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"Gegen Salafismus braucht man eine Mauer mit vielen Türen"

Länder: Deutschland

Tags: Islamismus, PEGIDA, Salafismus, Salafisten, Rechtsextremisten, Marwan Abou-Taam

In Köln beraten derzeit die Innenminister der Länder über den islamistischen Terror und die Gefahren des Salafismus. Die Politik ist alarmiert, denn die Salafisten-Szene erhält derzeit starken Zulauf, so der Verfassungsschutz. Bis zum Ende des Jahres, so schätzt die Behörde, solle es 7.000 Personen geben, die der salafistischen Szene zuzurechen sind. Vor wenigen Jahren waren es noch 2.800. Hinzu kommt, dass in Deutschland eine anti-islamische Bewegung mit Demonstrationen versucht, sich Gehör zu verschaffen. Auch hier steigen die Teilnehmerzahlen deutlich an. Rechte Gruppen, wie z.B. Hooligans, versuchen am rechten Rand auf den Zug aufzuspringen und machen sich mit Gewaltaktionen für ein "islamfreies Europa" stark.

 

Doch wer sind die Salafisten in Deutschland? Was bewegt - vor allem jungen Menschen - von Deutschland aus nach Syrien in den Krieg zu ziehen? Der Islamwissenschaftler und Politologe Marwan Abou-Taam arbeitet für das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz. Er gibt in unserem Interview Antworten auf diese Fragen und zeigt Verständnis dafür, dass eine Gruppierung, wie der Salmafismus, die Angst säe, auch eine Gegenbewegung auslöst.

ARTE Journal: Seit einiger Zeit hat die Salafisten-Szene offenbar starken Zulauf. Der Bundesverfassungsschutz rechnet damit, dass es bis zum Jahresende 7.000 Mitglieder gibt. Woher kommen die Salafisten Ihrer Meinung nach vor allem?

Marwan Abou-Taam: Die Mehrheit dieser Szene sind Jugendliche. Es sind 15 bis 27-Jährige, die den Kern dieser Gruppe stellen. In Deutschland, aber auch in anderen Ländern stellen wir zudem fest: Es ist ein städtisches Phänomen und darüberhinaus kommen viele aus Problemvierteln. 80 Prozent sind männlich. Wir sehen aber auch, dass der weibliche Anteil stetig wächst stetig.

 

 Der Salafismus wird als eine Art "Protestkultur" benutzt.

Marwan Abou-Taam

Was treibt die Jugendlichen an, dort aktiv zu werden?

Marwan Abou-Taam: Es sind viele Faktoren. Viele Jugendliche suchen nach einem "Sinn" im Leben. Der Salafismus wird als eine Art "Protestkultur" benutzt. Er ist ein politisch-extremistisches und religiöses Angebot,  also letztlich ein Mix aus verschiedenen Elementen. Das bietet sich an, um der Gesellschaft, der eigenen Familie gegenüber einen Protest zu formulieren. Wenn man sich innerhalb eines salafistischen Netzwerks bewegt, provoziert man. Und diese Provokation wird Teil der eigenen Identitätsbildung.

 

Provozieren, sich auflehnen ist ja das Eine. Wie kommt es denn aber, dass einige tatsächlich als Kämpfer in den Krieg – nach Syrien oder in den Irak – ziehen?

Die salafistischen Szenen in Deutschland sind sowas wie Durchlauferhitzer, die Menschen auf Betriebstemperatur bringen. 

Marwan Abou-Taam

Marwan Abou-Taam: Es sind nicht alle gefährdet, aber viele sind ein Potential. Die salafistischen Szenen in Deutschland sind sowas wie Durchlauferhitzer, die Menschen auf Betriebstemperatur bringen. Hier wird eine bestimmte dualistische Weltsicht vermittelt, die sehr klare Fronten bildet. "Ich und der andere" – das wird sehr klar definiert. Vor allem wird aber die Feindschaft der Gesellschaft gegenüber zelebriert. Diese Indoktrination geht dann soweit, dass man sagt: "Jetzt musst du in den Kampf, jetzt musst du aktiv werden." Wir stellen fest, dass viele, die vorher in der salafistischen Szene in Deutschland aktiv waren, dann nach Syrien ausreisen. 

Wenn man mit den Personen spricht, die dort drin sind oder waren, hört man, dass sie wie "auf einer Welle getragen" werden. Hier spielt also offenbar die Gruppendynamik eine ganz besondere Rolle.

 

Das, was in der salafistischen Szene, in den salafistischen Konfliktregionen produziert wird, ist etwas, was vielen Menschen Angst macht. Dass man hier mit Angst reagiert und entsprechend handelt, kann man bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen.

Marwan Abou-Taam

Gegen eine, wie einige Gruppen meinen, "zunehmende Islamisierung" in Deutschland, gehen ja derzeit viele auf die Straße. Stichwort: PEGIDA. Provokante Frage: Können sie diese Bewegung verstehen?

Marwan Abou-Taam: Eines ist klar: Das, was in der salafistischen Szene, in den salafistischen Konfliktregionen produziert wird, ist etwas, was vielen Menschen Angst macht. Dass man hier mit Angst reagiert und entsprechend handelt, kann man bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen.

Das, was wir insbesondere bei der dschihadistisch-salafistischen Gewalt sehen, ist der Versuch, so etwas wie einen kollektiven Wahn zu produzieren. Ziel des Salafismus ist, eine Feindschaft zwischen dem Islam und seiner Umgebung zu säen. Dass es dann auf der anderen Seite Gruppen gibt, die dagegen protestieren, ist nachvollziehbar.

 

Wie sollte sich die Gesellschaft, die Politik verhalten? Abwarten bis der Spuk vorbei ist oder handeln?

Sowohl die salafistische Szene in Deutschland braucht die islamophobe Szene in Deutschland als auch anders herum. Sie liefern sich gegenseitig die Argumente.

Marwan Abou-Taam

Marwan Abou-Taam: Menschen reagieren immer dann emotional, wenn sie besonders emotional getroffen werden. Sie gehen nicht deshalb auf die Straße, weil sie ideologisiert sind, sondern weil sie Angst haben und diese Angst muss man ernst nehmen. Man muss aufklären.

Ein weiterer Aspekt ist: Ein Extremismus nährt sich vom anderen Extremismus. Sowohl die salafistische Szene in Deutschland braucht die islamophobe Szene in Deutschland als auch anders herum. Sie liefern sich gegenseitig die Argumente. Das heißt, wir brauchen ein Bündnis der Demokraten, zu denen Muslime und Nicht-Muslime gehören, also die Gesellschaft an sich. Wir müssen die Demokratie schützen, in dem wir eine Mauer bauen. Diese Mauer muss aber ganz viele Türen haben, um diese jungen Menschen, die sich in diese Ideologieen hinbewegt haben, zurückzuholen. Wir müssen also eine Politik betreiben, die als Tür in die Gesellschaft zurückführt.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016