeinsam mit dem französischen Präsidenten François Mitterand für die Gründung von ARTE ein.
 
Doch der wirtschaftliche Abschwung und die Affäre um die "schwarzen Kassen" der CDU, die ihren Wahlkampf mit illegalen Parteispenden finanziert haben soll, kosten ihn schließlich seine Popularität und sein Mandat. Kohl sieht sich vom politischen Geschehen ausgeschlossen und von seinem Schützling Angela Merkel, die er stets "mein Mädchen" nannte, verraten. 1998 wird er von dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder im Kanzleramt abgelöst.


Helmut Kohl – peinliche Enthüllungen

Nach drei autorisierten Biografien soll nun eine nicht autorisierte Biografie Licht in die letzten Geheimnisse seines Lebens bringen.

Zum Lesen...

Helmut Kohl - Eine politische Biographie
Hans-Peter Schwarz,
DVA, München 2012

Seit dem Freitod seiner Frau und nach einem Schlaganfall, der ihn seit 2008 an den Rollstuhl fesselte, zieht sich Kohl aus der Öffentlichkeit zurück und sieht seine letzten Lebensjahre von mehreren Familienskandalen überschattet. Ein Buch seines Sohnes, das auch als Abrechnung mit dem Vater verstanden werden darf, und die Biografie seiner verstorbenen Frau beschädigen den Mythos des einstigen Staatsmanns nachhaltig.

Hinter dem traditionellen Bild des gutmütigen Patriarchen, der mit stets lächelnder Ehefrau und sorgfältig gekämmten Söhnen posiert, erscheint der Schatten eines "kalten, distanzierten Mannes, der nicht fähig ist, Interesse für die eigene Familie zu zeigen". Welches Gesicht ist das wahre? Angela Merkel würdigte Kohl, dem 1998 der Titel "Ehrenbürger Europas" verliehen wurde, als einen der größten Staatsmänner des 21. Jahrhunderts: "Wir Europäer sind zu unserem Glück vereint. Ein gutes Stück dieses Glücks haben wir Helmut Kohl zu verdanken." 

 

Die Wiedervereinigung: das Werk von Kohl, Bush und Gorbatschow

Ohne den Mut Gorbatschows, ohne die Umsicht von Bush Senior und ohne Kohls Entschlusskraft wäre die Einheit nicht gelungen.

 

So fasst Altkanzler Helmut Schmidt die Schlüsselrolle der drei Staatsmänner zusammen, die 2009 in Berlin erneut zusammentreffen, um des zwanzigjährigen Jubiläums des Mauerfalls zu gedenken.
 
Es gelingt Helmut Kohl mit seinem Zehn-Punkte-Programm, Margaret Thatchers und François Mitterrands Bedenken bezüglich der deutschen Wiedervereinigung zu zerstreuen und die wichtigsten Gegenargumente der Alliierten zu entkräften: die Angst vor einem Großdeutschland, die Frage des Grenzverlaufs zwischen Deutschland und Polen, die Rolle des vereinten Deutschland in Europa... Die Verhandlungen, die schließlich auch von George Bush unterstützt und durch die Öffnungsbewegung der Perestroika begünstigt werden, führen im September 1990 zur Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik sowie den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Frankreich und dem Vereinigten Königreich.
 
Der wunde Punkt der Wiedervereinigung ist allerdings die wirtschaftliche Entwicklung. In nur vier Jahren soll der Osten Deutschlands auf westdeutsches Niveau gebracht werden, verspricht der Kanzler der Einheit, und bis 1998 fruchtet seine wirtschaftsliberale Politik, die sich an Margaret Thatchers Kurs in Großbritannien orientiert. Doch heute – über 20 Jahre nach der Wiedervereinigung – gibt es trotz millionenschwerer Investitionen, Privatisierungen und Marktliberalismus noch immer massive Lohn- und Rentenunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.

Zuletzt geändert am 1. Juli 2017