"Grande-Synthe, das Grab der Republik" von Gaël Turine

Länder: Frankreich

Tags: Réfugiés

Der Fotograf Gaël Turine fuhr nach Grande-Synthe, wo die Flüchtlinge in einem Wald Zuflucht gefunden haben. Dort leben sie unter schwierigsten Bedingungen.

Grande-Synthe ist eine Industriegemeinde mit etwas über 20.000 Einwohnern in der Region Nord-Pas-de-Calais. Vom „Nationalen Komitee der Blumen-Gemeinden“ wurde sie mit „vier Blüten“ ausgezeichnet.

Die Gemeinde liegt 6 km vom Hafen von Dunkerque entfernt und ca. 40 km vom Hafen von Calais. Im Juli vergangenen Jahres ließen sich dort Migranten nieder. Im Sommer 2015 waren es 80, heute sind es über 3500. Genau wie die Migranten im Dschungel von Calais wollen sie alle nach England.

Eine große Gruppe von Kurden, hauptsächlich aus dem Irak und aus Syrien, kehrte dem großen Dschungel von Calais den Rücken, weil dort nach ihrer Meinung inzwischen zu viele Afghanen, Eritreer, Sudanesen und Pakistanis lebten. Jetzt wohnen sie im Gemeindewald Basroch.

Um zu verhindern, dass die Lage die Tag für Tag schlimmer wird, wollte der Bürgermeister von Grande-Synthe die Aufnahme organisieren. Allerdings stieß er damit auf den Widerstand des Präfekten sowie bei Behörden und Politik, die sich der Migranten nicht annehmen wollten, aus Angst, dann nur noch mehr anzulocken.

Im November 2015 entsteht inoffiziell der „Dschungel von Grande-Synthe“. Er ist weniger groß als der von Calais, erweist sich aber als schlimmer: das Gebiet ist matschig mit vielen Bäumen und es gibt dort weder Aufnahmeeinrichtungen, Schulen, Geschäfte noch von Migranten geführte Lokale.

Die Präsenz der Behörden zeigt sich ausschließlich im großen Polizeiaufgebot um den Dschungel.

Im Gegensatz zu Calais, wo sich wenige Familien aufhalten, fristen in diesem Not-Camp, eben wegen der Familien, mehr Iraker, Syrer und Iraner ihr Dasein. Über 200 Kinder und Minderjährige „residieren“ im Wald von Basroch.

Wie zum Beispiel Familie Hosseyn mit sechs Kindern zwischen 18 Monaten und 16 Jahren. Die Mutter, Nowrouz Ismaël, und der Vater, Herdy Hosseyn, stammen beide aus dem kurdischen Teil des Irak. Nie hätten sie sich träumen lassen, dass der Weg nach England in Frankreich enden würde, in einer so beklemmenden Umgebung. Sie fühlen sich vom französischen Staat erniedrigt und von den Schleusern ausgebeutet. Für wie lange sie noch in Grande-Synthe ausharren müssen, ist nicht absehbar. Und so rückt die Aussicht auf eine Überfahrt nach England in immer weitere Ferne. Für eine Familie ist die Fahrt über den Ärmelkanal sehr teuer und für die Kinder zu gefährlich. Nowrouz und Hosseyn entscheiden sich gegen das „Unmögliche“. Einzig und allein die Hilfsbereitschaft der NGOs hilft ihnen, die schrecklichen Lebensbedingungen durchzustehen. Denn Winter, Regen und Kälte machten den Dschungel zum Albtraum.

 

 

Mit ihrer Politik, die Migranten in solchen Lebensbedingungen zu belassen, betreibt die französische Regierung „institutionalisierte Vernachlässigung“. Wie kann Frankreich eine solche Situation im eigenen Land nur dulden? Die Werte der Republik scheinen in diesen Elendslagern begraben worden zu sein.

Unter Leitung der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ und der Gemeinde Grande-Synthe sollen 2500 Menschen in beheizte Zelte umziehen.

Sobald die Migranten weg sind, soll im Wald von Basroch ein Ökoquartier mit 500 Wohnungen entstehen. Vielleicht gewinnt die Gemeinde dann auch noch eine fünfte Blüte.

Gaël Turine

Interview