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Sichere Städte für Frauen

Länder: Monde

Tags: Frauen, Stadt, Gewalt

Jede dritte Frau weltweit erlebt in ihrem Leben körperliche oder seelische Gewalt. Meistens erfolgen diese Aggressionen hinter verschlossenen Türen, doch auch in der Öffentlichkeit werden Frauen unverhältnismäßig häufig zu Opfern. In den überfüllten und anonymen Großstädten, in denen 55% der Weltbevölkerung lebt, greifen sie zu ihrem Schutz auf die verschiedensten Mittel zurück: Von „Gadgets gegen Vergewaltigungen“ über Selbstverteidigungskurse bis hin zu Sonderbussen und Notfallapps. Gleichzeitig ruft eine neue Generation von Stadtplanern und Stadtplanerinnen dazu auf, die Städte selbst umzukrempeln, die meistens von Männern für Männer gebaut wurden. In vier Kapiteln stellen wir verschiedene Aktionen und Bürgerinitiativen vor, die sich weltweit für gerechte und sichere Städte einsetzen.

Laut dem Forschungsinstitut INED war 2015 ein Viertel aller Frauen in Frankreich Opfer von mindestens einer Gewalttat auf der Straße, in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder in einem anderen öffentlichen Raum. Fast drei Millionen Französinnen mussten unerwünschte Avancen dulden, über eine Million von ihnen berichten jährlich von sexuellen Übergriffen. Ähnliche Statistiken sind überall auf der Welt zu verzeichnen. Einige Frauen versuchen deswegen - so gut es geht - für ihre eigene Sicherheit zu sorgen.

1. Folge: Der Kampf auf der Straße

La rue est un sport de combat
Der Kampf auf der Straße Elektro-Schock-BHs und Selbstverteidigungskurse: Frauen versuchen, sich vor sexueller Belästigung zu schützen. Der Kampf auf der Straße

Wir wollen mit dem Glauben aufräumen, dass es genügt, auf bestimmte Kleidungen zu verzichten, um garantiert keine Probleme mehr zu haben.

Jen Brockman

Gadgets gegen Vergewaltigungen stoßen nicht gerade auf allgemeine Zustimmung. Das liegt auch daran, dass solche Methoden die falsche Annahme verstärken, die Opfer müssten die Verantwortung für die Angriffe selbst übernehmen. Dagegen kämpft die Wanderausstellung „Was hattest du an?“: Sie zeigt Kleidungsstücke, wie sie Opfer sexueller Übergriffe zum Tatzeitpunkt trugen. “Wir wollen mit dem Glauben aufräumen, dass es genügt, auf bestimmte Kleidungen zu verzichten, um garantiert keine Probleme mehr zu haben - oder dass sexuelle Gewalt durch die Art, sich zu kleiden, zum Verschwinden gebracht werden kann“, erklärt Jen Brockman, die das Projekt konzipiert hat.

In Indien will das Kollektiv Blank Noise mit seiner Kampagne “I Never Ask For It” dasselbe erreichen, indem sie die Kleidungsstücke von Opfern sexueller Gewalt sammelt. Nach der Vergewaltigung und Ermordung der Studentin Jyoti Singh Pandey vor sechs Jahren haben sich solche Aktionen im Land vervielfacht. Außerdem hat die Regierung die Gesetze verschärft: Die Höchststrafe für Vergewaltigung wurde von zehn auf zwanzig Jahre Gefängnis erhöht, Voyeurismus, Belästigung und Frauenhandel gelten nun als Verbrechen. Das sind nur einige der Punkte, die das Justice Verma Komitee empfohlen hat: Die Rechtsexperten fordern Reformen bei der Polizei, in der Erziehung, der Ausbildung des strafgerichtlichen Personals und von Diensten wie den Hilfszentren für Vergewaltigungsopfer. Währenddessen versuchen einige Städte, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: Sie haben eine Geschlechtertrennung in den öffentlichen Verkehrsmitteln eingeführt, da dort nach der offenen Straße die meisten Übergriffe erfolgen.

2. Folge: Jedem seinen Platz
Chacun sa rame, chacun son chemin
Jedem seinen Platz Manche Frauen schätzen diese Blasen, in deren Schutz sie in aller Ruhe arbeiten, studieren, in der Stadt spazieren können. Jedem seinen Platz

 

Diejenigen, die sich ernsthaft einbilden, dass getrennte Wagen die Lösung sind, sollten die Einführung von Männer-Abteilen erwägen, bis die Täter imstande sind, sich selbst zu beherrschen.

Laura Bates

Männer hier, Frauen dort? Manche Frauen sind froh, wenn sie Bereiche nur für sich haben - und so in aller Ruhe arbeiten, studieren, in der Stadt spazieren gehen können. Andere finden diese Geschlechtertrennung herablassend und meinen, dass sie der langfristig angestrebten Gleichheit für alle zuwiderläuft. 2017 schlug der britische Abgeordnete Jeremy Corbyn vor, in der Londoner U-Bahn wieder Frauenabteile einzuführen; diese Maßnahme war vierzig Jahre zuvor aufgehoben worden. Der Vorschlag wurde heftig kritisiert und als Rückschritt im Kampf für Frauenrechte gesehen.
„Diejenigen, die sich ernsthaft einbilden, dass getrennte Wagen die Lösung sind, sollten die Einführung von Männer-Abteilen erwägen, bis die Täter imstande sind, sich selbst zu beherrschen.Warum sollte man die die Bewegungsfreiheit der Frauen einschränken, ohne die Straftäter im Geringsten zu belästigen?“, so die Reaktion von Laura Bates, der Gründerin des Projekts Everyday Sexism. 

Seit 2012 führt London eine Sensibilisierungskampagne unter den Nutzern öffentlicher Verkehrsmittel durch, außerdem werden die Polizeikräfte extra geschult. Mittlerweile werden doppelt so viele sexuelle Übergriffe gemeldet. Dieser Anstieg wird als positiv bewertet, denn er bedeutet, dass sich dank dieser Initiativen mehr Opfer getraut haben, Anzeige zu erstatten.

Die Machtverhältnisse anzugreifen, die es den Tätern erlauben, ohne Furcht vor rechtlichen Folgen zu handeln, ist auf lange Sicht die wirksamste Methode. Doch bis es so weit ist, sehen sich manche Frauen gezwungen, ihr Verhalten zu ändern. Daher verlassen sich immer mehr von ihnen auf die Technologie, die seit den letzten Jahren zur Bekämpfung von sexuellen Übergriffen entwickelt wird.

3. Folge: Apps für mehr Sicherheit
Se connecter pour se protéger
Apps für mehr Sicherheit Seit den letzten Jahren wird immer mehr Technologie zur Bekämpfung von sexuellen Übergriffen entwickelt. Apps für mehr Sicherheit

 

Dieser Überfluss an technologischen Lösungen scheint vom Prinzip auszugehen, dass Frauen nichts für ihre Sicherheit tun.

Sameera Khan

 

Wie geht man mit Randgruppen wie der LGBTQ-Gemeinde um, wie mit Menschen, die Opfer von Übergriffen auf offener Straße werden? Technologie allein kann niemals ein Ersatz für Erziehung, politisches Handeln und die Intersektionalität der Kämpfe sein, die notwendig sind, um diese komplexen Gesellschaftsfragen zu lösen.

„Der Überfluss an technologischen Lösungen scheint vom Prinzip auszugehen, dass Frauen nichts für ihre Sicherheit tun, wo doch in Wirklichkeit die Frauen und Mädchen, ganz ohne Unterstützung vom Staat und den Behörden, Strategien gestalten und ihre eigene Sicherheit durch eine Vielzahl von Mitteln schützen“, sagt Sameera Khan. In ihrem Buch "Why Loiter? Women & Risk on Mumbai Streets", erforscht die indische Autorin das Recht der Frauen, den öffentlichen Raum in aller Sicherheit zu nutzen.

Das Buch hat eine nationale Emanzipationsbewegung angestoßen: Frauen haben sich verabredet, um nachts gemeinsam von Mumbai über Aligarh bis Jaipur zu marschieren. Auch in verschiedenen französischen Städten werden seit einigen Jahren von feministischen Kollektiven Nachtmärsche ausschließlich für Frauen organisiert. Alle wollen ihr Recht neu behaupten, sich abends so viel auf der Straße aufzuhalten, wie es ihnen passt. 

Schon 1979 fragte die Stadtplanerin Dolores Hayden in einem berühmten Essay: „Wie sieht eine nicht-sexistische Stadt aus?“ Zur gleichen Zeit entstand die Gender-Geographie als Studiendisziplin und bewies, dass Unsicherheit und Prekarität der städtischen Frauen die unmittelbare Konsequenz der Gestaltung der Städte sind. „Dass sich der Platz der Frau im Haus befindet war eines der wichtigsten Prinzipien der Architektur und der Stadtplanung in den Vereinigten Staaten des letzten Jahrhunderts“, erklärt sie. Als die Frauen nach dem zweiten Weltkrieg ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt behauptet haben, hätten sich die Städte nicht diesen neuen sozialen Bedürfnissen angepasst. 

 

4. Folge: Urbanes Leben gerecht gestalten 
Pour des villes justes
Urbanes Leben gerecht gestalten Wie kann man Städte schaffen, die nicht sexistisch sind? Urbanes Leben gerecht gestalten

Feminismus ist in der Öffentlichkeit und der Gestaltung noch ein Schimpfwort.

Emmanuelle Faure

2015 unternahm der Verein Womenability eine Weltreise und verfasste einen Ratgeber zur gelungenen Gestaltung von Städten, in denen sich alle Menschen willkommen fühlen: Wickeltische in den Männertoiletten, speziell für Kinderwagen geeignete Treppen, Stillräume in den Flughäfen... Eine weitere Initiative: Die Plattform Gender und Stadt, auf der Gedanken gesammelt werden zum Platz des Genders in der Stadtplanung, ein auf offizieller Ebene noch in den Anfängen steckendes Konzept. 

„Es gibt keine brutalen Veränderungen in der Gestaltung der Städte“, bemerkt Emmanuelle Faure, Mitautorin von La Ville : quel genre und Mitglied des Vereins Les Urbain.e.s., in einem Interview für die Tageszeitung Le Monde. „Die öffentliche Politik ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, die Frage der Gendergleichheit fehlt im Unterricht, Feminismus ist in der Öffentlichkeit und der Gestaltung noch ein Schimpfwort. Es müssen auch zugängliche Daten und Zahlen vorliegen, damit man diesen Mangel an Gleichheit tatsächlich beweisen kann."

 

 

Zuletzt geändert am 2. März 2018