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Frankreich: das neue Pulverfass Europas?

Länder: Frankreich

Tags: Antisemitismus, Nahostkonflikt, Frankreich

Verwüstete Straßen, eingeschlagene Schaufenstervitrinen, brennende Mülltonnen – ein Bild, das viele von den Pariser Vorstädten kennen. Doch an diesem Sonntag waren eine Synagoge und ein jüdisches Lebensmittelgeschäft Zielscheibe des Hasses – denn der Nahostkonflikt droht, in Frankreich überzuschwappen. Hunderte Demonstranten kamen in den Straßen des Pariser Vorortes Sarcelles, auch bekannt als Klein-Jerusalem, zusammen, um gegen die israelische Militärintervention in Gaza zu protestieren. Doch die Lage eskalierte, antisemitische Paroli wurden laut, Autos brannten und einige Jugendliche warfen Steine auf Polizisten. Der französische Premier Manuel Valls warnt nun vor einer neuen Form des Antisemitismus. Gibt es in Frankreich einen stärker ausgeprägten Antisemitismus als in anderen europäischen Ländern? Arte Journal hat den italienischen Korrespondenten und Präsidenten des europäischen Presseclubs Alberto Toscano, den deutschen ARD-Korrespondenten Ingo Bötig und Dan Bilefsky, den kanadischen Korrespondenten der New York Times dazu befragt.


Arte Journal: Wie erklären Sie sich, dass der Nahostkonflikt vor allem in Frankreich zum Tragen kommt und nicht anderswo in Europa?

Alberto Toscano: In Frankreich gibt es zwei wichtige Gemeinschaften, die hebräische und die islamische. Und die islamische Gemeinschaft konzentriert sich auf bestimmte Teile Frankreichs, vor allem auf manche Vororte. Dort war verstärkt ein islamistischer Diskurs zu hören. Die Lage in Frankreich ist besonders sensibel, das wurde schon in anderen Situationen spürbar und das sieht man auf dramatische Weise heute.

Ingo Bötig: Es wird ja gesagt, dass Frankreich die größte jüdische Gemeinde in Europa hat, wenn nicht sogar weltweit. Das Gleiche trifft auch auf die maghrebinische Gruppe zu. Das sorgt dafür, dass es hier immer zu deutlich sichtbaren Spannungen kommt, die dann leider auch zu Konflikten führen. In solch größeren Gruppen kann es auch immer kleinere Gruppierungen von Radikalen geben, durchaus auch von Antisemiten, das ist ganz deutlich zu sagen. Es gab eben auch Menschen am Wochenende, die „Tod den Juden“ gerufen haben, oder eine israelische Fahne verbrannten. Aber da handelt es sich um eine kleine Gruppe. Ich glaube nicht, dass das auf die großen Gruppen in Frankreich zutrifft.

Dan Bilefsky:  Es gab überall in Europa an diesem Wochenende Demonstrationen: in Amsterdam, in Paris, in London etc. Aber in Frankreich gibt es die wichtigste jüdische und muslimische Gemeinde des Kontinents. Frankreich ähnelt also einem Pulverfass. Es muss auch gesagt werden, dass es sich um eine sehr kleine radikale Gruppe handelt, die Gewalt anwendet. Die meisten Menschen demonstrieren friedlich. Aber natürlich hat die jüdische Gemeinde Angst vor diesen Zusammenstößen, um den Aufschwung des Front National und der antisemitischen Gewalttaten der letzten Jahre wissend. Es ist auch wichtig zu sagen, dass manche Menschen in Frankreich Antisemitismus mit der Tatsache, gegen die israelische Politik zu sein, verwechseln. Das wird zu einem gefährlichen Cocktail, wenn die Leute die gegen Israel protestieren auch gegen die Juden demonstrieren.

Arte Journal: Glauben Sie, dass es in Frankreich einen "neuen Antisemitismus" gibt, wie Premierminister Valls gesagt hat?

Ingo Bötig: Ich weiß nicht, ob es ein stärkeres Gefühl von Antisemitismus in Frankreich gibt. Dem würde ich vielleicht nicht so zustimmen, weil die Krawalle, die wir gesehen haben, vor einer Woche an der der Synagoge in Paris, an diesem Wochenende in Paris, Barbès-Rochechouart, oder auch jetzt in Sarcelles, von Krawallmachern kommen. Jeder Krawallmacher ist natürlich einer zu viel, aber ob man von einem flächendeckenden Antisemitismus in Frankreich sprechen kann, das möchte ich bezweifeln. Das bezweifeln auch zahlreiche Beobachter, mit denen wir im Laufe dieser Tage gesprochen haben. Tausende Menschen haben in Marseille, in Cannes, in Saint-Etienne, in Straßburg und in Lyon friedlich demonstriert – und zwar gegen die israelischen Angriffe und nicht gegen die Religion. Das muss man in dem Konflikt auch nochmal unterscheiden. Man wehrt sich hier gegen eine politische Maßnahme Israels und nicht gegen die Religion Israels.

Alberto Toscano: Ich weiß nicht, ob der Antisemitismus heutzutage in Frankreich besonders stark ausgeprägt ist, aber ich weiß ohne jeden Zweifel, dass der Antisemitismus in Frankreich eine dauerhafte Bedrohung darstellt, auf die man achtgeben muss.

Dan Bilefsky: Ich glaube, was in Frankreich einzigartig ist, ist die präsente Minderheit von arbeitslosen Jugendlichen aus den Vororten, oftmals mit nordafrikanischem Hintergrund, die radikaler wird. Sie fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen und sie sehen den Nahostkonflikt durch die Brille ihrer Verzweiflung. Ich denke also, dass die Lage dieser Generation den Antisemitismus fördert. Gegen die israelische Politik zu sein wird zu einer neuen Art, sich auszudrücken. ​

Arte Journal: Aber warum ist dieser Antisemitismus in Frankreich stärker zu spüren als anderswo? Könnte man so eine Bewegung auch in Ihrem Land feststellen?

Alberto Toscano: In Italien sind die Gemeinschaften weniger stark ausgeprägt, viel weniger organisiert. Die jüdische Gemeinschaft in Italien setzt sich aus 30.000 Personen zusammen, die perfekt in die Gesellschaft integriert sind und die nicht auf starke und organisierte Art und Weise ihre Unterstützung für die aktuelle israelische Regierung äußern. Was die islamische Gemeinde betrifft, immigriert sie seit kurzem hierher und ist noch nicht so stark integriert, um sich politisch zu mobilisieren und sich mit einer präzisen politischen Sache zu identifizieren. Der Fall Frankreichs ist viel schwerwiegender, viel bedeutender und ohne Zweifel einzigartig oder beinahe einzigartig in Europa.

 

Arte Journal: Wie beurteilt Ihr Land die Ausschreitungen der letzten Tage in Frankreich?

Alberto Toscano: Die italienische Presse hat diese Ereignisse sehr wichtig genommen, auch wenn das bei uns natürlich nicht die wichtigste Nachricht ist. Es gab Artikel in mehreren italienischen Zeitungen, das Fernsehen hat in den wichtigsten Nachrichtensendungen darüber berichtet und auch die Radiosender haben davon gesprochen. Die Italiener wurden also über die Ausschreitungen informiert, aber es wurde nicht dramatisiert. Der Ton war eher sachbezogen. Es wurde von den Zwischenfällen erzählt, den Verletzten, aber mit einem starken Bewusstsein, dass auch andere Zwischenfälle passieren, andere Angriffe auf Synagogen in der Zukunft stattfinden werden und vor allem, dass ein politisches Problem, wie der Nahostkonflikt, zu einem Kampf zwischen Religionen wird, zu einem Identitätsproblem von Gemeinschaften mit gefährlichen Konsequenzen innerhalb der französischen Gesellschaft.

Ingo Bötig:  Die Anfragen hier in unserem ARD-Korrespondentenbüro sind natürlich vehement. Die Menschen machen sich große Sorgen und stellen sich die Frage, ob Frankreich in einem neuen großen Antisemitismus versinkt. Wir Korrespondenten hier im Büro haben uns zusammengesetzt, haben mit vielen Menschen gesprochen und uns beraten. Wir glauben letztendlich sagen zu können, sagen zu müssen und sagen zu dürfen, dass es eben nicht dieser verstärkte Antisemitismus ist, der in Deutschland wahrgenommen wird, sondern diese starken Bilder von den Straßenkämpfen an der Synagoge vor einer Woche, von den großen Straßenschlachten jetzt am Wochenende in Paris, oder in Sarcelles. Eben diese starken Bilder heben die Problematik so sehr hervor.

Dan Bilefsky: Dutzende, gar hunderte Personen, die in jüdischen Vierteln mit Eisenstangen herumlaufen, das ist schon sehr erstaunlich im Jahr 2014. Das ist sehr rar in den USA und in Kanada. Um ehrlich zu sein ist es ganz schön angsteinflößend für die Amerikaner und Kanadier, die das ganze Geschehen in Frankreich beobachten. Die Zahl der Juden, die Frankreich verlässt, steigt immer weiter an: die Jewish Agency for Israel hat bekanntgegeben, dass Ende letzten Jahres 5.000 Juden das Land verlassen haben. Das ist eine der höchsten Zahlen seit 1948, als der Staat Israel gegründet wurde. Also haben wir in den USA das Gefühl, dass etwas in Frankreich passiert, dass der Antisemitismus steigt. Aber Frankreich ist kein Einzelfall. Bei den Europawahlen ist uns aufgefallen, dass die Rechtsextreme in ganz Europa aufblüht. Eine andere Sache, die mir in Frankreich ins Auge sticht: Sobald es antisemitische Ausschreitungen gibt, äußert sich der Premierminister oder der Präsident gegen diese Zusammenstöße. Ein Staatschef, der jedes Mal öffentliche Erklärungen abgibt, wenn etwas passiert, das ist sehr selten. Das zeigt, dass es auf Seiten der politischen Elite ein wirkliches Verständnis für das Problem gibt.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016