Hassen Chalghoumi, der Imam der Mäßigung

Länder: Frankreich

Tags: Chalghoumi, Imam, Islam

Hassen Chalghoumi, der medienerprobte Imam der Moschee von Drancy, predigt einen gemäßigten Islam und die Aussöhnung mit den Juden. Radikalislamisten schicken ihm dafür regelmäßig Todesdrohungen.  

Hassen Chalghoumi : l'imam menacé

Interview:

"95% der Muslime sind Opfer des Fundamentalismus", erklärt Hassen Chalghoumi im Interview mit ARTE Journal. 

"95% der Muslime sind Opfer des Fundamentalismus"

 

Porträt: Wer ist Hassen Chalghoumi?

"Der aufgeklärte Imam", "der Imam der Juden", wird er genannt. Man darf getrost hinzufügen "der Imam der Medien", denn er macht regelmäßig von sich reden. Mancher der 4.000 Gläubigen seiner Gemeinde in Drancy bei Paris würden vielleicht lieber ungestört beten, fernab von Kameras und Politik. Doch seine gemäßigte Auffassung des Islam teilen sie alle.

1992

unternimmt Chalghoumi eine vierjährige Pilgerfahrt und endeckt in Indien einen "Islam im Geiste Gandhis. 

 

Hassen Chalghoumi ist in Tunesien in einer religiösen, aber liberalen Familie aufgewachsen. Von den drei Kindern war er der einzige, der die Koranschule besuchte. Nach dem Abitur, 1992, unternimmt er eine vierjährige Pilgerfahrt durch die muslimischen Länder: Türkei, Iran, Syrien, Algerien, Pakistan und vor allem Indien, wo er, wie er selbst sagt, "einen Islam im Geiste Gandhis" entdeckt. 1996 lässt sich der 24-jährige in Seine-Saint-Denis nieder, der nördlichen Vorstadt von Paris, in der sein Bruder zusammen mit seiner französischen Ehefrau lebt.

 

Chalghoumi praktiziert sein Ideal der Öffnung und des Dialogs alltäglich, beim Versuch, als "Schlichtungsagent" der Pariser Verkehrsbetriebe Konflikte in Bus und Metro zu entschärfen. Daneben organisiert er in einer Pizzeria Diskussionen um den Islam und engagiert sich für den Bau einer Moschee in Drancy. Mit Unterstützung des Mitte-rechts-Bürgermeisters Jean-Christophe Lagarde setzte er das Projekt durch.

 

2006

Chalghoumi nimmt an der Gedenkfeier für die Opfer der Judendeportation teil. Seine Wohnung wird demoliert.

 

Bis dahin hatte er niemanden gestört. Das ändert sich, als er 2006 an der Gedenkfeier für die Opfer der Judendeportation teilnimmt – Drancy war dabei das größte Durchgangslager in Frankreich. Gegner seiner Anerkennung des Holocaust und seiner Aussöhnungspolitik gegenüber den Juden demolieren seine Wohnung. Das wird ihn später nicht davon abhalten,  mitten im Streit um das Burka-Verbot zu erklären, es gebe "keine religiöse Verpflichtung", diese zu tragen.

 

Nach und nach ist Hassen Chalghoumi ein gefragter Interviewpartner für die Medien geworden. Nicht nur in Frankreich, sondern auch anderswo in der Welt. Der saudiarabische Sender Al Arabiya hat ein Gespräch mit ihm ausgestrahlt, in dem er sieben Millionen Zuschauern seine Sicht auf den Islam darlegt. Für viele Beobachter gilt jedoch als problematisch, das Hassen Chalghoumi zu wenig mit der muslimischen Gesellschaft verbunden ist und dadurch an Glaubwürdigkeit verliert.

 

2009

reist Chalghoumi nach Israel und in den Gaza-Streifen. Radikalislamisten verwüsten seine Moschee.

 

2009 reist er nach Israel und in den Gaza-Streifen, Radikalislamisten verwüsten aus Wut darüber seine Moschee und bedrohen ihn mit dem Tod. Er antwortet mit dem Buch "Für einen Islam von Frankreich". Darin plädiert er für den Dialog mit den Juden, fordert ein Verbot der Polygamie und empört sich gegen die Misshandlung von Frauen im Namen des Islam.

 

Seine eigene Frau trägt den Schleier. "Sie hat ihn getragen, als ich sie kennen gelernt habe", sagt er dazu. "Meine Mutter, meine Schwestern und meine 14-jährige Tochter tragen ihn dagegen nicht. Das entscheidet jeder für sich selbst."  Seine Kinder gehen in eine katholische Privatschule.