"Für mich kam Wegschauen nicht in Frage"

Länder: Syrien

Tags: Damaskus, Bürgerkrieg

Ein tödlicher Häuserkampf im Süden von Damaskus – zwischen Assad-Getreuen und der Freien Syrischen Armee. Der Regisseurin Rashak Ahmad ist es gelungen, über zwölf Tage und zwölf Nächte jede Phase dieser Kriegshandlung zu begleiten, die stellvertretend für Hunderte, wenn nicht Tausende andere alltägliche Häuserkämpfe in Syrien steht.

ARTE Info: Was hat Sie dazu bewegt, nach Jarmuk zu gehen?

Ich wollte über die Geschichten der Menschen in Syrien und ihren Alltag berichten, über ihre Ängste und über ihren Willen, ein neues Syrien aufzubauen.

Rashak Ahmad

Für mich kam Wegschauen nicht in Frage, denn ich bin zum einen syrische Bürgerin und zum anderen sehe ich es als meine Aufgabe als Journalistin, die Öffentlichkeit zu informieren. Viele Journalistenkollegen haben diese Verantwortung ebenfalls wahrgenommen. Und viele sind dabei leider ums Leben gekommen. Andere wurden verhaftet und gefoltert. Die einzige offizielle Information, die in den Medien transportiert werden durfte, war, dass Luftangriffe gegen Terroristen und radikale Islamisten durchgeführt wurden und schwere Waffen zum Einsatz kamen.

Ich wollte über die Geschichten der Menschen in Syrien und ihren Alltag berichten, über ihre Ängste und über ihren Willen, ein neues Syrien aufzubauen. Dazu bin ich nach Damaskus gereist und in andere Provinzen und Städte, die nicht von Assads Truppen kontrolliert wurden, wie Duma, Daraya, Yabrud, Zabadani, Harasta, Aleppo, Idlib und Al Bab.

Ich habe mich dann in Richtung Süden bewegt, nachdem ich mit Frauen, Männern und Kindern gesprochen hatte, die aus Jarmuk (im Süden von Damaskus) geflohen waren, vor Luftangriffen. Sie haben alles zurückgelassen und nur Angst und Schrecken mitgenommen.


Wie hat es sich angefühlt als einzige Frau unter diesen Männern. Hat es eine Rolle gespielt? 

Die Männer dort haben mich als Dokumentarfilmerin empfangen, genauso wie sie es mit meinen männlichen Kollegen getan haben, die schon im Süden von Damaskus  waren. So konnten sie einer breiten Öffentlichkeit von der Belagerung berichten. Diese Kämpfer hatten großen Respekt vor freien, unabhängigen Medien. 
Die Gruppen, die im Namen des Glaubens kämpfen, hätten das natürlich anders gesehen und mich nicht akzeptiert.

 

Was ist nach dem Film passiert? Wie ging es weiter in Jarmuk? 

Die Gruppe um Abu Omar wollte weiter Richtung Stadtzentrum vordringen, doch musste sie sich nach kurzer Zeit zurückziehen.

Fünf Monate später kam es zu einer vollständigen Blockade von Jarmuk durch Regierungsgetreue und die syrische Armee. Die Belagerung hält bis heute (6.3.2017) an.

Dieser Zustand nutzt auch den radikalen Islamisten, da sie immer mehr Zulauf erhalten. Im April 2015 verkündete die Gruppe Islamischer Staat (IS), dass sie die Kontrolle in Jarmuk übernehmen würde. Die radikalen Islamisten und der IS nahmen Aktivisten und freiwillige Helfer fest. Sie brachten dutzende Rebellen ums Leben.

Heute leben noch rund 3000 Menschen in Jarmuk, ohne Schulen für die Kinder und ohne Grundversorgung.

 

Am Ende Ihres Dokumentarfilms sieht man die Gruppe um Abu Omar als "Sieger" - aber das bezieht sich letztlich nur auf diese eine Auseinandersetzung und ist nicht so geblieben. Was machen die Kämpfer heute? 

 

Abu Omar und andere der Männer wurden festgenommen und saßen über zwei Jahre im Gefängnis. Seitdem konnte ich ein einziges Gespräch mit ihm führen. Er erzählte mir, dass sie versucht hatten, über einen Tunnel einen Standort des Geheimdiensts anzugreifen. Sie gerieten jedoch in einen Hinterhalt. Viele sind dabei ums Leben gekommen, die anderen landeten im Geheimdienst-Gefängnis.

“Die überlebenden Kämpfer hatten kaum eine Wahl: Sie konnten sich entweder den radikalen Islamisten anschließen oder eine Vereinbarung mit Assad treffen. Im Süden von Damaskus ist man leider gezwungen, sich zwischen diesen beiden radikalen Lagern zu entscheiden”, sagte Abu Omar damals.