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Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika

Länder: Argentinien

Tags: Frauenrechte, Lateinamerika, Gewalt gegen Frauen

In Lateinamerika stirbt alle 31 Stunden eine Frau unter den Schlägen eines Mannes. Dennoch blieb das Thema bisher ein Tabu in den machistischen Gesellschaften des Kontinents. In Argentinien hat nun eine Reihe von besonders abscheulichen Frauenmorden, sogenannte Femizide, einen Bewusstseinswandel eingeleitet.

Der Tatbestand "Femizid" wurde schon in 16 Ländern des lateinamerikanischen Kontinents im Gesetz verankert und kann mit lebenslänglichen Strafen geahndet werden. 

 

Am 3. Juni 2015 gingen landesweit Hunderttausende auf die Straße um gegen die Morde an Frauen zu protestieren, nicht nur in Argentinien sondern auch in den Nachbarländern Chile, Uruguay und Mexiko. Physische und sexuelle Gewalt, Mord und Todschlag an Frauen – alle lateinamerikanischen Gesellschaften leiden unter diesem Phänomen, wie eine Studie der Panamerikanische Gesundheitsorganisation PHAO von 2013 belegt. Danach hält Bolivien den traurigen Rekord der Gewalt gegen Frauen auf dem Kontinent, jede zweite Frau zählt hier zu den Opfern häuslicher Gewalt. ARTE Journal sprach mit der argentinischen Genderbeauftragten Estela Diaz über die Ursachen der Gewalt an Frauen und den langsamen Gesinnungswandel in Lateinamerika.

 

ARTE Info: Noch nie haben in Argentinien so viele Menschen gegen Gewalt gegen Frauen demonstriert. Wie kann man das augenblickliche Klima im Land beschreiben? 

Estela Diaz: Die Menschen in Argentinien sind gestern auf die Straße gegangen, um einen dringend überfälligen gesellschaftlichen Wandel einzufordern. Diese Mobilisierung der Massen ist wie ein Ruf des Volkes: Schluss mit den Frauenmorden, Schluss mit dem Femizid. Das heutige Argentinien ist von dem Aufgebehren der Frauen gegen eine immer noch sehr patriarchalische Gesellschaft geprägt. Aber eine gesunde Demokratie muss  geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und gezielte Tötung von Frauen verurteilen. Das ist kein privates Problem, es handelt sich hier um eine Verletzung der Menschenrechte in unserem Land und wir sind dabei, dem Phänomen Gewalt gegen Frauen eine Stimme zu geben. 

 

Welche konkreten Maßnahmen könnten die Situation der Opfer dieser Gewalt verbessern? 

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Unterstützt von Prominenten, wie dem argentinischen Star-Fußballer Lionel Messi  auf seiner Facebookseite wirbt die Kampagne #NiUnaMenos (Nicht Eine Weniger) für mehr Aufmerksamkeit zum Thema Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika.  

In den letzten Jahren konnte man erste Veränderungen beobachten. Es gibt zum Beispiel immer mehr weibliche Präsenz in den politischen Sphären, aber auch der Platz der Frau im Privatleben verändert sich. Es gab einschneidende Gesetzesänderungen, in erster Linie die Anerkennung des Femizid, also des Tötung von Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, im Strafgesetzbuch. Aber auch wenn es neue Gesetze gibt, so verändern sich die Mentalitäten doch sehr langsam. Die Gewalt gegen Frauen ist von jeher ein Tabu. Man müsste ein öffentliche Buchhaltung der Gewalttaten gegen Frauen einführen und die Opfer in ihrem Weg durch die Justiz viel besser begleiten. Auch im Arbeitsrecht müsste es spezifische Regelungen geben, die Frauen besser gegen gewalttätige Übergriffe schützen. Anstatt sie an den Pranger zu stellen, müssten die Opfer der Gewalt unterstützt werden. Sexistische Publikationen oder Objekte müssten verbannt werden. Wir leben in Argentinien in einer Gesellschaft, die noch tief im Machismus verankert ist, aber es ist an der Zeit, das zu ändern. Auch die Medien tragen hier ihren Part der Verantwortung, sie sollten aufhören, den Femizid als spektakulären Aufhänger zu missbrauchen und die Opfer dem medialen Voyeurismus preiszugeben. 

 

Nicht nur in Argentinien werden Frauen von Männern misshandelt, unterdrückt und ermordet. Wie erklären sie sich dieses in Lateinamerika weit verbreitete Phänomen?

Die Problematik der Gewalt gegen Frauen ist in allen Ländern unseres Kontinents sehr präsent. Das liegt in erster Linie an unserer Kulturgeschichte und ihrer fundamental machistischen Prägung. Auch die katholische Kirche und ihre Hierarchie spielt eine Rolle in der Diskriminierung der Frau. Der große Zulauf zu den Demonstrationen gestern uns motoviert und allen viel Aufwind gegeben unseren Kampf für einen gesellschaftlichen Wandel fortzusetzen. Die Situation der Frauen in Argentinien muss und wird sich verbessern, wir sollten hier auch ein Beispiel für unsere Nachbarländer in Südamerika werden. So ein Wandel ist immer ein langwieriger Prozess.

Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika

Quelle: Report der PAHO (Pan American Health Organization) 2013, Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika und der Karibik.

Lesen Sie auch:

Die dramatische Situation von Frauen in Bolivien (E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit)

Die Frauenrechtskonvention Belém do Para aus dem Jahr 1994 wurde von fast allen Lateinamerikanischen Staaten unterschrieben, jedoch nur sehr lückenhaft umgesetzt.

Fakten zum Thema Gewalt gegen Frauen, veröffentlicht von der Weltgesundheitsorganisation.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016