Griechenland: Wer ist Yanis Varoufakis?

Länder: Griechenland

Tags: Griechenland, Syriza, Finanzminister, Varoufakis

Am 25. Januar wählten die Griechen die Leute an die Macht, vor denen die ganze EU sie eigentlich gewarnt hatte: die radikale linke Partei Syriza. Der neue Premierminister Alexis Tsipras ernannte einen Mann zum Finanzminister, der gleich bei seinen ersten Auftritten die EU-Verantwortlichen irritierte und verärgerte: Yanis Varoufakis. 

 

Grece : Qui Est Yanis Varoufakis

Der Mann ist 53 Jahre alt, war Professor für Wirtschaft an einigen renommierten internationalen Universitäten und er definiert sich selbstbewusst als "liberalen Marxisten". Ein Anzugträger ohne Krawatte und Motorradfahrer, attraktiv, selbstbewusst, intelligent – ein freier Geist, das ist der erste Eindruck, man könnte auch schreiben: Alles andere als ein Flanellmännchen…

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... über die Regierung von Ministerpräsident Tsipras und die Forderung nach einem griechischen Schuldenschnitt in unserem Griechenland-Dossier.

Sein Ministerium liegt im Auge des Sturms, der Griechenland seit Jahren bis tief ins Mark durchrüttelt: Von Varoufakis erwarten alle die Reformen, die Griechenland wieder aufrichten sollen – er muss die Gläubigerstaaten in der EU davon überzeugen, dass sein Land wirklich willens ist sich zu wandeln, um neue Kredite von ihnen zu erhalten. Sonst droht der Grexit: Griechenland raus aus dem Euro, mit Absicht oder aus Versehen. Wer ist dieser Mann, der sich das alles zuzutrauen scheint?   

Die ARTE Reporter durften ihn eine Woche lang bei seiner Arbeit begleiten, während der Verhandlungen und immer im Kreuzfeuer der Medien. Wir zeigen das Porträt eines ungewöhnlichen Mannes, eines Intellektuellen, eines Mannes der Wissenschaft, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Feuerprobe der Realpolitik zu bestehen.    
   

Von Ibar Aïbar und Soline Braun - ARTE GEIE / Spinnaker Productions – Frankreich 2015 

 

Interview mit dem Reporter Ibar Aibar über die Dreharbeiten mit Yanis Varoufakis

 

Von einem, der auszog, die EU das Fürchten zu lehren

 

Der Tagesspiegel hält Yanis Varoufakis für einen Anti-Politiker, die Zeit online betitelt ihn gar als "unglaublich weise und schön". Doch wie kommt es, dass der neue griechische Finanzminister alle Blicke auf sich zieht?

Der englische Guardian beschreibt ihn als Mann, der sein Umfeld mit seiner Energie ansteckt: "In einer Stunde Gespräch mit ihm, kann man ohne Probleme von marxistischen Theorien zu den Freuden der Jazzmusik kommen", schreibt die Zeitung. Der französische Figaro führt die Popularität des Ministers eher auf dessen Medienaffinität zurück und zitiert unter anderem den Blog des Wirtschaftswissenschaftlers. Paris Match hebt die menschliche Seite Varoufakis hervor – als Mann des Volkes. In einer Fotosession mit dem Magazin zeigte sich der Politiker von seiner privaten Seite: Getreu seinem gesunden Lebensstil verkostet er einen Salat mit seiner liebreizenden Ehefrau, bevor er sich erneut auf sein Motorrad schwingt und in den Kampf nach Brüssel zieht. Auf den ersten Blick peinlich und dann doch irgendwie sympathisch. Dennoch haben vor allem die Deutschen ihre Vorbehalte gegenüber dem Mann, der Minister wurde, um Europas Finanzpolitik zu reformieren.

Getrübt wurden die Beziehungen vor allem durch die sogenannte "Stinkefinger-Affäre". Während einer Konferenz zur griechischen Schuldenkrise soll Varoufakis Deutschland den Stinkefinger gezeigt haben. Das Video wurde bei der Talkshow von Günther Jauch Mitte März während eines Interviews mit dem griechischen Finanzminister eingespielt. Das Filmmaterial sei manipuliert, verteidigte sich Varoufakis, er habe Deutschland nie den Stinkefinger gezeigt. Seine Version unterstützte wenig später der deutsche Satiriker Jan Böhmermann in seiner Sendung Neo Magazin Royale – er und seine Redaktion seien in Wirklichkeit für den Stinkefinger verantwortlich:

 

Varoufakis gratulierte Böhmermann zu seinem Video via Twitter und während Böhmermann unter dem Hashtack Varoufake bei Twitter für Furore sorgte, hakt der griechische Finanzminster bei Jauch nach, ob da nicht eine Entschuldigung fällig wäre? 

 

 

Ob Fake oder nicht, da schieden sich die Geister. Sicher ist, Varoufakis hat den Stinkefinger gezeigt, aber die Szene wurde für die Talkshow aus ihrem eigentlichen  Zusammenhang gerissen. Fakt ist auch, Varoufakis hat in der EU-Finanzpolitik noch nicht sein letztes Wort gesagt – unterstützt von den Medien, die sich an einem Politiker erfreuen, der kein Blatt vor den Mund nimmt. 

 

Im Schatten des Helden

Bei einem so charismatischen Kabinettsmitglied ist es für die anderen Minister keine leichte Angelegenheit, auch mal zu Wort zu kommen. Dabei würden einige sicher auch gerne mal im Rampenlicht stehen.

 

Panagiotis Nikoloudis

Sein Kollege Panagiotis Nikoloudis ist beispielsweise im Ausland noch weitgehend unbekannt. Dabei wurde sein Amt mit Tsipras Regierung neu erfunden: Erstmals gibt es in Griechenland einen Anti-Korruptionsminister. In den vergangenen fünf Jahren stand er der Behörde für Geldwäsche vor. Nun hat er der Steuerflucht den Kampf angesagt und ist damit zumindest in Griechenland ein gefürchteter Mann. Nikoloudis will schnellstens verborgene Vermögen aufspüren und so die Staatskassen mit 2,5 Milliarden Euro auffüllen

 

 

Soos Lajos/MTI / ANADOLU AGENCY

Während die Reisen von Varoufakis durch alle Medien gehen, bleibt es eher still um den eigentlichen Repräsentanten Griechenlands im Ausland, Außenminister Nikos Kotzias. Dabei könnte er der Mann sein, der für bessere Beziehungen zu Deutschland sorgt: Der Technokrat mit poetischen Anflügen (er veröffentlichte unter anderem eine Gedichtsammlung) fand in den 70er Jahren in Deutschland Zuflucht vor der griechischen Militärjunta und studierte in Gießen. Doch Kotzias eckt mit seiner kommunistisch geprägten Weltanschauung durch seine Haltung zu Russland an: Direkt nach seiner Amtseinführung bezog er Stellung für Russland im Ukraine-Konflikt

 

 

Giorgos Stathakis

Wenn es darum geht, den EU-Geldgebern die Stirn zu bieten, hat Varoufakis in Giorgos Stathakis, dem Wirtschaftsminister, einen Mitstreiter gefunden, auch wenn dieser längst nicht so häufig zitiert wird wie der Finanzminister. Stathakis erste Amtshandlung bestand darin, die Privatisierung des Hafens von Piräus zu stoppen und das, obwohl die Privatisierung Teil der Sparauflagen Griechenlands sind.

 

 

Kammenos

Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos, Vorsitzender der rechtspopulistischen und ultranationalistischen Partei "Unabhängige Griechen", macht immerhin durch ungewöhnliche, historische Vergleiche von sich reden. So verglich er das Aufbegehren der neuen Regierung gegen die Geldgeber Griechenlands mit dem Widerstand der Griechen gegen die Truppen des Sultans im 19. Jahrhundert.

 

Ein Internetdossier von Uwe-Lothar Müller und Janina Schnoor.