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"Genau das passiert, wenn man Flüchtlinge reinlässt"

Länder: Deutschland

Tags: Köln, Flüchtlingskrise, sexuelle Übergriffe

Die Ereignisse von Köln bewegen mittlerweile nicht mehr nur die deutschen Medien, sondern haben auch international für Aufruhr gesorgt. Dabei wird eines deutlich, der deutsche Umgang mit den Flüchtlingen, die Merkel’sche Willkommenskultur und die journalistische Aufarbeitung der Übergriffe in Köln werden kritisch beäugt. Besonders die USA und Ungarn beziehen scharf Stellung. ARTE hat für Sie eine internationale Presseschau zusammengestellt, die deutlich macht, welches Bild die verschiedenen Länder von Deutschland derzeit haben. 

"The New York Times", USA

Germany on the brink

New York Times

"Deutschland auf der Kippe", titelt New York Times Kolumnist Ross Douthat und rechnet mit Deutschlands derzeitiger Flüchtlings- und Merkels Willkommenspolitik ab. Die Vorfälle in Köln, Hamburg und auch Helsinki seien gezielt von den Behörden heruntergespielt worden, da "sie Merkels Politik vom Massenasyl ungelegen kommen", schreibt der Autor. Dabei sei die Debatte alles andere als neu. Konservative Politiker auf beiden Seiten des Atlantiks hätten seit Jahrzehnten davor gewarnt, dass eine zu großzügige europäische Migrationspolitik den ganzen Kontinent aus dem Gleichgewicht bringen könne.

"Wir befinden uns auf unbekannten Terrain", erklärt Douthat, wenn er darauf anspielt, dass ein hoher Anteil der Flüchtlinge in ihren Zwanzigern und männlich sei. "Wenn Sie glauben, dass eine alternde, weltliche und weitgehend homogene Gesellschaft eine Zuwanderung solcher Größe und solcher kultureller Unterschiede friedlich auffängt, dann haben Sie eine glänzende Zukunft als Sprecher der derzeitigen deutschen Regierung", so Douthat, "aber Sie sind auch ein Idiot". Denn eine Polarisierung der hiesigen Bevölkerung, aber auch der Flüchtlinge sei da vorprogrammiert. Das könnte wiederum, so warnt der Kolumnist, zu mehr Terrorismus und politischer Gewalt im Stil der 1930er Jahre führen.

Laut Douthat sollen vier Maßnahmen Deutschland aus der Krise hieven: Die Schließung der Grenzen, die Ausweisung junger kräftiger Männer, aber muss Deutschland sich auch von der Illusion verabschieden, seine Sünden mit rücksichtloser Humanität reinwaschen zu können. Schließlich, so der Autor, müsse Merkel gehen – und dass, damit ihr Land und der Kontinent, der es trägt, vermeiden könne, einen zu hohen Preis zu zahlen für ihren wohlmeinenden Wahnsinn.

 

Die deutsche Kanzlerin hat außergewöhnliche Führungsqualitäten bewiesen.

New York Times

Der Kolumne von Douthat stellt die New York Times ihre eigene Sichtweise gegenüber. Zwar tadelt auch das "Editorial Board" Europas Handhabung des Flüchtlingsandrangs. Lediglich 300 der 160.000 Flüchtlinge auf deren Umverteilung man sich einigen konnte, hätten die überforderten Länder Italien und Griechenland verlassen. "Es muss Sanktionen geben, wenn Länder sich weigern, ihren Teil beizutragen." Auch sei es skrupellos, die Türkei als Auffangbecken für Flüchtlinge zu nutzen oder bei Menschenrechtsverletzungen ein Auge zuzudrücken, solange das Land Flüchtlinge davon abhalte, auf den europäischen Kontinent zu gelangen. "Legale Migrationswege sind die beste Möglichkeit, den Flüchtlingsstrom zu kontrollieren, Schmuggler aus dem Geschäft zu drängen und Tote zu vermeiden", so die Kommentatoren.

Anders als bei Douthat erntet Angela Merkel für ihre Willkommenspolitik aber Anerkennung. "Die deutsche Kanzlerin hat außergewöhnliche Führungsqualitäten bewiesen", schreibt die New York Times. Merkels Neujahrsansprache, bei der sie die ‚Integration von so vielen Menschen als 'Chance von morgen' bezeichnete, sei eine Nachricht, der ganz Europa folgen solle. 

 

"The Washington Post", USA

So sahen sich einst auch die Vereinigten Staaten – heute scheint dies eine Ewigkeit zurückzuliegen.

Washington Post

Kolumnist Michael Gerson von der Washington Post geht noch weiter: "Merkel ist mit Abstand die wichtigste Anführerin Europas. (…) Indem sie eine Million Flüchtlinge aufnimmt, geht sie das größte Risiko ihrer politischen Laufbahn ein", schreibt der Autor. Während alleine der Kreis Dachau in Bayern 1.600 Flüchtlinge aufgenommen hätte, seien es lediglich etwa 2.000 in den USA gewesen. Gerson schlussfolgert, Deutschland habe sich der Menschenwürde verschrieben. "So sahen sich einst auch die Vereinigten Staaten – heute scheint dies eine Ewigkeit zurückzuliegen."

 

"Le Point" & "iTélé", Frankreich

Diese Zeitbombe hat dazu geführt, dass manche Länder bereits ihre Grenzen geschlossen haben.

Le Point

Sehr wenige französische Medien haben die Ereignisse von Köln kommentiert. Michel Colomès der französischen Wochenzeitung Le Point titelt: "Köln – Flüchtlinge: Die potentielle demografische Bombe": "Seit Beginn der Flüchtlingskrise sind sehr viel mehr Männer als Frauen nach Europa gekommen". Sollten also keine Maßnahmen ergriffen werden, könnte das Fehlen der Frauen zu einem demografischen Ungleichgewicht in den Ankunftsländern führen. "Diese Zeitbombe hat dazu geführt, dass manche Länder (Ungarn, Polen, Tschechien, Slowenien, Dänemark und Schweden) bereits ihre Grenzen geschlossen haben", so Colomès.

Claude Askolovitch, politischer Redakteur beim Nachrichtensender iTélé argumentiert, die Angriffe von Köln könnten den Rechtsextremen in die Hände spielen. Er fürchtet, dass die Angst, die von den Ereignissen in Köln ausgeht, länger andauern könnte als das Gefühl der Einheit, das nach dem Attentat auf das Satiremagazin Charlie Hebdo aufkam.  

"The Guardian", Großbritannien

Es scheint, als hätten alle nur auf einen Vorfall gewartet.

The Guardian

"Eine Million Flüchtlinge 2015, die Attentate von Paris und rechtsextreme Parteien wie Pegida und die AfD: Die Flüchtlingsdebatte polarisiert und es scheint, als hätten alle nur auf einen Vorfall gewartet", schreibt Doris Akrap vom Guardian. Trotz der Berichterstattung über jede einzelne kleine Prügelei in den Flüchtlingsheimen habe die deutsche Willkommenskultur dem standgehalten, so die Autorin. Die schockierenden Ereignisse von Köln hätten aber einen sensiblen Punkt getroffen. "Es ist nicht erstaunlich, dass konservative Kommentatoren, die Flüchtlinge während des vergangenen Jahres als Terroristen dargestellt haben, schadenfroh auf die Ereignisse reagieren. Doch haben sie gesiegt? Nein, noch nicht", sagt Akrap. Doch fürchte sie, dass sich die Deutschen, die bislang an der Willkommenskultur festhalten, nun ausgenutzt fühlten. Und dass die, die sich von Anfang an gegen letztere gestellt hätten; nun unsere Unsicherheit und Ängste für ihre Zwecke missbrauchen könnten. 

 

"SME", Slowakei

Wir wollen nicht, dass etwas Ähnliches bei uns passiert.

SME

"Genau das passiert, wenn man Flüchtlinge reinlässt", sagte der slowakische Ministerpräsident Robert Fico nach den Ereignissen von Köln vor Journalisten. "Wir wollen nicht, dass etwas Ähnliches bei uns passiert." Für den Sozialdemokraten liegt das Problem vor allem bei muslimischen Flüchtlingen, ein gefährlicher Diskurs, der von den landesweiten Medien übernommen wurde.

Die slowakische Tageszeitung SME, wirft Deutschland Naivität vor: "Die Flüchtlingskrise hat zu einer gutmeinenden Subkultur geführt, die viel Zeit und Geld darin investiert hat, die Flüchtlinge aufzunehmen. Sie hat gedacht, dass das Leiden die Flüchtlinge auf eine höhere moralische Ebene gehievt hätte."   

 

"Lidove Noviny", Tschechien

Wir müssen wachsamer sein, wenn es darum geht, Flüchtlinge aufzunehmen.

Lidove Noviny

Es ist nicht das erste Mal, dass der tschechische Präsident Milos Zeman Stimmung gegen Flüchtlinge macht. Seine Argumente wurden von der Presse, wie unter anderem der konservativen Tageszeitung Lidove Noviny übernommen, die eine direkte Verbindung zwischen den Flüchtlingen und den Ereignissen von Köln zieht. "Die Silvester-Ereignisse zeigen, dass wir wachsamer sein müssen, wenn es darum geht, Flüchtlinge aufzunehmen."

 

 

"Magyar Idok", Ungarn 

Dank der 'politischen Korrektheit' der deutschen Journalisten gingen die Ereignisse unter. 

Magyar Idok

Einer der schärfsten Kommentare nach den Ereignissen von Köln schrieb die ungarische Zeitung Magyar Idok (Hungarian Times): "Wenn das Fernsehen am Silvesterabend live die Ereignisse vom Kölner Hauptbahnhof übertragen hätte, wäre das naive Bild von Familien, die vor der Trostlosigkeit und dem Krieg fliehen, zerstört gewesen. Dank der 'politischen Korrektheit' der deutschen Journalisten gingen die Ereignisse unter. Sie haben Stasi-Medien gegründet, die eine Meinungsdiktatur aufrechterhalten."

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016