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Freie Software-Gemeinde wehrt sich gegen Überwachung

Länder: Belgien

Tags: Überwachung, Internet

Am 31. Januar und 1. Februar fand in Brüssel FOSDEM statt, das größte Treffen von "Free and Open Source Software"  - mit rund 5000 Programmierern, Entwicklern und Nutzern. Der Freien Software-Gemeinde sind Themen wie Meinungsfreiheit und Privatsphäre im Web äußerst wichtig – deshalb entwickeln sie Programme und ganze Betriebssysteme jenseits der Kontrolle von kommerziellen Unternehmen wie Microsoft oder Apple. Wir haben sie gefragt, was sie von den Vorschlägen der Politiker halten, die nach den Terroranschlägen von Paris die Überwachung im Internet noch verschärfen wollen.

Internetsperren, Filter, keine Verschlüsselung mehr?

Nach den Attentaten von Paris ist die Diskussion neu entbrannt, wie man Terrorismus und Radikalisierung im Internet bekämpfen kann. Europäische Politiker überschlugen sich mit Vorschlägen: So forderte Bundensinnenminister de Maizière das Sperren von radikalislamischen Webseiten, Internetprovider sollen verpflichtet werden, radikale Inhalte herauszufiltern. Der britische Premierminister Cameron forderte sogar ein Ende jeder Verschlüsselung im Internet.

 

„Der GCHQ hat Camerons mangelndes Fachwissen ausgenutzt“

Der New Yorker Anwalt Aaron Williamson hat sich auf Freie Software, Privatsphäre und Überwachung spezialisiert. Auf der FOSDEM hielt er einen Vortrag über den Kampf zwischen Geheimdiensten und Politik, die immer mehr Überwachung fordern, und Netzaktivisten.

 

„Es ist zynisch, wie Cameron Verschlüsselung in die Diskussion einbringt, es gibt keine Beweise, dass die Attentäter auf Charlie Hebdo Verschlüsselung benutzt haben, um zu kommunizieren. Diese Tragödie wird von Politikern instrumentalisiert“, ein Verhalten, dass er öfter beobachtet, meint Williamson, und ergänzt: „Der Geheimdienst GCHQ hat Camerons mangelndes Fachwissen ausgenutzt.“

 

"Warum sollen Bürger keine Verschlüsselung mehr benutzen dürfen?"

Die Free Software Foundation Europe setzt sich bei Parlamenten und Regierungen für Freie Software ein – und fordert Nutzer auf, zum Schutz der Privatsphäre ihre Emails zu verschlüsseln. Ihr Vizepräsident Matthias Kirschner sagt zu den Vorschlägen Camerons und de Maizières:

 

"Wir erklären, dass es wichtig ist, dass die Gesellschaft Technologie kontrollieren kann, und dass die Daten im Internet privat und sicher bleiben. Was würden wir denn tun, wenn Banken nicht mehr das Recht hätten, verschlüsselte Verbindungen zu benutzen? Und warum sollen Bürger keine Verschlüsselung mehr benutzen dürfen?"

 

"Emails sind wie Postkarten - außer man verschlüsselt sie."
 
„Politiker sind nicht unbedingt sehr transparent“

Ein Mitarbeiter des Torprojekts (siehe Kasten), der anonym bleiben will, meint:

 

„Politiker, die das fordern, sollen uns ihr Passwort für ihre Email geben, dann können wir sehen, ob sie nichts zu verbergen haben. Und dann sollten sie auch eine Kamera in ihrem Wohnzimmer aufstellen. Politiker sind nicht unbedingt sehr transparent, wir sollten ihnen nicht vertrauen.“

 

Die Antwort auf solche neuen Vorstöße zur Überwachung kann für die Freie-Software-Gemeinde nur sein, sich für mehr freie Software, Verschlüsselung und Meinungsfreiheit einzusetzen – spätestens seit den Snowden-Enthüllungen zur Überwachung durch die NSA.

Für die Free-Software-Gemeinde sind Emails verschlüsseln und anonym im Internet surfen Grundrechte.

 

Freie Software und Open Source
Der Großteil von Computern und Handys läuft mit Software von kommerziellen Firmen, die Benutzer oder Programmierer nicht einsehen oder verändern können. Die Idee von Freier Software: Programmierer arbeiten gemeinsam im Internet an Programmen und Betriebssystemen, jeder darf den Code ansehen und benutzen, und wer etwas verbessert, muss es wieder der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Auf dieser Basis hat sich eine große Zahl von Programmen entwickelt, bekannte Beispiele sind Mozilla Firefox, Libre Office oder ganze Betriebssysteme wie Linux, das auf der Mehrzahl der Server im Internet benutzt wird. Auch Verschlüsselungs-Software gehört dazu. Die Software ist kostenfrei, jeder kann sie herunterladen und installieren.

 

Der Anonymisierungsdienst Tor
Mit der Tor-Software (die Abkürzung steht für The Onion Router) können Internet-Nutzer im Netz ihre Verbindungsdaten anonymisieren. Normalerweise, wenn ein Nutzer eine Webseite aufruft, kann der Server der Webseite die IP-Adresse vom Computer des Nutzers erkennen. Tor schickt dagegen die Daten über mehrere Rechner und verschlüsselt sie, so dass nicht mehr zu ermitteln ist, von wo aus der Nutzer sich verbindet. Dies ist etwa für Bürgerrechtler in Diktaturen nützlich, damit sie nicht verfolgt werden können – aber auch Kriminelle wie die Drogenhandel-Seite „Silk Road“ haben das Tor-Netzwerk genutzt.


 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016