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François Mitterrand – Kritik einer Präsidentschaft

Länder: Frankreich

Tags: William Karel

Zwanzig Jahre nach dem Tod von François Mitterrand zieht Mockumentary-Regisseur William Karel eine kritische Bilanz der Regierungszeit des ersten sozialistischen Präsidenten der Fünften Republik. Ein Gespräch.

 

ARTE Info: Wieso haben Sie bisher noch keinen Film über François Mitterrand gedreht?

William Karel: Ich gehöre nicht zu den rückhaltlosen Mitterrand-Bewunderern. Jetzt, zwanzig Jahre nach seinem Tod, hatte ich den Wunsch, mich zu äußern. Allerdings wollte ich nicht in den allgemeinen Lobgesang einstimmen, sondern lieber einige kritischere Töne anschlagen. Im Scherz sage ich oft, ich mache einen "François Mitterrand für Dummies", d. h. für die jüngere Generation, die nichts über ihn weiß. Außerdem wollte ich dem Gedächtnis der Älteren ein bisschen nachhelfen, die diese "Mitterrand-Mania" miterlebt hatten. Wie es dazu kommen konnte, dass damals in den 1980ern so viele 16- bis 18-Jährige diesem katholischen, konservativen, großbürgerlichen Greis verfallen sind, bleibt wohl für immer ein Rätsel.

 

 

Warum haben Sie so wenig Empathie mit dem ehemaligen Präsidenten der Republik?

Ich werfe ihm unter anderem vor, mit dem Verhältniswahlsystem dem Erstarken des Front National Vorschub geleistet und Jean-Marie Le Pen die Möglichkeit gegeben zu haben, sich im Fernsehen zu äußern. Doch am meisten verübele ich ihm seine Freundschaft mit René Bousquet, dem Polizeigeneralsekretär der Vichy-Regierung sowie seine Weigerung, im Namen von Frankreich die Verantwortung des Vichy-Regimes für die Deportation der Juden anzuerkennen, und seine Äußerungen über die "jüdische Lobby", die ihm, so seine eigenen Worte, das "Leben ruiniert" hätten.

 

Nichts sollte außen vor bleiben: weder die Zeit, als er als Justizminister während des Algerienkrieges 60 Menschen enthaupten ließ, noch wie er die Fernsehsender verscherbelte, seine Krebserkrankung, seine uneheliche Tochter Mazarine, die Telefonabhöraktionen oder die Selbstmorde in seinem persönlichen Umfeld.

 

Ihr Film stützt sich auf Archivaufnahmen und Aussagen von Vertrauten und Journalisten, die seine beiden Amtszeiten begleiteten.

Sie sind es, die die Geschichte erzählen. Acht von ihnen waren Minister oder enge Berater wie Roland Dumas, Laurent Fabius, Jacques Attali, acht sind Historiker oder Journalisten wie Raphaëlle Bacqué, Serge July, Michèle Cotta, Edwy Plenel, Georges-Marc Benamou und Pierre Péan. Ich habe auch den englischen Journalisten Philip Short interviewt, der kürzlich eine sehr gute Biographie von Mitterrand herausgebracht hat. Ich wollte mit meinen Gesprächspartnern die insgesamt 14 Amtsjahre Revue passieren lassen. Nichts sollte außen vor bleiben: weder die Zeit, als er als Justizminister während des Algerienkrieges 60 Menschen enthaupten ließ, noch wie er die Fernsehsender verscherbelte, seine Krebserkrankung, seine uneheliche Tochter Mazarine, die Telefonabhöraktionen oder die Selbstmorde in seinem persönlichen Umfeld.

 

Alle sprechen von einem intelligenten, feinsinnigen, brillanten und lustigen Mann – keiner sieht in ihm einen Visionär. Teilen Sie diese Einschätzung?

Die ersten zwei Jahre glichen einem wahren Feuerwerk: Abschaffung der Todesstrafe, Rente mit 60 Jahren, 39-Stunden-Woche, fünf Wochen bezahlter Urlaub, gleiches Gehalt für Frauen und Männer. 

 

Ja. Wenn man sich die beiden siebenjährigen Amtszeiten anschaut, stellt man fest, dass die ersten zwei Jahre einem wahren Feuerwerk glichen: Abschaffung der Todesstrafe, Rente mit 60 Jahren, 39-Stunden-Woche, fünf Wochen bezahlter Urlaub, gleiches Gehalt für Frauen und Männer. Dann hat er eine Kehrtwende hingelegt, als ihm klar wurde, dass das gemeinsame Programm, das die sozialistische Partei, die kommunistische Partei und die radikale Linke 1972 unterzeichnet hatten, nicht länger von Belang war. Danach passierte nichts mehr. 1995, kurz vor seinem Tod, unterstützte er Jacques Chirac anstelle von Lionel Jospin. Das war eher erstaunlich.

 

Paradoxerweise zeigen die Archivaufnahmen der 1980er und 1990er Jahre eine Vergangenheit, die weit entfernt zu sein scheint. Haben Sie denselben Eindruck?

Absolut. Für die Jugend von heute scheinen diese Jahrzehnte Teil der Frühgeschichte zu sein. Der Personenkult ist verblasst wie eine alte Postkarte, die in der Sonne lag. Erinnern wir uns an den Moment, als der Sänger Renaud ein Lied über Baltique, den Hund des Präsidenten, schrieb. Das ist völlig lächerlich! Als François Mitterrand seine letzte Ansprache zum neuen Jahr hielt, sagte er allen Ernstes: "Ich glaube an die Kraft des Geistes. Ich werde euch nicht verlassen". Mir scheint, als hätte er sein "Versprechen gebrochen", selbst wenn die Sozialisten ihn auch heute noch als ein unbequemes Gespenst betrachten, dessen sie sich nicht entledigen können. Das ist falsch.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016