|

Generation wahllos? Ein Rückblick

Länder: Deutschland

Tags: Angela Merkel, Bundestagswahl 2017

Knapp 12 Jahre lang lenkt Angela Merkel nun schon die Geschicke der Bundesrepublik - wie es kurz nach dem Wahlsonntag aussieht, stehen ihr noch weitere vier Jahre bevor. Besonders die "U35-Generation", zu der auch wir gehören, kennt kaum jemand anderen als "Mutti" am Hebel. Kurz vor der Bundestagswahl haben Aliénor und ich Deutschland von West nach Ost durchquert, uns in junge Wohnzimmer einquartiert und nachgefragt: Interessiert man sich da überhaupt noch für Politik? Unser Rückblick auf die "Generation wahllos".

Nehmen wir es gleich vorweg: Kann man mit der "Jugend von heute" noch über Politik sprechen? Man kann - und wie! 20 Tage lang sind wir durch die Bundesrepublik gereist, haben uns bei der "U35" einquartiert und haben sie in die Eisdiele, zur Theaterprobe, zur Europa-Kundgebung, in die Firma, in die Kirche, zur AfD-Demo oder zur Familienfarm begleitet. Dabei haben wir festgestellt: Jeder einzelne hatte eine klare, interessante, häufig auch differenzierte Meinung zur Politik.

 

Politik wird für Alte gemacht

Dennoch knirschte unsere Generation oft mit den Zähnen, wenn es um die Parteien ging. Aber wer kann ihnen das verdenken, nach einem Wahlkampf, der vor allem ältere Semester ansprach? "Junge" Themen wie Bildung haben in den letzten Wochen kaum eine Rolle gespielt, in den Talkrunden wurde stattdessen mit Dauerklassikern wie der Wirtschaft oder der Flüchtlingsdebatte eingeheizt. "Da fühlt man sich einfach verarscht", fasst das Julian, mit dem wir in Köln das TV-Duell anschauen, unmissverständlich zusammen. Wir können uns ein Nicken kaum verkneifen. Manchmal muss man durch die Augen eines anderen sehen, um festzustellen: Stimmt, da stimmt doch was nicht.

 

Politik wird nicht für junge Deutsche gemacht. Das mag teils daran liegen, dass sie seltener an die Urnen gehen. Vor allem aber ist die alte Gesellschaft Schuld...

Es mag daran liegen, dass die unter 30-Jährigen nur 16 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen. Oder daran, dass junge Menschen am Wahltag immer häufiger zu Hause bleiben. Nico Semsrott, Kabarettist und Berliner Kandidat für die Satire-Partei "Die Partei", bringt es kurz vor dem Ende unseres Roadtrips noch einmal auf den Punkt: "Politik wird nicht für junge Deutsche gemacht. Das mag teils daran liegen, dass sie seltener an die Urnen gehen. Vor allem aber ist die alte Gesellschaft Schuld. Diese reiche, alte Gesellschaft, die nicht will, das sich etwas ändert."

 

 
Flüchtlinge: "Ich verstehe nicht, wo das Problem ist"

Dabei hat die junge Generation etwas beizutragen, selbst zur Flüchtlingsdebatte. Oder vor allem, müsste man sagen, denn das Thema hat bei fast jeder Station eine Rolle gespielt: Ob in Würselen, wo Emma Flüchtlinge als Klassenkameraden hat, in Aachen, wo der "integrierte Flüchtling" Ali besorgten Bürgern am Telefon antwortet, in Dortmund, wo Till einen Flüchtling angestellt hat, oder in Magdeburg, wo Andrea für die Flüchtlingshilfe arbeitet. Die "Flüchtlingsströme", von denen die Medien gerne sprechen, haben die Bundesrepublik definitiv verändert, sind bis in den Alltag der Deutschen gedrungen, auch der jungen. Der Unterschied zur Debatte, die in den letzten Wochen über die Bildschirme geblitzt sind: Unsere "U35" versteht das Problem einfach nicht - für sie sind sind die Geflüchteten einfach neue Deutsche. "Erwachsene können das einfach nicht nachvollziehen, aber für uns Kinder ist das unkompliziert", erklären uns die 12-jährige Emma und ihre Freunde, mit denen wir durch die Straßen Würselens ziehen.

 

Randphänomen AfD

Die einzige Ausnahme unserer Reise bildet die AfD-Demo in Magdeburg, wo uns zwei junge Deutsche ihre Ängste vor der "Überfremdung" mit auf dem Weg gegeben haben. Bis wir die beiden in einem Meer grauer Haare gefunden haben, hat es allerdings lange gedauert. Generell kommt die AfD nicht bei unserer Generation nicht besonders gut an. Weder bei der 27-jährigen Almut, die in Merkels Heimatstadt Templin aufgewachsen ist, noch bei Till, dem Jungunternehmer aus Dortmund. Schon überraschend: Deutsche Bauern, deutsche Familienunternehmen - klingt eigentlich nach AfD-Paradies. Immer wieder betont die Partei, das sie "solche" Menschen repräsentieren will. Tut sie aber anscheinend nicht, zumindest nicht die jungen Exemplare, die wir getroffen haben.

 

Merkelland: Irgendwo zwischen Status Quo...

Mutti wollen die beiden hingegen gerne noch länger auf dem Chefsessel wissen. Für Till verspricht sie die nötige Stabilität für das Familienunternehmen, Almut hält sie für die große Ausnahme in einer Politikerkaste, die viel labert und wenig anpackt.

Was bringt mir ein faltiges Gesicht auf einem Wahlplakat?

Generell waren wir überrascht, wie viele Merkelfans uns begegnet sind: Cate, die schon 27 Länder alleine mit dem Motorrad bereist hat ist darunter, genauso Ali, der integrierte Flüchtling oder Joel, der angehende Pastor. Merkel sei authentisch, unaufgeregt, diplomatisch. Sie habe sich durch ihr "Wir schaffen das" wieder Respekt verschafft: Immer wieder hören wir das, dabei dachten wir eigentlich, unsere Generation hätte die Nase voll von der ewigen Kanzlerin. Es gibt aber auch kritische Zwischentöne gegenüber Merkel, gegenüber der Politik generell, die von absoluter Unlust bis hin zum Frust rangieren. Auf dem Weg nach Magdeburg quatschen wir mit unseren Mitfahreren, die noch weiter bis Leipzig fahren. "Was bringt mir ein faltiges Gesicht auf einem Wahlplakat?", lacht Fanny in die Kamera. Auch Martin, der bisher noch nie gewählt hat, fühlt sich von der Politik nicht angesprochen. Beide würden sich gerne mehr engagieren und informieren - Martin traut der traditionellen Presse allerdings nicht über den Weg, Fanny fehlen die "Kommunikationsmittel, die die schnelllebige Generation braucht," Apps zum Beispiel. 

 

...und der Lust, die Zukunft zu gestalten

Viele der jungen Deutschen, die wir kennengelernt haben, nehmen die Dinge deswegen selbst in die Hand: Almut will Bürgermeisterin werden, Philipp ist schon einer. Unsere "Würselener cool kids" möchten sich dafür einsetzten, dass es doch noch eine Politik-AG an der Schule gibt. Lara-Marie und Louisa, die wir auf der Pulse of Europe-Demo in Köln kennenlernen, kämpfen für ihr Europa, dass für unsere Generation vielleicht zu selbstverständlich geworden ist. In der gleichen Stadt organisiert die bunt zusammengewürfelte Truppe von "Köln spricht", mit der wir das TV-Duell angesehen haben, kreative Aktionen wie eine politische Kneipentour, um die Diskussion über Demokratie wieder anzuregen. In Dortmund nimmt der junge Unternehmer einen Flüchtling auf, in Braunschweig stemmen die jungen Christen Gewichte, um Geld für eine Hilfsorganisation zu sammeln. Die WG in Magdeburg geht teils auf die AfD-Demo, um sich zu informieren, teils auf die Gegendemo, um zu protestieren. In Berlin sorgen die jungen Mitglieder von "Die Partei" dafür, dass die klassischen Parteien durch den Kakao gezogen werden - einer muss es ja machen.

 

Die Moral von der Geschicht?

Politik mag junge Leute nicht. Dabei mögen sie die Politik - und hätten auf jeden Fall etwas beizutragen. Egal, wo wir Halt gemacht, mit wem wir gesprochen oder gelacht haben: Wir hatten immer das Gefühl, dass unsere U35-Generation froh war, dass sie über Politik sprechen konnte. Nun wird es Zeit, dass ihr jemand zuhört.

 

Zuletzt geändert am 26. September 2017