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Französische Publizistin Simone Veil gestorben

Länder: Frankreich

Tags: Simone Veil, Tod, Nachruf

Die französische Publizistin und Politikerin Simone Veil ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Das Elend des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und der Tod ihrer Mutter in Bergen-Belsen hatten Veil für immer geprägt. Ihr ganzes Leben widmete sie der Gerechtigkeit, der Anerkennung der Grundrechte der Frauen und der Aussöhnung unlängst Verfeindeter. Sie, die dem Tod nur knapp entronnen war, verstand es auch, die schönen Seiten des Lebens zu genießen. Ein Nachruf.

Simone Veil est morte à l'âge de 89 ans
Französische Publizistin Simone Veil gestorben Französische Publizistin Simone Veil gestorben Französische Publizistin Simone Veil gestorben

 

Nie werde ich diese Atmosphäre von Krematorien, Rauch und Gestank von Birkenau vergessen."

 


Am 30. März 1944 verhaftete die SS eine junge, laizistisch eingestellte französische Jüdin in Nizza. Auch ihre Mutter und ihre Schwester Madeleine wurden am selben Tag in einem anderen Stadtviertel festgenommen. Am 15. April kamen die drei nach einer zweieinhalb Tage dauernden Reise in einem Viehwaggon im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau an.

IHRE AUTOBIOGRAFIE

Und dennoch leben: Die Autobiographie der großen Europäerin
Simone Veil, Aufbau Verlag, 2009

Mitten in den Schreien der SS-Leute und dem Bellen der Hunde flüsterte ein mit einem gestreiften Häftlingsanzug bekleideter Unbekannter Simone Jacob ins Ohr: „Sag‘ auf jeden Fall, dass du 18 bist!“. Hätte sie dem SS-Offizier, der die Selektion durchführte, gesagt, dass sie erst sechszehneinhalb Jahre alt war, wäre sie direkt in die „Duschen“ geschickt worden und in Rauch aufgegangen.

 

>> LEBENSDATEN <<

13. Juli 1927
Geburt in Hyères, Var, Frankreich

März 1944
Festnahme durch die SS in Nizza, 
Deportation über Drancy nach Auschwitz-Birkenau

23. Mai 1945
Ankunft in Paris nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, in das sie mit einem Todesmarsch geführt worden war

29. November 1974 Gesundheitsministerin in der Regierung von Jacques Chirac unter dem Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing. Während ihrer Amtszeit wurde ein Gesetz zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs verabschiedet 

17. Juli 1979 bis 19. Januar 1982
Präsidentin des Europäischen Parlaments 

März 1998 bis März 2007
Mitglied des französischen Verfassungsrates

20. November 2008
Aufnahme in die Académie française auf dem Stuhl des ehemaligen Premierministers Pierre Messmer

Rückkehr aus dem Konzentrationslager

Am 23. Mai 1945 kehrten Simone und Madeleine, als Überlebende des Todesmarsches, nach Paris zurück. Ihre Schwester Denise, die erst nach Ravensbrück und anschließend nach Mauthausen deportiert worden war, gehörte ebenfalls zu den Überlebenden. Ihr Vater André Jacob und ihr Bruder Jean kehrten nicht zurück. Ihre Mutter Yvonne Jacob, geborene Steinmetz, erlag am 15. März 1945 in Bergen-Belsen einer Typhuserkrankung. Sechzig Jahre später schrieb die inzwischen berühmt gewordene Tochter: "Ich habe ihren Tod niemals verwunden". Simone wurde von ihrem Onkel und ihrer Tante aufgenommen und studierte Rechtswissenschaften am Institut d’études politiques. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Antoine Veil kennen, den sie am 26. Oktober 1946 heiratete. Ihre Liebe währte ein Leben lang.

Nach ihrem Abschluss arbeitete die Juristin zuerst im Justizministerium im Bereich Strafvollzugsverwaltung und bekleidete anschließend das Amt der Generalsekretärin des Obersten Richterrats, der höchsten Verwaltungsinstanz der französischen Richter. Die damals der breiten Öffentlichkeit völlig Unbekannte folgte dem kurz zuvor zum Präsidenten der französischen Republik gewählten Valéry Giscard d’Estaing auf dessen Wunsch in die Politik und wurde in seinem Kabinett Gesundheitsministerin. 

 

Der Kampf in der politischen Arena

Am 26. November 1974 verteidigte eine würdige, selbstbewusste Simone Veil – die oft kein Blatt vor den Mund nahm – im Parlament mit fester Stimme ihren Gesetzesentwurf zur Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. 
Von den linken Fraktionen erhielt sie Applaus, einige rechte Fraktionen beschimpften sie. Einige beschworen gar die Rückkehr des Nationalsozialismus und in Krematorien verbrannte Embryonen herauf. Doch Simone Veil ließ sich von den Beschimpfungen nicht aufhalten. Sie hatte in ihrem Leben viel grausamere Beleidigungen ertragen müssen. Am 29. November verabschiedete die Nationalversammlung ihren Gesetzesentwurf mit 284 Ja- und 189 Nein-Stimmen; der Senat schloss sich dieser Entscheidung an. Am 17. Januar 1975 trat das "Loi Veil" genannte Gesetz in Kraft. Seine Verfechterin, Simone Veil, ging in die Geschichte ein und eroberte die Herzen der Franzosen.

 

Europa eine Seele geben

Simone Veil hat dazu beigetragen, Europa eine Seele zu geben."

Jury des Heinrich-Heine-Preises - 2010

Bei den ersten allgemeinen Europawahlen 1979 stand Simone Veil auf Platz 1 der damaligen liberalen Regierungspartei UDF. Der Wahlsieg übertraf alle Erwartungen. Am 17. Juli wählte die Mehrheit der europäischen Abgeordneten – die, aus neun ehemals befreundeten oder verfeindeten Ländern stammend, der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft vereinte – die Überlebende des Holocaust zur Präsidentin des Europaparlaments. Eine in jeder Hinsicht symbolische Entscheidung.

Während ihrer 30-monatigen Amtszeit setzte sich Simone Veil für die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft ein. Sie traf mit den wichtigen Persönlichkeiten ihrer Zeit zusammen: Helmut Kohl, Vaclav Havel, Nelson Mandela und Anwar as-Sadat – den sie zu einer Rede vor dem Europaparlament einlud. Sie stärkte die Rechte des Parlamentes gegenüber den nationalen Regierungen und erstritt Hilfsmittel für die ärmsten Länder Afrikas. Bei der Verleihung des Heinrich-Heine-Preises 2010 verkündete die Jury: "Simone Veil hat dazu beigetragen, Europa eine Seele zu geben".

 

>> MEHR ERFAHREN<<

- Porträt von Simone Veil im Tagesspiegel: "Bin Optimistin, aber ohne Illusionen"
- Interview mit Simone Veil im Tagesspiegel: "Ich war die Hassfigur der Reaktionäre"
- Interview mit Simone Veil im Cicero: "Wir haben unsere Mörder besiegt"
- "Simone Veil und die Verantwortung des Parlaments" auf arte.tv
- Simone Veil im Jewish Women's Archieve
- Simone Veil in "Karambolage" auf arte.tv

Abschied von der Politik

1993 ernannte Edouard Balladur, Premierminister unter François Mitterand, Simone Veil zur Ministerin für Soziales, Gesundheit und Stadtwesen im Range einer Staatsministerin. Fünf Jahre später wurde sie auf Vorschlag von René Monory, Präsident des Senats, Mitglied des französischen Verfassungsrates; damit begann sie ihren Rückzug aus der Politik. 2007 unterstützte sie den Wahlkampf von Nicolas Sarkozy; eine Entscheidung, die für viele überraschend kam. Zwar verurteilte sie das Ministerium für Einwanderung, Integration, nationale Identität und solidarische Entwicklung, doch bei anderen Themen wie der Abschiebung von Sinti und Roma, dem Entzug der französischen Staatsbürgerschaft bei Straffälligkeit oder dem harten Durchgreifen der Staatsanwaltschaft blieb sie erstaunlich still. War sie vielleicht aufgrund ihrer Freundschaft mit Nicolas Sarkozy nachsichtig und äußerte sich deshalb nicht zu seiner Politik?

 

Mit Ehrungen überhäuft 

Mehrere Universitäten verliehen ihr einen Ehrendoktor, sie erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, darunter die hochangesehene Aufnahme auf Lebenszeit in die Académie française am 18. März 2010. Es war ihr endgültiger Sieg über die in der Vergangenheit erfahrene Unmenschlichkeit, dass sie als Überlebende der Konzentrationslager in den Kreis der "Unsterblichen" aufgenommen wurde. Simone Veil, die niemals kurzärmelige Kleidung trug, ließ die auf ihren linken Arm tätowierte KZ-Häftlingsnummer 78651 in ihr Schwert, das Attribut eines jeden Akademiemitglieds, eingravieren.

 

"Die Schoah ist unsere Erinnerung und Euer Erbe" oder die Hoffnung auf ein "nie wieder"

„Die Schoah, das ist nicht nur Auschwitz, sie hat den gesamten europäischen Kontinent mit Blut getränkt. Die zum Äußersten getriebene Entmenschlichung hält uns dazu an, immer wieder über das moralische Gewissen und die Würde des Menschen nachzudenken, denn das Schlimmste ist immer möglich.“

 

Mit diesen Worten wandte sich Simone Veil 2007 am 29. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, an die Vereinten Nationen. Das Andenken an all diejenigen, die in den Gaskammern umkamen, verfolge sie Tag für Tag und gemahne an die Völkermorde in Kambodscha, Ruanda und Darfur. "Hat die Menschheit kein Gedächtnis? Wird es immer wieder neue Tragödien geben?"
Zweifelte sie schließlich an den Politikern, deren Machthunger häufig den Sieg über Überzeugung, Engagement und Kompromisslosigkeit davonträgt? Vielleicht. Doch sie zweifelte nie an der Menschlichkeit des Einzelnen. Deshalb sollte und darf man nie die hoffnungsvollen Worte am Ende ihrer Rede vor den UN vergessen: "Ich möchte daran glauben, dass die moralische Kraft und das Gewissen des Einzelnen stärker sein können als alles andere. So wie es bei den "Gerechten" der Fall war".
 

 

Zuletzt geändert am 30. Juni 2017