Französische Frauenrechtlerin Antoinette Fouque gestorben

Länder: Frankreich

Tags: Antoinette Fouque, Frankreich, Frauenrechtlerin

Antoinette Fouque, eine der herausragenden Persönlichkeiten und Mitgründerin der 1968 gegründeten französischen Frauenbewegung MLF (Mouvement de Libération des Femmes) ist in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar in Paris gestorben. Die Psychoanalytikerin, Politologin und ehemalige Europaabgeordnete wurde 77 Jahre alt. ARTE Journal hat Michèle Idels, eine langjährige Weggefährtin Antoinette Fouques gebeten, uns einen kleinen Einblick in Leben und Schaffen der Verstorbenen zu geben. Außerdem erzählt uns Mira Sigel, eine deutsche Bloggerin und engagierte Feministin mehr über die französische Frauenbewegung.


"In den letzten 40 Jahren ist mehr für die Frauen erreicht worden, als in zwei Millionen Jahren Geschichte." (A. Fouque)

 

Wenn man mit Bloggerin Mira Sigel über die französische Frauenbewegung spricht, spürt man selbst durch das Telefon, dass ihre Augen zu leuchten beginnen. In der "Freiheitsliebe" veröffentlicht sie regelmässig unter anderem Artikel über den Feminismus in Frankreich, seine Geschichte und die Auswirkungen auf die deutschen Nachbarinnen. "Ich bewundere die französische Frauenbewegung sehr für ihre Theorien und ihre Entschlossenheit. Es waren und sind auch immernoch ganz viele schillernde Frauen darunter, die mit ganz viel Mut und Energie und vor allem Klugheit gekämpft haben. Sie haben ganz interessante Gedankenstrukturen entwickelt, die heute immer noch einen Aha-Effekt in einem auslösen können. Ohne sie wären wir heute glaube ich ganz woanders."

 


Gerade das Recht auf Abtreibung war eine zentrale Forderung der Frauenbewegungen weltweit, und ist es Mira Sigel zufolge auch heute noch: "Wenn wir nach Spanien blicken, wo man gerade wieder zu einer fast rigorosen Rücknahme von Abtreibungsrechten gekommen ist, dann sieht man, dass dieser Punkt nach wie vor sehr vital ist."

 


Die Aktionen der französische Frauenbewegung waren damals eine große Inspiration für Alice Schwarzer. In dem Artikel "Wir haben abgetrieben!" erzählt sie, wie sie den Kampf gegen das Abtreibungsverbot nach Deutschland gebracht hat.

 

1968 wird Antoinette Fouque Mitgründerin des Dachverbandes Mouvement de libération de femmes (MLF). Die Bewegung setzte sich mit grundsätzlichen Fragen des Frauseins auseinander und stellte den existenzialistischen Feminismus, wie von Simone de Beauvoir dargestellt, in Frage. Auf einer ihrer ersten Demonstrationen trugen die Frauen Alice Schwarzer zufolge ein Schild mit der Aufschrift: „Wir sind alle frigide. Wir sind alle hysterisch. Wir sind alle neurotisch. Wir sind alle lesbisch." und parodierten damit Klischees, die unbequemen Frauen schon lange vor der Frauenbewegung angehängt wurden. Mira Sigel ist der Meinung, dass Antoinette Fouque mit ihren Ideen und Theorien Generationen von Frauen geprägt hat: "Man muss natürlich auch sagen, dass sie von ihrem Denkansatz sehr radikal ist, sie ist eine Radikal-Feministin. Das heißt sie kritisiert ganz klar das sogenannte Patriarchat. Gleichzeitig ist sie aber auch Marxistin. Das heißt, sie hat auch ganz klar immer diesen Klassenwiderspruch kritisiert und als einen der Gründe angeführt, weswegen Frauen überhaupt unterdrückt werden. Das hat sie gemeinsam mit vielen anderen Radikal-Feministinnen. Dieser radikale Ansatz ist heute ein bißchen aus der Mode gekommen, an seiner Richtigkeit hat sich aber nichts geändert. Auch heute noch muss man sich Gedanken darüber machen, warum sich Frauen überhaupt in dieser Lage befinden."

 


"Es war schwierig, Frau in einer Gesellschaft zu sein, in der man nur als Frau, Mutter oder Tochter existierte" (A. Fouque)

 

In den folgenden Jahren veränderte sich die Situation für die Frauen in Frankreich rasant: das flächendeckende, kostenlose Betreuungsangebot ab 3 Jahren erleichterte die Berufstätigkeit junger Mütter erheblich. 95 Prozent aller dreijährigen sind in diesem staatlichen Ganztagsangebot in Form von Vorschulen. Seit 2000 gilt in Frankreich das Paritätsgesetz, das festlegt, dass bei Wahlen die Hälfte aller Kandidatinnen weiblich sein muss. Der Feminismus hat sich gewandelt, auch mit großen Unterschieden in Deutschland und Frankreich. Post-Feministische Ansätze und Gender-Debatten haben ihn abgelöst. Mira Sigel glaubt, dass es in der Frauensache trotz allen Fortschritten noch viel zu tun gibt: "Ich glaube trotz allem, dass uns das alles letzten Endes nicht da hingebracht hat, wo wir hin wollten. Wir haben den Gender Pay Gap, der sagt, dass Frauen bis zum März des nächsten Jahres arbeiten müssen, um das gleiche zu verdienen, wie die männlichen Kollegen. Obwohl Frauen 44 Prozent der Berufstätigen ausmachen, sind noch nicht einmal 30 Prozent in leitenden Positionen. Es studieren mehr Frauen als Männer, in Deutschland machen sie 20 Prozent der Professorinnen aus. Das sind alles Zahlen, die zeigen, dass wir noch lange nicht von einer Gleichstellung sprechen können. Gleichzeitig gibt es krasse Formen von Alltags-Sexismus in Werbung, Medien, Musikvideos mit subversiven Messages. Das alles sind Dinge, mit denen wir tagtäglich umgehen müssen, und für die die Sensibilisierung ein bisschen verloren geht, und wo es Auftrag des Feminismus ist, wieder zu sensibilisieren. Und ich glaube, dass das tatsächlich auch der Ansatz ist, den Antoinette Fouque vertreten hat, da wieder ein Stück weit radikaler zu werden. Das sind nicht nur Gender-Trouble Fragen, das sind Fragen, die Frauen betreffen. Und da müssen die Frauen auch aufstehen und sich dagegen wehren."

 

ARTE Journal hat sich mit Michèle Idels über Leben und Werk Antoinette Fouques unterhalten. Sie hat vierzig Jahre lang an der Seite der brillianten Frauenrechtlerin gearbeitet.

 

Fanny Lépine, ARTE Journal: War Antoinette Fouque eine der ersten Feministinnen?
Michèle Idels:
Sie sagte, dass eigentlich alle Frauen Feministinnen sind. Sie selbst aber wollte nicht so genannt werden, sie wollte sich nicht von einem Konzept, einer Ideologie einengen lassen. Sie war sehr unabhängig, sehr frei, sie hat der Frauenbewegung ihre Gedanken, ihr Handeln, ihren Mut gegeben. Sie wollte mehr Schaffen als Ansprüche geltend machen, sie wollte mehr die Stärke der Frauen betonen als ihr Unglück. Trotzdem hat sie auch dagegen gekämpft, gegen die Gewalt gegen Frauen, aber auch gegen die Ungerechtigkeiten und Diskriminationen, die Frauen erfahren.

 


Woher kommt dieses Engagement für die Frauen?
Michèle Idels:
Sie sagte, als sie Studentin war, war sie sich des Unterschieds zwischen den Geschlechtern nicht wirklich bewusst. Erst als sie mit ihrer Tochter Vincente schwanger war, 1964, wurde ihr klar, dass es da noch etwas anderes gab, es war wie ein Neuanfang für sie. Sie begann zu hinterfragen, was es eigentlich bedeutet, Frau zu sein.

 

Antoinette Fouque war Psychoanalytikerin...
Michèle Idels:
… eine große Psychoanalytikerin! Sie hat die Theorie der Unterschiede zwischen den Geschlechtern eingebracht, was Freud und Lancan gänzlich fehlt.

 

Sie hat sich auch politisch engagiert, war das wichtig für sie?
Michèle Idels:
In den ersten Jahren waren wir mit ihr sehr anti-parlamentär, anti-Wahlen. Dann, 1981 hat sie mit MLF dazu aufgerufen, François Mitterand zu wählen, obwohl es eigentlich kein Kandidat war, den sie besonders mochte. Aber sie dachte, dass die Linke die Frauensache am ehesten voranbringen könnten, was dann vom rechtlichen Standpunkt aus gesehen auch passiert ist. In den letzten 30 Jahren hat sich einiges verändert.

 

Waren ihre Theorien umstritten?
Michèle Idels:
Für Feministinnen wie Monique Wittig, die lange mit Fouque zusammengearbeitet hatte, wurden die Frauen unterdrückt. Für sie sind Frauen Menschen wie alle. Für Antoinette Fouque gibt es zwei Geschlechter, Frauen und Männer, und nicht Männer und weniger gute Männer, wie bei Simone de Beauvoir. Antoinette Fouques Werk bestand darin, die Frauen in ihrem Frau-Sein zu bestärken, und auch in ihrer Libido.

 

Kann man sagen, dass mit ihrem Tod die feministische Sache eine neue Wende nimmt?
Michèle Idels:
Sie wird uns natürlich sehr fehlen, sie hatte eine immense Kraft, immensen Mut, unglaublichen, einzigartigen Lebenswillen. Und was sie uns, die immer mit ihr gearbeitet haben, und allen Frauen gegeben hat, müssen wir lebendig halten. Für die Frauen ist es lebensnotwendig.