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Hacktivisten: Hacker in Gegenkultur und Politik

Länder: Welt

Tags: Hacking, Wikileaks, Anonymous

Hacktivisten wollen erklärtermaßen die Meinungsfreiheit verteidigen und ein Gegengewicht zu den Regierungen und großen Unternehmen darstellen. Ihre Destabilisierungsmethoden stützen sich auf das technologische Instrumentarium der traditionellen Hacker und sind äußerst vielfältig. Dazu zählen das Erstellen von gefälschten Internetseiten, die die Zielperson lächerlich machen, das Blockieren von offiziellen Seiten durch Überlastung (DDoS, siehe Artikel "Vier Hacking-Techniken") oder die einfache Überfütterung einer Fax-Nummer durch die massive Zusendung von Nachrichten. Eine radikalere Position vertritt seit einigen Jahren die Webseite WikiLeaks: Sie veröffentlicht durchgesickerte Geheiminformationen über Regierungen, politische Institutionen und große Unternehmen.

Von CCC bis Wikileaks

Eine der ersten Hacktivisten-Gruppierungen war der Chaos Computer Club (CCC), der Anfang der 80er-Jahre in Berlin gegründet wurde. Ziel der auch heute noch renommierten Hackerorganisation ist es, die Informationsfreiheit zu verteidigen. Großes Aufsehen erregte der CCC mit dem Angriff auf den deutschen Bildschirmtext, durch den er sich in das Zentralsystem der Hamburger Sparkasse einhacken konnte. Der CCC machte auf eine Sicherheitslücke aufmerksam und wollte damit zeigen, dass die Hacking-Techniken auch zu ideologischen Zwecken verwendet werden können. Die bei dem damaligen Hack entwendeten 134.000 DM überwies der CCC schon am nächsten Tag auf ein Treuhandkonto zugunsten der Hamburger Sparkasse.

 

Unternehmen destabilieren

In den 90er-Jahren taucht die Gruppierung RTMark zum ersten Mal auf. Diese auf Produktsabotage spezialisierte Zusammenschluss will die Verstöße von Konzernen gegen Recht und Demokratie bekämpfen. 1993 landete RTMark einen ersten Erfolg gegen den weltweit führenden Spielzeughersteller Mattel. RTMark kaufte 300 Barbie- und GI-Joe-Puppen, vertauschte deren Sprachmodule und stellte sie danach wieder in die Regale der Spielzeugläden. Die Aktion ging durch die Medien und machte RTMark international bekannt - auch weil sie viel belacht wurde. 1996 veränderte die Organisation das Erscheinungsbild von Figuren in dem über 80.000 Mal verkauften Videospiel SimCopter und fügte ihm teilweise neue Bilder hinzu. 2000 erstellte RTMark eine gefälschte Internetseite für den Wahlkampf von George W. Bush. Heute ist RTMark weniger aktiv.

 

Regierungen destabilisieren

Ende der 2000er-Jahre begannen auch politisch sehr interessierte Hacker, ihr Hobby für aktivistische Zwecke einzusetzen. Das bekannteste Beispiel: WikiLeaks. Der Onlineservice veröffentlicht durchgesickerte Geheiminformationen, ohne dabei deren Quelle zu verraten. Chefredakteur und Mitgründer Julian Assange war früher unter dem Pseudonym "Mendax" in der Hackergruppierung "International Subversives" aktiv. Weltbekannt wurde WikiLeaks im April 2010. Damals veröffentliche die Website ein Video, in dem zu sehen war, wie ein Hubschrauber der amerikanischen Armee in Bagdad zwei Fotografen der Nachrichtenagentur Reuters tötete. Im Juli 2010 stellte die Seite 91.000 militärische Dokumente über den Krieg in Afghanistan online. Im gleichen Jahr machten sie 250 000 Telegramme aus diplomatischen Kreisen der USA publik. Viele Regierungen verurteilen die WikiLeaks-Veröffentlichungen. Als Vergeltungsmaßnahme blockieren Paypal, MasterCard und Visa die Spenden der User. Unterstützt wird WikiLeaks von mehreren weltweit angesehenen NGOs wie Amnesty International oder Reporter ohne Grenzen (ROG), die die Aktionen zugunsten der Informationsfreiheit im Internet begrüßen.

 

Der Anonyme Gegenangriff 

Das jüngste Phänomen der Hacktivisten-Szene heißt "Anonymous". Es handelt sich dabei nicht um eine Organisation, sondern um ein Kollektiv von Internetaktivisten. Da sie sich jeweils für eine Aktion versammeln und dann wieder zerstreuen, kann man ihrer Spur kaum folgen. Eines ihrer Mottos ist: „Wir sind Anonymous. Wir sind eine Legion. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Rechnet mit uns.“ Sie verüben Hackerangriffe auf alle, die gegen die Meinungsfreiheit verstoßen, seien es Unternehmen, Regierungen oder religiöse Einrichtungen. 2008 wurden sie durch das Projekt Chanology bekannt, das sich gegen Scientology richtete. The Anonymous waren empört über die Löschung ihres YouTube-Videos, in welchem Tom Cruise unkritisch über sich und Scientology redete und sich damit bloßstellte. Sie griffen anschließend mit einer Dienstblokade (DDoS) den Server der Scientology-Webseite an. Zwei Jahre später rächten The Anonymous WikiLeaks mit DDoS-Angriffen auf die Paypal-, VISA- und MasterCard-Webseiten, die die Spenden zugunsten von Julian Assange blockiert hatten. The Anonymous waren auch an den jüngsten Revolutionen in Tunesien und Ägypten beteiligt. Sie unterstützten die Aufständischen, indem sie die Server der Regierungswebseiten blockierten. Im vergangenen Februar starteten sie die „Operation Libyen“ mit dem Ziel, möglichst viele Informationen über die Situation in Libyen zu veröffentlichen. Außerdem sind sie für mehrere „Black Fax“-Aktionen verantwortlich, bei denen sie die Faxe von Regierungen durch die Zusendung von tausenden schwarzer Seiten blockieren. Das Anonymous-Phänomen gewinnt immer mehr an Schlagkraft. Es hat aus debn Erfahrungen bereits durchgeführter Hacktivisten-Angriffe gelernt: Der Anführer ist nicht zu fassen, wenn der Aufstand keinen hat.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016