|

Gerechtigkeit für Medizinstudenten

Länder: Deutschland

Tags: Bildung, Medizin, Studium

Wer bisher in Deutschland Medizin studieren wollte, musste über zwei Dinge verfügen: Einen Spitzen-Abiturschnitt oder große Geduld. Nun hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass die Studienplatzvergabe neu gestaltet werden soll. Die Entscheidung wird von Wissenschaft und Politik begrüßt. 

Derzeit kämpfen fünf Bewerber um einen Studienplatz im Fach Humanmedizin. In 13 von 16 Bundesländern wird bis heute ein Notendurchschnitt von 1,0 verlangt. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe sah durch solche Auswahlkriterien die Chancengleichheit unter den Studenten eingeschränkt. Nach gut 45 Jahren, in denen sich das Gericht immer wieder mit dem Problemfall Medizinstudiengang auseinandersetzen musste, wurde nun eine Entscheidung gefällt: Das Auswahlverfahren muss angepasst werden und soll in allen Bundesländern einheitlich sein.

Bundesländer-Kluft

Nicht alle Abiturprüfungen sind in jedem Bundesland gleich schwer. Wer beispielsweise in Thüringen die Prüfungen ablegt, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit eine bessere Note zu bekommen, als in Bayern oder Niedersachsen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer im richtigen Bundesland Abitur macht, hat höhere Chancen auf einen Studienplatz

Zukünftig müssen neben der Abiturnote weitere Kriterien berücksichtigt und in den Auswahlprozess integriert werden. Laut Richterspruch sollen auch Eignungsgespräche entwickelt werden, welche es in "standardisierter und strukturierter Form" an allen Universitäten geben soll. Begrenzen will das Gericht ebenfalls die Wartezeit. Als dritten Knackpunkt wurde die Standortwahl kritisiert. Aktuell muss sich ein Student bei seiner Bewerbung auf sechs Universitäten festlegen. Sind diese bereits voll, bekommt der Bewerber keinen Studienplatz, obwohl er womöglich in anderen Hochschulen, über die Sechs hinaus, genommen worden wäre. Bis Ende 2019 müssen die drei grundlegenden Kritikpunkte geändert werden.

 

In Wissenschaft und Politik hat das Urteil eine Welle an Lob hervorgerufen:

Konstantin Notz, Grünen-Abgeordneter

 

Das richtige Signal zur richtigen Zeit. Eine gute Nachricht für viele hochmotivierte junge Menschen, denen der Zugang zum Arztberuf bislang de facto versperrt ist.

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer - 19/12/2017

Die Abiturnote bleibt ein wichtiges Indiz, aber in Zukunft muss das individuelle Talent und auch eine passende Vorbildung wichtiger werden.

Hubertus Heil, SPD-Fraktionsvize - 19/12/2017

 
 
 
 
 
 
 

 

Lutz Stroppe, Staatssekretär Bundesministerium für Gesundheit

 

Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur, Rheinland-Pfalz 

Sogenannte weiche Faktoren wie Empathie, soziale Kompetenz und Kommunikationsfreudigkeit können durch ein persönliches Auswahlgespräch festgestellt werden.

Dirk Heinrich, Vorsitzender des Verbandes niedergelassener Ärzte - 19/12/2017

 

Auch weiterhin wird nicht jeder Studienplatzbewerber im Fach Medizin zum Zuge kommen, das Verfahren muss aber gerechter werden.

Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes - 19/12/2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutscher Hausärzteverband

 

Bernd Riexinger, Parteivorsitzender Die Linke

 

CDU-CSU-Fraktion

 

 

Zugangsverfahren in Frankreich
In Frankreich darf jeder mit einem Abiturabschluss, unabhängig von der Note, Medizin studieren. Zu Beginn befinden sich alle Studenten aus den Bereichen Medizin, Pharmazie, Zahnmedizin und Geburtshilfe in einem Studiengang. Am Ende des Jahres müssen die Studenten eine Aufnahmeprüfung ablegen, um weiter studieren zu können. Durchschnittlich schafft nur einer von vier Studenten diesen Test.

 

Zuletzt geändert am 21. Dezember 2017