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Freiwillig in Auschwitz, die unglaubliche Geschichte eines polnischen Helden

Länder: Polen

Tags: Auschwitz, Pilecki, Déportation, Konzentrationslager

Im September 1940 begibt sich Witold Pilecki freiwillig in das Konzentrationslager in Auschwitz. Sein Ziel war es einen Widerstand von Innen zu organisieren und der Außenwelt von den Haftbedingungen im Lager zu berichten. Insgesamt hat Pilecki drei Jahre in Auschwitz verbracht, bis zu seiner Flucht 1943.

 

Die Geschichte, die wir Ihnen erzählen werden, ist unglaublich. Es ist die Geschichte von Witold Pilecki, der zum Held wurde, nicht zuletzt auch wegen seiner Familiengeschichte. Die Pileckis sind Landbesitzer, die schon immer von einem freien und unabhängigen Polen träumten, allerdings zur falschen Zeit. Im September 1939 wird Polen von der deutschen und der Roten Armee überfallen – eine unmittelbare Folge des taktischen Bündnisses zwischen Hitler und Stalin. Die Kapitulation der polnischen Armee am 28. September 1939 ist für die Pileckis ein Schlag ins Gesicht. Anstatt zu resignieren, entscheidet sich der 39-jährige Sohn Witold für den Widerstand.

 

Der erste Freiwillige in Auschwitz

Gerade erst wurde das Konzentrationslager Auschwitz bei Krakau eröffnet und Witold Pilecki will wissen, was dort vor sich geht. Er weiß, dass in Warschau Razzien durchgeführt werden. Die Verhafteten werden angeblich direkt nach Auschwitz geschickt. Sein Entschluss steht: Pilecki schleust sich bei einer Razzia ein. Er wird der erste Freiwillige in Auschwitz… mit der Nummer 4859.

Pilecki will in Auschwitz ein Informations- und Hilfsnetzwerk aufzuziehen, aber das Grauen und die Barbarei dort lähmen ihn.

Hier seine ersten Zeilen:

„Je mehr Sie sich an die Tatsachen halten, und zwar möglichst ohne sie zu kommentieren, desto mehr wird Ihr Bericht wert sein. So werde ich es versuchen…. Aber der Mensch ist nicht aus Holz, noch weniger aus Stein, auch wenn es manchmal schien, dass selbst der Stein ins Schwitzen kam."

 

Pilecki sorgt für Läusebefall bei der SS

Witold Pilecki leistet Widerstand von innen. Er schickt präzise Informationen über die Vernichtung der Juden in den Gaskammern von Birkenau und organisiert eine Funkverbindung. Es gelingt ihm, Medikamente zu schmuggeln und bei der SS für Läusebefall zu sorgen. Außerdem zieht er im Lager ein Netzwerk von fast 1000 Menschen auf. Aber von außen erhält er nicht die erhoffte Unterstützung. Denn niemand glaubt ihm. Deshalb beschließt er zu fliehen. Das gelingt ihm 1943.

 

Hinrichtung im Warschauer Gefängnis
Freiwillig in Auschwitz

1945 beginnt er seinen Bericht zu verfassen. Selbst dann stößt er noch auf taube Ohren. Niemand will wissen, was Pielecki schreibt. Am 25. Mai 1948 wird er von den Kommunisten verhaften, die seit Kriegsende in Polen an der Macht sind. Witold Pilecki wird wegen Spionage verurteilt und in einem Warschauer Gefängnis hingerichtet. Er wird 47 Jahre alt. Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus 1989 wurde Witold Pilecki in der polnischen Geschichte totgeschwiegen. Nichtsdestotrotz bleibt er bis zum heutigen Tage der einzige bekannte Freiwillige in diesem Konzentrationslager, in dem über eine Million Menschen zu Tode kamen.

 

 

Andrezei Pilecki, 83 Jahre alt, ist Witold Pileckis Sohn. In seiner Kindheit war sein Vater noch nicht wie heute als polnischer Held anerkannt. Für die polnischen Kommunisten war Witold Pilecki jemand, der nach seiner Flucht aus Auschwitz mit dem imperialistischen Feind kollaboriert hatte. Am 25. Mai 1948 wurde er zum Tode verurteilt. Wir trafen Andrzej an dem Ort, an dem sein Vater damals verhaftet wurde.

 

Wie wächst man auf, wenn der kommunistische polnische Staat den eigenen Vater als Verräter betrachtet?

Witold Pilecki, le traître

 

Wie ist es jetzt, seitdem er zum Nationalhelden wurde?

Witold Pilecki, le héros national
 

Witold Pilecki: Freiwillig nach Auschwitz. Die geheimen Aufzeichnungen des Häftlings Witold Pilecki. Aus dem Englischen von Dagmar Mallet. Orell Füssli Verlag, Zürich 2013. 256 Seiten, 19,95 Euro.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016