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"Fünfter Brief" von Atiq Rahimi

Länder: Libanon

Tags: Flüchtlinge, Palästina, Beirut, Literatur

"Es herrscht Krieg!"

Dieser Satz, mit bebender Stimme gebrüllt, der Stimme von Michmich - dem Nachbarn -, ist das Leitmotiv deines vierten Briefs. In der Tat, es herrscht Krieg, dieser Krieg, der mich aus meinem Land, von meiner Familie und vor einer Woche auch von dir fortgetrieben hat. Und ebendieser Krieg zwingt mich heute, den Libanon zu verlassen, da hier täglich ein verübt. Dies ist also mein letzter Brief aus Beirut.

"Es herrscht Krieg!"

Im Flüchtlingslager Burj el-Barajneh ist diese Aussage völlig bedeutungslos. Seit 1947 gab es hier für die palästinensischen Flüchtlinge niemals Friedenszeiten; deshalb hätten sie auch heute keinen Grund, "Es herrscht Krieg!" zu brüllen.

Hier wiederholt man nur: Und der Krieg geht weiter! So wiederholt es auch der Dichter Monir El-Masri, der vor fünfundfünfzig Jahren in diesem Camp geboren wurde, wo alles stillsteht: die Zeit hinter den zugemauerten Fenstern, die Worte auf den dürren Lippen und die Melodie auf den zugeschnürten Saiten...

Wenn der Ruf zum Gebet erschallt, geht er nicht in die Moschee, sondern steigt mit Oud unterm Arm auf das höchste Dach des Turms der Türme, um zu singen. Doch bevor er singt, verharrt er lange schweigend vor der Welt und hält in der Ferne, weit in der Ferne Ausschau nach der untergehenden Sonne.

Er träumt nicht mehr, er denkt nicht mehr. Er grübelt. Er sinniert über das Schicksal seines Volkes, er befragt seinen Gott... dann sagt er sich verzweifelt, mit bebender innerer Stimme, dass die Palästinenser das Leid dieser Wanderschaft wohl durchmachen müssen, um das Leid der umherirrenden Kinder Abrahams zu erleben. Ihr Exil im Turm der Türme oder anderswo sei ein unabwendbares Schicksal und kein geopolitisches Problem. Dieses Schicksal müsse als Strafe verstanden werden. Die muslimische und arabische Welt müsse sich selbst infrage stellen, ebenso wie die Israelis.

Dieser weise Gedanke hindert ihn nicht daran, abermals seine Oud zu nehmen und eine Ode an sein Volk zu singen. Möge der Wind seine Stimme über die Grenzen tragen:

"Palästinenser, Palästinenser, Palästinenser,

Was bedeutet es, Palästinenser zu sein?

Es bedeutet, ich bin das Banner unserer Nation

Ich bin das schlagende Herz unseres Arabertums.

Ich bin das Wasser und die Seele unserer Sache

Ein Fedajin* aller arabischen Vaterländer

Und jeder Araber dieses Universums lebt in meinen Adern.

Ich bin Land und Ort

Volk und Wesenheit

Ich bin das Vaterland aller Vaterländer

Ein Vaterland in der Gegenwart, im Jetzt

Und kein anderes Vaterland bedeutet mir etwas

Ich bin die Sonne der Tage

Der Mond der Träume

Das Meer der Melodien

Ich bin Taube und Frieden

Die Vögel des Paradieses singen meine Lobeshymnen

Palästinenser, Palästinenser, Palästinenser."

 

* Anmerkung der Redaktion: Der Ausdruck Fedajin bezeichnet Angehörige religiöser oder politischer Gruppierungen, die bereit sind, ihr Leben füreinander oder ihre Sache zu opfern.

 

 
Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016