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Ungleichverteilung der politischen Macht

Länder: Frankreich

Tags: Gleichberechtigung, Frauen

Seit den letzten Départementswahlen haben die Franzosen den gleichen Anteil von Frauen und Männern in ihren Départemental-Räten - dank einer Reform, die die Parteien seit diesem Jahr dazu zwingt, pro Wahlbezirk jeweils ein Binom aus einer Kandidatin und einem Kandidaten zur Wahl zu stellen. Damit ist der Anteil der Frauen von 13,8 Prozent auf 50 Prozent gestiegen. In der nächsten Etappe müssen die gewählten Kandidaten und Kandidatinnen nun einen Ratspräsidenten für ihr Département bestimmen. Und hier hört es auf mit der Parität: Gerade einmal acht der 101 Ratspräsidenten werden Frauen sein. Réjane Senac, die Präsidentin der Paritätskommission zwischen Frauen und Männern des Hohen Rates, erklärt, warum.

In der Politik habe Frauen eine eher ergänzende Funktion und werden nicht als gleichwertig betrachtet.

Réjane Senac - 02/04/2015

ARTE Journal: Frau Senac, wie kommt es, dass trotz der Reformen in Frankreich die Parität der Geschlechter nicht an der Spitze der Politik angekommen ist?

Réjane Senac: Die Frauen werden in der Politik nicht wie die Männer wahrgenommen. Das ist auch historisch bedingt, sie sind einfach noch nicht lange genug vollwertige Bürgerinnen. Heute sind sie zwar Teil der Politik, aber sie haben eine eher ergänzende Funktion, und werden nicht als gleichwertig betrachtet.

 

In Frankreich wurden Gesetze zur Parität der Geschlechter eingeführt, war das überhaupt notwendig?

Réjane Senac: Höchst notwendig! Und zwar weil man sich bewusst geworden ist, dass nur ein Zwang auch Wirksamkeit bringt. In den Gemeinderäten sitzen jetzt fast genauso viele Frauen wie Männer, und auch in den Regional- und Départemental-Räten ist das der Fall. Nur da, wo es kein Gesetz gibt, nämlich für die Spitze der Exekutive, sind die Frauen noch in großer Mehrheit ausgeschlossen. Wir haben nur 16 Prozent Bürgermeisterinnen, eine Regional-Präsidentin und jetzt acht Départemental-Präsidentinnen. Die Gesetze sind also notwendig, aber noch nicht ausreichend, denn sie öffnen den Frauen nicht die Spitze der Exekutive und eine wahre Teilung der Macht.

 

Was müsste ihrer Meinung nach geschehen, damit sich das ändert?

Réjane Senac: Zwei Dinge wären nötig. Zum einen noch mehr Auflagen, damit die Parteien gezwungen sind, die Frauen als Kandidatinnen einzubeziehen, und dann auch auf Posten mit Verantwortung zu setzen. Das könnte zum Beispiel die Auflage sein, dass Präsident und Vize-Präsident verschiedenen Geschlechts sein müssen, in den Gemeinden, der Region und dem Département. Das ist auch die Empfehlung des Hohen Rates für Gleichberechtigung. Und ich denke zum zweiten ist es wesentlich, dass man sich bewusst wird, dass wir uns zwar als Land der Menschenrechte und der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ausrufen, unser Land aber in Wahrheit von einer kleinen Bruderschaft regiert wird, die die Zügel in der Hand halten. Hier ist noch viel Grundsatzarbeit zu leisten.

 

Es sind vor allem die festgefahrenen Strukturen, die die Frauen von der Macht ausschließen.

Réjane Senac - 02/04/2015

Eines der Argumente der Politik ist, dass die Frauen noch nicht genug Erfahrung haben. Ein für sie stichhaltiges Argument?

Réjane Senac: Die Frauen dürfen seit 70 Jahren wählen und gewählt werden. Trotzdem waren sie bis in die 1990er Jahre von Posten mit Verantwortung ausgeschlossen. Man musste extra Gesetze erlassen. Diese Gesetze sind seit 14 Jahren in Kraft, das heißt, seit 14 Jahren sind Frauen auf verantwortungsvollen Posten. Man kann also nicht sagen, es gäbe keine Anwärterinnen. Denn auch das ist eines dieser Argumente, die Frauen würden sich nicht trauen. Das ist genauso fadenscheinig, wie das, dass es keine Frauen an der Spitze einer der CAC 40, der 40 umsatzstärksten französischen Aktiengesellschaften, gibt. Es gibt tatsächlich keine, und auch unter den leitenden Angestellten oder in den Vorständen gibt es wenige Frauen. Aber nicht, weil sie nicht kompetent wären oder sich nicht trauen würden. Nein. Die Frauen haben in Frankreich höhere Abschlüsse als die Männer, und trotzdem stoßen sie an eine Decke aus Glas. Meiner Meinung nach zeigt die Auswertung der Anwendung dieser Gesetze, dass es vor allem die festgefahrenen Strukturen sind, die die Frauen von der Macht ausschließen.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016