"Für die Welt war die letzte Dekade die des Krieges, für die Afghanen die des Friedens"

Länder: Afghanistan

Tags: Interview, Jan Dimog

Fast 4 Jahre Erfahrung kann Dimog als Journalist in Afghanistan vorweisen. Er arbeitete in Kabul als Media Consultant und Redaktionsleiter der ISAF. Während dieser Zeit hat Dimog Kontakte zu verschiedensten afghanischen Bürgern geknüpft, die sich für Bildung, Frauenrechte und Pressefreiheit einsetzen.

Mich hat es bewegt, wie sie es schafften nicht nur zu überleben, sondern ein "normales" Leben aktiv und sinnerfüllt zu führen, während um sie herum Kämpfe wüteten, Ungerechtigkeit und Korruption herrschten.

 

ARTE INFO: Was hat Sie dazu bewogen, nach Afghanistan zurückzukehren?

Jan Dimog: Ich habe bis 2009 mehrere Jahre als Redakteur in Afghanistan gearbeitet und gelebt, zuerst im Norden, dann in Kabul. Die intensive Zeit dort mit afghanischen Kollegen und Freunden hat nach meiner Rückkehr

nach Deutschland sehr stark nachgewirkt. Der scharfe Kontrast zwischen der wohlhabenden und wohlgeordneten deutschen Gesellschaft und der Dauerkrise des afghanischen Staates in dem meine Freunde lebten, hat mich nicht losgelassen. Mich hat es bewegt, wie sie es schafften nicht nur zu überleben, sondern ein "normales" Leben aktiv und sinnerfüllt zu führen, während um sie herum Kämpfe wüteten, Ungerechtigkeit und Korruption herrschten und sie nicht wussten, wie sich ihr Land entwickeln würde. Dank E-Mail, sozialen Netzwerken und Skype klappte der Kontakt über die 6.000 km Distanz gut. Das ersetzt nicht den direkten Kontakt, die unmittelbare Interaktion. Nachdem ich die Filmidee zu „Countdown Afghanistan“ entwickelt hatte, traf ich auf den Produzenten Stefan Eberlein und den Regisseur und Kameramann Manuel Fenn von filmbüro-süd, die den Filmstoff mochten und alles dran setzten, es umzusetzen. Wir waren sehr motiviert von den afghanischen Geschichten über ungebrochene Willensstärke und unbeirrbaren Mut.

 

 

Wie hat sich das Land in ihren Augen in den letzten Jahren verändert?

Einige meiner afghanischen Freunde haben beeindruckende Karrieren hingelegt. Da ist z. B. Lotfullah, er war gerade mal 18 und Jungreporter, als ich ihn kennenlernte. Innerhalb kurzer Zeit hat er es zum Chef des Nachrichtensenders Tolo News mit über 80 Angestellten gebracht. Massoma leitet inzwischen eine Schule für benachteiligte Kinder. Beide sind Protagonisten des Films und leuchtende Beispiele für das Potenzial vieler junger Afghanen, die ihre Chance genutzt haben. Leider gibt es weiterhin große Probleme, wie die hohe Arbeitslosigkeit. Zwar gehen viele junge Afghanen auf Universitäten und Akademien, aber danach haben sie Schwierigkeiten adäquate Jobs zu finden.

60

private TV-Stationen und 174 Radiosender sowie mehrere Nachrichtenagenturen sorgen für eine vielfältige Medienlandschaft. 

 

Eine der größten Erfolgsgeschichten ist das Entstehen der vielfältigen und sehr lebendigen Medienlandschaft. Heute gibt es über 60 private TV-Stationen und 174 Radiosender, davon 47 alleine in Kabul. Hinzu kommen mehrere Nachrichtenagenturen und hunderte Printpublikationen, von denen einige Tageszeitungen echte Meinungsmacher sind. Die andere bemerkenswerte Entwicklung ist der technologische Sprung des Landes. Als ich vor über acht Jahren das erste Mal nach Afghanistan kam, gab es nur ein kleines Telefonnetzwerk mit wenigen Festnetzanschlüssen in Behörden, Ministerien und bei privilegierten Persönlichkeiten. Wenige Jahre später besitzt Afghanistan ein gut funktionierendes Mobilfunknetz mit vier konkurrierenden Anbietern, was zur großen Verbreitung von Handys vor allem in den Städten beiträgt. Das Internet spielt noch nicht die überragende Rolle. Laut dem Kommunikationsministerium nutzen nur 10 Prozent aller Afghanen das Internet. Diejenigen aber, die über einen Internetzugang verfügen, nutzen es intensiv, vor allem die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter sind für junge Afghanen enorm wichtig.

 

Drei Protagonisten des Films stammen alle aus einer größeren Stadt, Herat oder Kabul. Sind die Menschen auf dem Land vielleicht konservativer und weniger liberal? Ist wirklich jeder (abgesehen von Taliban etc.) einverstanden mit zunehmenden Frauenrechten und Missachtung einiger Religionsgebote (Verschleierung, …)?

Kabul und Herat mögen nur auf den ersten Blick offener sein. Der Dreh mit Massoma z. B. war schwierig, da sie nicht mit einem ausländischen Kamerateam in der Öffentlichkeit in Herat gesehen werden wollte. Es sollte nicht zu viel Aufmerksamkeit erregt werden. Es ist bereits ein Fortschritt, dass sie arbeitet und von ihrer Familie wie auch ihrem Mann Nassir aktiv unterstützt wird. Die meisten Frauen finden entweder keine Arbeit oder werden von ihren Männern daran gehindert. Solange die Männer nicht sehen, welche Vorteile es bringt, wenn ihre Frauen auch Teil der Gesellschaft werden, wird sich wenig bewegen.

30%

Frauenanteil kann das afghanische Parlament aufweisen. Das sind mehr als im amerikanischen Kongress. 

 

Selbst die hart errungenen Fortschritte in Sachen Frauenrechte und Rechtstaatlichkeit können rückgängig gemacht werden, da Afghanistan seit jeher ein eher konservativ-frommes Land ist. Nasir sagt im Film, dass man nicht mit einer Hand klatschen kann. Für die Gleichberechtigung braucht es beide Seiten. Und es braucht eine gesetzlich-institutionelle Verankerung. Dass das funktionieren kann, zeigt das afghanische Parlament mit fast 30 Prozent Frauenanteil, mehr als beispielsweise im amerikanischen Kongress mit knapp 20 Prozent.

 

 

Der Film strahlt Optimismus aus, dass die junge Generation die Waffe gegen die Taliban sein wird. Aber gibt es nicht auch viele junge Taliban-Kämpfer? Haben die Extremisten tatsächlich ein Nachwuchs-Problem?

Seitdem klar ist, dass die Ausländer abziehen, scheint ein Ruck durch das Land zu gehen. Vor allem junge Afghanen wollen Verantwortung für ihr Land übernehmen

 

Die überwältigende Mehrheit der jungen Afghanen wünscht sich ein Ende der Kämpfe und der Dauerkrise. Der Rückhalt der Extremisten war mal stärker, was aber nicht bedeutet, dass sie schwächer geworden sind. Ihnen gelingen aufsehenerregende Angriffe. Während unserer Dreharbeiten wurden beispielsweise die Präsidentenhubschrauber auf dem Kabuler Flughafen beschossen und in Helmand tobten heftige Kämpfe zwischen der afghanischen Armee und den Taliban. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass es den Aufständischen nicht gelingt, ihre Gebiete zu halten. Das war 2008, 2009 noch anders. Damals kontrollierten sie ganze Landstriche. Es ist ein Wettlauf zwischen der Professionalisierung der afghanischen Sicherheitskräfte und einer womöglich erstarkenden Talibanfront. Anders als vor fünf oder sechs Jahren belässt es die afghanische Zivilbevölkerung aber nicht mehr mit Passivität oder gar Sympathie für die Aufständischen. Seitdem klar ist, dass die Ausländer abziehen, scheint ein Ruck durch das Land zu gehen. Vor allem junge Afghanen wollen Verantwortung für ihr Land übernehmen. Es ist enorm wichtig, dass sie in dieser Phase des Umbruchs nicht allein gelassen werden.

 

Eine junge Online-Journalistin von Tolo-News spricht von Unterschieden in der Berichterstattung. Bekommen wir hier im Westen nur eine gefilterte Version der Nachrichten zu hören? Wie unterscheidet sich die Berichterstattung vor Ort und hier?

Die starke Verbreitung der neuen afghanischen Medien hat viel mit der Befriedigung dieses Wissensdurstes und der Neugier zu tun. 

 

"Für die Welt waren die letzten zehn Jahre die Dekade des Krieges, für uns war es die Dekade des Friedens", heißt es im Film. Aus europäischer Sicht waren und sind Nachrichten über Bombenanschläge und Kämpfe vorherrschend. Für Afghanen gibt es diese Schlagzeilen natürlich auch. Was vergessen wird: Sie sind es, die in erster Linie unter der nach wie vor schlechten Sicherheitslage leiden. Gleichzeitig sind sie es, die trotz dieser scheinbar aussichtslosen, widrigen Umstände das Beste aus ihren Leben machen. Das Erzählen dieser Geschichten vermisse ich. Stattdessen sind es Horrormeldungen, die aus dem Land dringen. Die Afghanen selbst interessieren sich für ihre Nachbarländer, für die politischen Entwicklungen in Pakistan und im Iran, für die Investitionen der Inder und Chinesen. Sie wollen mehr über andere Regionen ihres Landes erfahren. Die starke Verbreitung der neuen afghanischen Medien hat viel mit der Befriedigung dieses Wissensdurstes und der Neugier zu tun. In den vergangenen Wochen nach der Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Ghani und Abdullah gab es furchtbare Anschläge und Attacken in Kabul und anderen Städten. Sie waren hier meistens keine Meldung wert. Warum? Es ist bitter und zeigt die Medienrealität, aber uns erreichen Meldungen aus Afghanistan meistens nur dann, wenn Deutsche, Franzosen oder Amerikaner betroffen sind.

 

Jan Dimog ist ein Journalist, Drehbuchautor und PR-Texter. Nach seiner journalistischen Ausbildung bei Gruner & Jahr in Hamburg, wechselte er nach Berlin an die Master School Drehbuch. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er als Redakteur und Projektleiter unter anderem bei der Nachrichtenagentur ddp, der Neuen Westfälischen und der taz. Außerdem realisiert er PR- und Werbeprojekte für internationale Firmen und Marken und ist als Kommunikationsdesigner tätig. 2014 gewann er  für seinen „Architekturführer Istanbul“ den Iconic Award, in einem Literaturwettbewerb des WDR und der Neuen Westfälischen erhielt er den Publikumspreis.