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Griechenland: Scharia – im Herzen der EU

Länder: Griechenland

Tags: Frauen, Thrakien, Scharia, EGMR

Mitten in der EU leben 100 000 Menschen unter dem Recht aus dem Koran, der Scharia: die Pomaken, Muslime slawischen Ursprungs, in den Bergen Thrakiens, im Nordosten Griechenlands. Die Mehrheit hat türkische Wurzeln, andere sind Roma. Vor allem für die Frauen ist das Leben hart: Die Scharia bestimmt ihr Familien- und Sozialleben - wen sie sieht, was sie trägt, wo sie hingeht, wen sie heiratet…

Grece : La Charia Au Coeur De L'Europe

 

Am deutlichsten wird das Verhältnis zwischen Mann und Frau bei den Gelegenheiten, die zur Hochzeit zwischen den Geschlechtern führen sollen. Die Mädchen im heiratsfähigen Alter machen sich hübsch und flanieren zu dutzenden stundenlang vor den potentiellen Ehemännern, jungen Männern im Café - ein Schauspiel, wie es sich zeitgleich in fast allen pomakischen Dörfern von Thrakien bietet. Nicht das griechische Zivilrecht entscheidet in den Pomaken-Döfern, sondern der Mufti nach den Suren des Koran.

Manche Frauen aber trauen sich aufzubegehren, sie wollen nicht länger hinnehmen, dass es ihr Los sein soll, ihr Leben als Gefangene in Haus und Hof zu fristen, ohne Recht auf ein Minimum an Bildung und Selbstentfaltung. Beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg klagt eine von ihnen gegen das Joch der Scharia. Unsere Reporterin sprach mit den Frauen, die aufbegehren, aber auch mit den Hardlinern, gleichermaßen übrigens Männer und Frauen, die festhalten wollen am sogenannten Recht in Allahs Sinn.   
 

Von Adéa Guillot – ARTE GEIE / West Morisson Production – Griechenland 2014 

 

 

Interview mit Adéa Guillot

"Die Frauen, die ich dort traf, die erstickten förmlich in diesen Zuständen, aber sie hatten den Mut, uns das auch in die Kamera zu sagen."

Seit sie vor sieben Jahren nach Griechenland zog, beschäftigt sich die französische Journalistin Adéa Guillot mit „dieser Region, in der die Menschen unter der Scharia leben, ausgerechnet im beinahe rein orthodoxen Griechenland“. Sie erzählt uns von der Hoffnung einer neuen Generation von Frauen dort und ihrem zähen Kampf, die Verhältnisse zu ändern, auch mit Hilfe einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

 

 

 

Im Februar 2014 reichte Chatitze Molla Sali vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage ein: Ihr verstorbener Mann hatte sie in seinem Testament als Alleinerbin eingesetzt. Die Gemeinde aber wollte dies, den Traditionen der Scharia gemäß, nicht anerkennen und sprach stattdessen, entgegen dem griechischen Zivilrecht, das Erbe der Familie des Ehemannes zu. „Das ist das erste Mal überhaupt, das seine Frau aus dieser Region es wagt, gegen die herrschenden Verhältnisse zu klagen. Ihr Anwalt ist sehr  zuversichtlich, dass das Gericht die durch die Anwendung der Scharia verursachte Ungleichbehandlung der Menschen in Thrakien vor dem Gesetz im Vergleich zur Mehrheit der Griechen verurteilen wird, ganz im Sinne der Klägerin“, sagt die Reporterin (@Adea_Guillot auf Twitter).

 

Einige Fotos von den Dreharbeiten: 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016