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Frauen sind doppelt gestraft

Länder: Monde

Tags: Mütter, Frauen, Gefängnis

Anlässlich eines Dokumentarfilms über das Leben einer jungen Mutter und ihrer Kinder in einem italienischen Gefängnis spricht Camille Rosa von der Internationalen Gefängnisbeobachtungsstelle über die Lage weiblicher Gefangener in Frankreich.

 

Frankreich wurde aufgrund schlechter Bedingungen in den Gefängnissen mehrfach vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt. Wie steht es um die Haftbedingungen für Frauen?

Camille Rosa: Prinzipiell leiden Frauen unter den gleichen unwürdigen Bedingungen wie Männer. Da aus politischen Gründen allerdings in Gefängnissen eine strikte Geschlechtertrennung gewahrt wird und Frauen nur eine kleine Minderheit der Gefangenen ausmachen – nicht einmal 4 % –, stoßen sie auf zusätzliche Probleme. Von den 188 Justizvollzugsanstalten in Frankreich haben nur 56 einen Bereich für Frauen und nur drei* sind ausschließlich für Frauen vorgesehen. Wenn es aber nur so wenige Haftanstalten gibt, liegen diese zwangsläufig oftmals weiter vom Wohnort ihrer Familien entfernt. In manchen dieser Einrichtungen gibt es für Frauen weniger Besuchsmöglichkeiten und die Zeiten sind ungünstiger als bei den Männern. Daher leiden Frauen verstärkt an ihrer Isolation.


Welche Rechte haben junge Mütter in Gefängnissen?

Einerseits sollte ein Kind natürlich nicht im Gefängnis aufwachsen, aber andererseits ist auch eine Trennung von Mutter oder Vater schwer vertretbar. Das ist wirklich ein Dilemma. Adeline Hazan, die für die Gefängniskontrolle zuständige contrôleuse générale des lieux de privation de liberté (CGLPL) hob in ihrem letzten Bericht hervor, welche Alternativen es für verurteilte Eltern mit Kleinkindern gibt, und betonte dabei insbesondere den offenen Vollzug. Bisher verhängt die Justiz jedoch fast ausschließlich klassische Gefängnisstrafen. Auf Antrag können Gefangene ihre Kinder übrigens bei sich behalten, bis diese 18 Monate alt sind. Danach kommen sie entweder zu anderen Familienangehörigen oder in die Obhut des Jugendamtes. Im Übrigen sollte eine Mutter-Kind-Zelle mindestens 15 m2 groß sein, aber diese Vorgabe wird leider selten eingehalten.


Erhalten werdende Mütter eine besondere Betreuung?

Es werden zwar vereinzelt besondere Vorkehrungen getroffen, aber im Allgemeinen beschäftigen sich die Justizvollzugsbehörden nicht mit den Problemen werdender Mütter. Wir fordern, dass Schwangere nicht im Gefängnis leben, sondern ihre Strafe im offenen Vollzug verbüßen sollten, wie es auch die CGLPL empfiehlt. Doch obwohl das Gesetz genau dies eigentlich ermöglicht, kommen in Frankreich jedes Jahr immer noch rund 60 Kinder im Gefängnis auf die Welt.
 

Das Interview führte Christine Guillemeau
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* in Rennes, Versailles und Fleury.

Zuletzt geändert am 9. Juni 2016