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Gibt es zu viele Steuern?

Länder: Europäische Union

Tags: durchgecheckt, Steuern, Steuersatz

„Zu viele Steuern töten die Steuer“ – dieser Gemeinplatz wurde erst kürzlich vom französischen Premierminister Manuel Valls wieder aufgegriffen. Zahlen wir zu viele Steuern? 

Zu viele Steuern? Eine alte Theorie… die bis heute ihre Anhänger hat.

Der berühmte Ausspruch „Zu viele Steuern töten die Steuer“ wurde durch die Laffer-Kurve geprägt, die der US-amerikanische Ökonom Arthur Laffer in den 1970er Jahren entwickelte, ist aber schon seit dem 19. Jahrhundert Bestandteil der wirtschaftsliberalen Argumentation. Laffer geht davon aus, dass ein niedriger Steuersatz ein mindestens ebenso hohes Steueraufkommen generieren kann wie ein hoher, da sich die Steuerbelastung negativ auf das Erwerbsverhalten auswirkt.

Es gibt viele Anhänger dieser Theorie, vor allem in der Politik. So beeinflusste sie die Wirtschaftspolitik Ronald Reagans, der nach seiner Wahl zum US-Präsidenten 1981 massive Steuersenkungen durchsetzte. Daneben geißeln auch viele Wirtschaftswissenschaftler regelmäßig die Höhe der Steuern. Im vergangenen Jahr kritisierte EU-Kommissar Michel Barnier im Namen der Europäischen Kommission die Höhe der Steuern in Frankreich.

Eine zu hohe Besteuerung führe angeblich zu gegenteiligen Effekten, da in der Konsequenz immer weniger zum Besteuern da sei. Das zumindest ist das Argument von Jean-Yves Naudet, einem französischen Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Aix-Marseille III, der schreibt: „Bei hohen Steuersätzen sinkt das Steueraufkommen, weil die Bemessungsgrundlage sich verringert.“ Steuererhöhungen würden die Wirtschaftsbeteiligten von der Wertschöpfung abhalten, da der Staat einen Großteil der Früchte ihrer Arbeit einbehalte. So argumentierte schon 1776 Adam Smith: „Die Steuer kann den Fleiß der Leute beeinträchtigen und sie davon abhalten, sich bestimmten Handels- oder Berufszweigen zu widmen.“  Oder wie es der Ökonom Pascal Salin ausdrückt: „Wir sind nichts anderes mehr als Sklaven einer Steuerdiktatur.“  

 

Töten zu viele Steuern wirklich die Steuer?

Auf dem Papier scheint die Argumentationskette Sinn zu ergeben, doch in der Praxis konnte die Richtigkeit von Arthur Laffers Theorie nie eindeutig nachgewiesen werden. So gibt es keinen wechselseitigen Zusammenhang zwischen Wachstum und Steuersatz, wie unsere animierte Infografik zeigt. Die Steuer tötet also nicht die Beschäftigung. Ein weiteres Gegenargument: In der Vergangenheit gab es Steuersätze, die deutlich über den aktuellen lagen, ohne dass das Wachstum darunter gelitten hätte (zum Beispiel war das Wachstum in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die 1980er Jahre deutlich höher). In jedem Fall sind die Auswirkungen der Besteuerung auf die Beschäftigung nicht so eindeutig, wie es nach den wirtschaftsliberalen Theorien den Anschein hat – das hat Thomas Piketty aufgezeigt.

Außerdem wurden in vielen Ländern der EU in den vergangenen 20 Jahren die Steuern deutlich gesenkt, ohne dass dies zu einem nennenswerten Aufschwung geführt hätte. In Frankreich beispielsweise bestätigt eine Untersuchung der französischen Statistikbehörde Insee, dass die in den Jahren 1999 bis 2008 gewährten Steuererleichterungen nicht zu einem dauerhaften Beschäftigungszuwachs oder einer Zunahme der Steuereinnahmen geführt haben. Letztere entwickelten sich im Gegenteil sogar rückläufig, und die französische Staatsverschuldung läge um etwa 20 Prozentpunkte des BIP niedriger, wenn die Steuern auf dem Niveau Ende der 1990er Jahre geblieben wären. Das gilt für Jérôme Creel, Éric Heyer und Mathieu Plane auch und gerade in der aktuellen Situation: Die drei französischen Forscher behaupten, dass man sich in Krisenzeiten lieber für Steuererhöhungen als für Ausgabenkürzungen entscheiden sollte, wenn man sein Haushaltsdefizit in den Griff bekommen wolle.

 

Zu viele Steuern? Und wenn das eigentliche Problem ganz woanders liegt?

Thomas Piketty bringt es in der Sendung auf den Punkt: „Es ist normal, dass man über die Steuer streitet. Alles andere wäre erstaunlich in unseren Gesellschaften, in denen praktisch die Hälfte des jährlich produzierten Reichtums in Form von Steuern und anderen Beitragszahlungen zum Allgemeingut gemacht wird. […]. Es ist normal, dass man diese massiven Abgaben ständig in Frage stellt. Es ist eine völlig legitime Debatte, die wir nicht scheuen sollten. […]. Sind sie denn wirklich überzogen? Sagen wir, es kommt darauf an, was man mit den Steuergeldern macht. Denn im Grunde ist diese finanzielle Herausforderung eine Frage der Demokratie.“ Mehr als über die Höhe der Steuern müssten wir uns also darüber Gedanken machen, welche Bereiche wir vergesellschaften wollen. 

Und eine weitere Frage drängt sich auf: die Frage nach der sinnvollen Verwendung von Steuergeldern. Bei gleichbleibendem Steuersatz können die Steuereinnahmen nämlich sehr unterschiedlich investiert werden.
Es gibt also eine Menge guter Gründe, über Steuern zu diskutieren. Ihre Höhe gehört nicht unbedingt dazu.
 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016