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Fünfter Tag

Länder: Tschad

Tags: Flüchtlinge, Darfur, Literatur

Uwe Timm ist ein engagierter Schriftsteller mit einem politischen Anliegen: Deshalb war er sofort bereit, für ARTE Reportage in das Flüchtlingslager Breidjing im Tschad zu fahren, um über die Menschen dort und ihre Schicksale zu berichten. Fünfter und letzter Teil seines Reisetagebuchs.

Auf der Rückreise nach N’Djamena, nicht im Auto sondern, ein Glücksfall, in einer kleinen Propellermaschine des World Food Programm. Aus der tief fliegenden Maschine kann man in dem harten Licht unter sich das Land sehen, karg, gelbbraun, manchmal kleine grünbraune Einschübe an den Adern der trockenen Flussläufe, hin und wieder kleine Dörfer. Dort herrscht noch das ruhige Gleichmaß, nach dem sich die Vertriebenen zurücksehnen, das Vertraute, die Arbeit, ein Auskommen, kein Krieg.

Um Mitternacht geht der Flug nach Paris. Im Transitraum des Flughafens von  N´Djamena sind viele Männer, die nicht wie Diplomaten oder Mitarbeiter der UNO oder der NGOs  aussehen, Engländer, Amerikaner, die ihr Bier aus Flaschen trinken und laut grölen.  Ein Niederländer sagt, das sind Arbeiter. Die von Doba kommen, wo Erdöl gefunden und gefördert wird. Die Erdölarbeiter verschwinden  in der Business Class. Die Einnahmen aus der Erdölförderung sollten nach einer Vereinbarung mit der Weltbank zu 80% in soziale Projekte und in die Infrastruktur investiert werden. 10% sollten für künftige Generationen festgelegt werden. Diese 10% wurden nach einem Parlamentsbeschluss zur Aufstockung der Beamtengehälter verwendet. Und auf Grund der Korruption, diesem Erzübel Afrikas, haben die anderen, doch ganz erheblichen Mittel auch nicht die Armen erreicht.

Die verbleibenden Gewinne werden von den Erdölfirmen abgeschöpft und nicht  im Land reinvestiert.  Sie fließen der reichen Ersten Welt zu. Jeder weiß es. Auch die Politiker. Aber es gibt kein Konzept einer Afrika-Politik, die dieser Ungleichheit entgegenwirken könnte. So wird sie von denen beantwortet, die nicht mit mir im Flugzeug sitzen, sondern von hier aus weit unten nach Norden wandern, zu Fuß, in klapprigen Bussen und auf lecken Booten. Das Mittelmeer  wird nicht,  wie Papst Franziskus in Straßburg vor dem Europa-Parlament sagte, zum Friedhof: Es ist schon ein Friedhof. Schätzungen zufolge sind in den letzten Jahren zehntausend Menschen ertrunken. Und der Papst? Auch er nimmt im Vatikan keine Asylanten auf.

Die Flüchtlinge machen Politik. Sie erzwingen ein Umdenken, das aus dem politischen Gerechtigkeitssinn nicht erwachsen will. Das wäre der Gedanke, teilen zu wollen, teilen zu müssen. In Deutschland läuft 2019 der Solidaritätszuschlag für die ehemaligen Länder der DDR aus. Wäre es denkbar die Solidarität wörtlich zu nehmen und die Summe, im Jahr 2012 immerhin 13,62 Milliarden Euro, nach Afrika zu lenken? Demokratisch kontrolliert hier wie dort, damit sich nicht korrupte Eliten oder aufgeblähte Bürokratien bereichern. 

Utopisch? 

Und konkret?

Am letzten Abend in Breidjing kam eine Frau in unser Camp, sichtlich eine Europäerin. Frau Prinz aus Berlin. Eine Frau, die seit fünf Jahren hier allein am Ende der Welt lebt. Eine Linguistin, die an der Verschriftlichung des Masalit arbeitet. Das ist die Sprache der geschundenen, vertriebenen, jetzt  in dem Lager lebenden gleichnamigen Ethnie. Ungefähr  400.010 Menschen, also eine kleine Gruppe, sprechen diese Sprache. Diese Frau hat in den vergangenen fünf Jahren  Wörter gesammelt und eine Grammatik erarbeitet. Jetzt liegt das erste Buch vor, eine Sprachlehre, in lateinischer, nicht in arabischer Schrift. Das war eine Entscheidung der Masalit. Der Stolz dieser verfolgten Menschen und jetzt so bedrängt Lebenden über dieses Buch ihrer Sprache, das man buchstäblich in die Hand nehmen kann, sei groß, sagt Frau Prinz. Gefeiert wird das Staunenswerte, sich in der Muttersprache nun auch schriftlich verständigen zu können. Erfahrungen aufzuschreiben, nachzulesen. Also auch die Gedichte, die bislang nur mündlich vorgetragen werden, aufzuheben. Es wäre ein Blick in den Spiegel der Sprache. Eine Gedächtnistruhe.

Und eine andere Frau unter so vielen auffallend starken Frauen muss noch genannt werden. Sie betreibt auf dem kleinen Markt in Breidjing eine – wie soll man sagen – Imbissbude. Neben einer alten mächtigen Akazie hat sie einen kleine Bude,  die Wände aus Planen, ein Strohdach, drei, vier winzige Hocker. Eine Blechkiste als Tisch.  In den Erdboden eingelassen ist ein großer Tonkrug. In dem Krug glimmt ein Feuer. Auf dem Krug steht eine verbeulte, alte Blechkanne. Darin wird das Wasser erhitzt mit dem sie den Kaffee macht und den Tee, beides mit viel Zucker. Eine Wasserschüssel, in der sie die Gläser abwäscht, dann auf einen alten, hölzernen Fensterrahmen mit einem Fliegengitter stellt. So können die Gläser abtropfen. Der Kaffee ist stark und gnadenlos süß. Und dieser Tee, den sie selbst entwickelt hat aus Gewürzen und Kräutern, hat einen nie genossenen Geschmack, einen einmaligen Duft. Auf Mitte Dreißig schätze ich die Frau. Ihre Nase wirkt wie von einem Schlag gebrochen. Energisch hantiert sie in dieser winzigen Bude,  erteilt zwei Mädchen Aufträge. Ihre Töchter? Ja. Ich lasse sie durch den Dolmetscher fragen, wie viele Kinder sie habe. Dreizehn. Ob sie schon im Sudan so eine kleine Bar gehabt habe? Sie sagt Ja. Eine Imbissbude, aber eine größere. Nichts Wehleidiges, nichts Unterwürfiges ist an dieser Frau, eine große Entschiedenheit geht von ihr aus, wie sie das Wasser vom Feuer nimmt und nachschenkt. Da ist viel Hoffnung in ihrem Tun. So bin ich, vielleicht glaubt mir niemand, aber Anne ist meine Zeugin, der sudanesischen Frau Brücker begegnet. Meine Leser werden sie wiedererkennen.

Dieser Frau möchte ich, auch wenn sie ihn nicht lesen wird und gar nicht lesen kann, diesen Bericht widmen.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016