Fotografie: zehn Flüchtlinge erzählen ihren Alltag im Lager Breidjing

Länder: Tschad

Tags: Flüchtlinge, Lager, Darfur, Fotografie

Der belgische Fotoreporter Laurent Van Der Stockt hat in den letzten Jahrzehnten über viele Kriege berichtet: Tschetschenien, Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien. Seine Fotos erscheinen in der New York Times oder in der Le Monde. Der 50-Jährige wurde vielfach ausgezeichnet: 2013 erhielt er den "Visa d'Or" beim "Festival du photojournalisme Visa pour l'Image" in Perpignan, und den ersten Preis in der Kategorie Web-Journalismus, außerdem gewann er den "Prix Bayeux des correspondants de guerre", für seine Fotoreportage "Syrie : au coeur de la guerre", die er gemeinsam mit Jean-Philippe Rémy verwirklicht hat.

Für das Projekt Refugees von ARTE Reportage hatte Laurent Van Der Stockt zehn Fotoapparate im Gepäck. Die waren für die zehn Teilnehmer seines improvisierten Workshops im Flüchtlingslager Breidjing im Tschad vorgesehen. Er bat jeden, ein eigenes Thema zu fotografieren. Laurent Van Der Stockt wollte lieber den Menschen im Lager etwas beibringen, als eine eigene Reportage fotografieren.

"Die zehn Teilnehmer haben die gleiche Geschichte", erklärt Laurent Van der Stockt. "Sie flohen 2004 vor dem blutigen Konflikt in Darfur und landeten in einem Flüchtlingslager im östlichen Tschad. Sie sind Überlebende in Warteposition - seit zehn Jahren, fern von der Heimat, genau wie die 40.000 anderen Sudanesen im Flüchtlingslager von Breidjing. Man hat ihnen erzählt, dass sie an einem Fotoworkshop teilnehmen dürften und dass ihre Geschichten und Bilder auf der Internetseite eines bekannten Fernsehsenders gezeigt würden. Einzige Teilnahmebedingung: Lust haben und bereit sein, sich ein paar Tage lang dem Projekt zu widmen."

"Kurz nach dem Kennenlernen, haben die Teilnehmer verstanden, dass sie sich ihre Motive selbst aussuchen dürfen", sagt der Fotograf. "Dass sie selbst wählen können, was sie schön oder schrecklich finden, traurig oder hoffnungsfroh, für sich selbst oder für ihre Nachbarn. Sie sind von der Idee begeistert, von sich zu erzählen und selbst zu entscheiden, was wichtig ist. Fotos machen kann jeder– hier geht es darum, wer spricht. Wer, zu wem und wovon. Am Ende des ersten Tages weiß jeder, woran er arbeiten wird; was er sagen und zeigen will." 

Hier sind ihre Fotos in zehn Portfolios: Klicken Sie auf die Namen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen um ihre Arbeiten anzuschauen mit einem Kommentar von Laurent Van Der Stockt. 

Khadidja Mahamat Khatir, 23 Jahre 
Zakia Sidik Daoud, 17 Jahre 
Aziza Issak Mahamat, 13 Jahre 
Mansour Adam Ali, 13 Jahre 
Sarah Ibrahim Issa, 23 Jahre 
Noureddine Hamad, 26 Jahre 
Houda Adam Ali, 18 Jahre 
Youssouf Issak, 30 Jahre 
Ikram Ismail Hassan, 10 Jahre 
Adam Idriss Abdallah, 33 Jahre 
Zakia und Khadidja, 17 und 23 Jahre 

 

 
Khadidja Mahamat Khatir, 23 Jahre, Studentin

Laurent Van Der Stockt: "Khadidja ist 23 Jahre alt und geht auf die höhere Schule. Sie arbeitet intuitiv und will unbedingt die Landschaften des Lagers fotografieren. Sie steigt auf einen nahegelegenen Hügel, um zu erzählen, wie das Lager entstanden ist. In Erinnerung an die verlorene Heimat hat man die Gebiete rund um das Wadi nach sudanischen Stadtteilen benannt."

 
 
 
 
Zakia Sidik Daoud, 17 Jahre

Laurent Van Der Stockt: "Zakia ist 17 Jahre alt. Seit sie sieben ist, lebt sie mit ihrer Familie im Lager. Sie will von den Problemen der Wasserversorgung sprechen, lässt sich aber von den Bildern leiten. Bei der Durchsicht ihrer Fotos wählt sie ein einziges aus, radikal und direkt. Visuell. Ihre Entscheidung wird verständlich, wenn man ihre Bilder sieht, auf denen sie das Baumaterial der Häuser zeigt. Später gesellt sie sich zu Kadidja, um die Nahrungsmittelverteilung festzuhalten."

 
 
 
 
Aziza Issak Mahamat, 13 Jahre

Laurent Van Der Stockt: "Aziza ist dreizehn Jahre alt. Sie ist spontan und will das festhalten, was ihr gefällt und was sie täglich sieht. Ihre Straße, ihre Freunde. In zehn Jahren hatten die Flüchtlinge genug Zeit, die Zelte durch kleine Häuschen aus getrocknetem Lehm zu ersetzen. In der Gemeinschaft hat sich trotz allem ein reges Sozialleben entwickelt. Das ist es, was Aziza zeigen will."

 
 
 
 
Mansour Adam Ali, 13 Jahre

Laurent Van Der Stockt: "Mansour ist dreizehn Jahre alt. Er ist zunächst still und aufmerksam, taut jedoch schnell auf und erweist sich als sehr pfiffig. Zusammen mit den anderen zählt er die Probleme auf, die es im Lager gibt. Zu den schlimmsten gehört die plötzliche und drastische Kürzung der Lebensmittelrationen des WFP. Für viele der 40.000 Flüchtlinge bedeutet dies, zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder ums Überleben kämpfen zu müssen. Manche haben das Lager verlassen, um im Busch etwas Landwirtschaft zu betreiben – ohne die nötigen Werkzeuge und auf eigene Gefahr. Mansours Vater hat Hirse gepflanzt, die inzwischen reif ist. Mansour will die Feldarbeit fotografieren."

 
 
 
 
Sarah Ibrahim Issa, 23 Jahre, Lehrerin

Laurent Van Der Stockt: "Sarah ist 23 und Grundschullehrerin. Sie hat ein Kind, ist verantwortungsbewusst und engagiert sich in der Gemeinschaft. Sie hat den Workshop bekanntgemacht und die Teilnehmer eingeladen. Jetzt will sie versuchen, auf einfache Weise die Geschichten ihrer Landsleute zu erzählen, ihren Alltag zu erklären und die Schwierigkeiten zeigen, mit denen sie konfrontiert sind. Den kurzen Text über ihre Nachbarin schreibt sie ohne abzusetzen, ernst und konzentriert."

 
 
 
 
Noureddine Hamad, 26 Jahre, Lehrer

Laurent Van Der Stockt: "Noureddine ist Grundschullehrer. Er gehört zu den Jugendleitern seines Blocks und hat dabei geholfen, den Workshop bekanntzumachen und durchzuführen. Das Lager ist in dreiunddreißig Blöcke unterteilt. Noureddine will auch die positiven Seiten der Gemeinschaft zeigen. Die Solidarität. Er fotografiert die Eigentümer der wenigen Geschäfte an der Hauptstraße."

 
 
 
 
Houda Adam Ali, 18 Jahre

Laurent Van Der Stockt: "Houda ist achtzehn, sie wirkt ernst und nachdenklich. Bei der Flucht aus der Heimat war sie gerade acht Jahre alt. Sie machte im Lager eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und arbeitet jetzt im dortigen Krankenhaus. Sie will davon sprechen, dass die Schulen geschlossen wurden und die Kinder nun nicht mehr lernen können."

 
 
 
 
Youssouf Issak, 30 Jahre 

Laurent Van Der Stockt: "Youssouf ist 30 Jahre alt und arbeitet als "Impfhelfer" im Gesundheitszentrum. Dafür hat er eine spezielle Ausbildung erhalten. Youssouf will zeigen, wie der Fußball die Flüchtlinge einander näherbringt. Doch die fotografische Praxis bringt ihn schon am nächsten Tag dazu, die Probleme in der Wasserversorgung zu dokumentieren. Zwar gibt es im ganzen Lager mehrere Brunnen, doch diese geben oft nicht genügend Wasser. Deswegen gehen viele Bewohner ins Wadi, um zu trinken, ihre Wäsche zu waschen oder Wasser ins Lager zu holen. Doch das Wasser aus dem Wadi ist nicht sauber und kann schlimme Krankheiten hervorrufen."

 
 
Ikram Ismail Hassan, 10 Jahre 

Laurent Van Der Stockt: "Ikram ist die jüngste Teilnehmerin, ein fröhliches Mädchen. Was Aziza gesagt hat, hat ihr gefallen. Sie verkündet, dass auch sie ihre Freunde fotografieren will. Wie alle anderen weiß auch Ikram gerade einmal, dass der kleine Apparat in ihren Händen zwei Batterien und einen Auslöser hat. Trotzdem hat sie ein hervorragendes Gespür für den Bildausschnitt. Ihre Liebe zum Leben und zu den Freunden leitet ihre Schritte und ihren Blick. Die Bilderfülle, die sie innerhalb kürzester Zeit produziert, ist ein Meisterwerk an Spontanität und Wahrhaftigkeit. Ihr Projekt entwickelt sich weiter, mit spielerischer Leichtigkeit. Ein magischer Augenblick."

 
 
Adam Idriss Abdallah, 33 Jahre 

Laurent Van Der Stockt: "Adam Idriss Abdallah, 33, will die ärmsten Lagerbewohner porträtieren. Kranke, Verwundete, Aussätzige, Behinderte, Witwen und Waisen bekommen in dieser ohnehin sehr schwierigen Umgebung kaum Unterstützung. 'Diese Leute brauchen dringend Hilfe. Für sie ist das schreckliche Leben in den Flüchtlingslagern des östlichen Tschads noch härter als für die anderen. Es liegt in der Verantwortung der Vereinten Nationen, ihre höllischen Lebensbedingungen zu verbessern.' "

 
 
Zakia und Khadidja, 17 und 23 Jahre

Laurent Van Der Stockt: "Kurz vor Ende des Workshops bemerken Zakia und Khadidja, dass niemand die Lebensmittelverteilung des WFP thematisiert hat. Diese sorgt für rege Diskussionen, denn die Rationen wurden zum ersten Mal seit neun Jahren um mehr als die Hälfte gekürzt. Für viele Flüchtlinge sind sie jedoch überlebenswichtig."

 

 

 

 

Lexikon

Die Kugel ist das Grundnahrungsmittel vieler Völker in Äquatorialafrika. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um eine Kugel aus verschiedenen, stärkehaltigen Nahrungsmitteln wie Mais, Maniok oder Hirse, die gedünstet werden.

Das Buschland ist die Vegetation der Savanne, vor allem von Sträuchern und Büschen bewachsen, typisch für diese Region in Afrika.

Die Okra ist eine afrikanische Gemüsepflanze, das man roh oder gekocht essen kann, als Gemüse oder als Gewürz. Sie hat die Form einer fünfeckigen Gurke, in ihrer Mitte stecken die Kerne. Okra kann man das ganze Jahr über kaufen, sie wächst in der Regen- und in der Trockenzeit.

Hirse ist eine Getreideart, die sowohl wegen ihrer Körner als auch wegen ihrer Halme angebaut wird. Hirse dient der Ernährung von Mensch und Tier. Der Anbau der Hirse ist sehr wichtig in Halbwüstenregionen.

Mohrenhirse, manchmal auch "große Hirse" genannt, ist eines der meist angebauten Getreide der Welt. Man kann ihre Körner essen oder sie zu Mehl mahlen. Das tief reichende Wurzelwerk hilft der Pflanze, die Trockenheit zu überstehen.

Ein Wadi, in Nordafrika auch "Oued" genannt,  ist ein ausgetrocknetes Flussbett in der Wüste.