FN-Wahlerfolg: Theaterfestival von Avignon droht mit Wegzug

Länder: Frankreich

Tags: Theaterfestival Avignon, front national, Thomas Ostermeier

Es herrscht Bestürzung unter Frankreichs Kulturschaffenden. Der Wahlerfolg des Front National in der ersten Runde der Kommunalwahlen am letzten Sonntag wird wie eine Ohrfeige empfunden. Direkt betroffen ist Olivier Py. Anfang Juli soll der Regisseur zum ersten Mal das renommierte Theaterfestival von Avignon verantworten, will das aber auf keinen Fall unter einem ultrarechten Bürgermeister. Annette Gerlach sprach darüber mit zwei erfahrenen Theaterleitern, Thomas Ostermeier (Foto - © Paolo Pellegrin) und Jean-Michel Ribes.

Und dann das : in der einstigen Papststadt ging der Front National Kandidat am Sonntag mit fast 30 Prozent der Stimmen als Sieger aus der ersten Wahlrunde hervor, dicht gefolgt von den Sozialisten. Wer tatsächlich ins Rathaus der einstigen Papststadt einzieht, das entscheiden die Wähler am nächsten Sonntag. 

 

Aber Olivier Py wollte nicht bis zur Stichwahl warten. Der Regisseur und langjährige Direktor des Pariser Odéon Theaters legte gleich am Montag im Radio France Info seine Koordinaten fest: Eine Zusammenarbeit mit einem ultrarechten Bürgermeister sei 'unvorstellbar, sollte  der  FN gewinnen, dann müsse das Festival aus der Stadt wegziehen, es gäbe „keine andere Lösung“ als „zu gehen“.

 

Eine klare Position, die auch deshalb in Frankreich viel kommentiert wird, da sich seit dem Rechtsruck vom Sonntag kaum eine Stimme aus der Welt der Kultur zu Wort gemeldet hat. 

 

Fest zu seinen Überzeugungen steht Jean-Michel Ribes, Direktor des Pariser Théâtre du Rond Point, auch für ihn sind Theater und die Politik der Partei von Marine Le Pen unvereinbar. Der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier,  gern gesehener Gast beim Festival von Avignon, sieht das Theater machtlos da, wo die Politik versagt hat. Er erinnert daran, dass auch Bertolt Brecht „mit seinem Theater in keiner Sekunde den Faschismus in Deutschland verhindern konnte.“ 

 

"Das Kind ist schon im Brunnen, das Theater wird es nicht herausholen."

 

ARTE Journal: Wie reagieren Sie auf Olivier Pys Ankündigung, auf keinen Fall mt einem ultrarechten Bürgermeister in Avignon zusammenarbeiten zu wollen?

 

Thomas Ostermeier : Zunächst ist das natürlich eine inner-französische Angelegenheit und ich werde mich hüten, den Franzosen zu sagen, wie sie sich zu verhalten haben. Natürlich hat Olivier Py meine absolute Solidarität für all seine Entscheidungen. Es sieht auch so aus, als ob ich Teilnehmender wäre in diesem Jahr beim Festival von Avignon und ich würde natürlich eine solche Entscheidung auch mittragen. Aber ich bleibe zwiegespalten, wegziehen finde ich schon kurios. Kann man da wirklich wegziehen in eine andere Stadt, die einen anderen Bürgermeister hat? Wir planen im Moment Maria Braun zu zeigen, eine Aufführung, die sich an den Film von Fassbinder anlehnt und die das postfaschistische Deutschland und die Wiederaufbaujahre beleuchtet und den Umgang mit der braunen Vergangenheit. Das wäre ja auch durchaus eine Aufführung, die in solchen politischen Konstellationen auch Sinn machen würde. 

 

Mit welchen Mitteln kann die Welt des Theaters sich gegen den reduzierten, nationalistischen Kulturbegriff des rechtsextremen Lagers wehren? 

 

Thomas Ostermeier: Wir als Theater können uns da überhaupt nicht gegen wehren. Man muss da ganz genau analysieren, was da passiert ist. Ich glaube, dass es sich hier um eine Radikalisierung eines bestimmten Spektrums im Bürgertum, im Kleinbürgertum und in der Arbeiterklasse  handelt, von Leuten die mit der neoliberalen Leistungsgesellschaft nicht klarkommen und zu den falschen Antworten greifen. Hier einfach mit erhobenem Zeigefinger hinzugehen und zu sagen „Ihr bösen Kinder, das dürft ihr aber nicht machen!“, wäre wohl etwas zu kurz gegriffen. Da muss man schon tiefer analysieren, wie es dazu kommen konnte. Sich die Entwicklungen in der Arbeitspolitik, in der Wirtschaftspolitik ansehen. 

Die ökonomische Krise ist ja nur ein Symptom unserer politischen Krise, die zu solchen Radikalisierungen führt. 

Diese Themen spiegeln sich auch in dem von mir inszenierten Stück “Ein Volksfeind“ von Henrik Ibsen wieder, das wir gerade am Wahlwochenende in Rennes und vor einem Monat in Paris gespielt haben. Da geht es um einen jungen Menschen der politisiert wird, der sich radikalisiert, eine Radikalisierung, die auch in die faschistische Richtung ausschlagen kann. Das ist auch meine Analyse : wenn die bürgerliche repräsentative Demokratie den Menschen nicht mehr das Gefühl gibt, dass sie repräsentiert werden, dass sie gehört werden, dann führt das nicht unbedingt zu einer demokratischen Emanzipation sondern kann eben auch zu einer rechtsgerichteten, faschistischen Radikalisierung führen. Das ist es wohl, was gerade in Frankreich und in anderen europäischen Ländern passiert. 

 

Muss das Theater nicht wieder eine stärkere politische Rolle spielen? 

 

Thomas Ostermeier: Das Kind ist schon im Brunnen, das Theater wird es nicht herausholen. Keiner dieser Front National Wähler wird seine politische Einschätzung auf Grund eines Theaterabends ändern. Ich sehe da keine Chance fürs Theater, das Theater kann im besten Falle ein wahrhaftiger Spiegel dessen sein, was man als Zeitphänomen um sich herum wahrnimmt und so zum Nachdenken anregen. Wir hatten in Deutschland den vielleicht politischsten Theatermacher des 20. Jahrhunderts, Bertolt Brecht, und auch er konnte mit seinem Theater in keiner Sekunde den Faschismus in Deutschland verhindern. Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein und nicht das Theatererlebnis am Abend. 

 

In den französischen Kulturkreisen herrscht Bestürzung über den hohen Stimmanteil bei den Kommunalwahlen für die Partei von Marine Le Pen, wie reagieren Sie? 

 

Thomas Ostermeier: Ich bin extrem bestürzt und schockiert, zumal ich am Wochenende in Frankreich, in Rennes war. Ich habe die Kommunalwahlen sehr genau verfolgt, auch wenn Rennes eine sozialistische Hochburg ist. Es ist natürlich ein Horror, was gerade in Frankreich passiert, aber es ist auch ein Horror, was in Ungarn passiert ist, es ist ein Horror, was sich gerade in Skandinavien mehr und mehr abzeichnet, es ist ein Horror, was in der Ukraine passiert. Wichtig ist jetzt auch, dass die französischen Kulturschaffenden nicht in die Defensive geraten. Laut eines französischen Abgeordneten, der sich 'Ein Volksfeind“ angeschaut hat, gibt es unter all seinen Kollegen in der Assemblée Nationale vielleicht vier, die sich wirklich für Kultur interessieren.

 

 

Jean-Michel RibesInterview mit dem Direktor des Pariser Théâtre du Rond Point, Jean-Michel Ribes, einer der wichtigsten Stimmen Frankreichs wenn es darum geht, freie Kreation und ein lebendiges Bühnenschaffen zu verteidigen. 

 

ARTE Journal: Wie stehen Sie zu der klaren Absage Olivier Pys an eine eventuelle Zusammenarbeit mit der rechtextremen Partei Front National in Avignon? 

 

Jean-Michel Ribes: Zuerst einmal ist es wichtig zu sagen, dass die Theorien und die Politik der Front National unvereinbar mit dem Theater sind. Bühnenkunst richtet sich an den anderen, sie ist großzügig und macht keinen Unterschied zwischen den Menschen, ist nicht ausschließend sondern vereint im Gegenteil Menschen aller Nationalitäten, aller Länder und aller sexueller Ausrichtungen. Und all das ist unvereinbar mit einem Bürgermeister aus dieser ausgrenzenden, oft rassistischen und absolut intoleranten Partei. 

 

Beliebtes Feindbild der Front National ist die 'Pariser Hipster-Kultur', wie begegnen sie diesem Vorwurf? 

 

Jean-Michel Ribes: Die Pariser Hipster Kultur -le boboisme  parisien- gibt es gar nicht. Kultur findet überall im Land statt, in jeder Stadt Frankreichs werden findet Kreation statt. Oder aber man nennt das, im Nationaltheater Odéon, was im Theater der Colline, im Kulturzentrum 104, im Châtelet Theater oder im Theater des Rond Point gezeigt wird Pariser Hipster Kultur und in diesem Fall bin ich dafür, dass sie sich noch mehr ausbreitet. Denn genau solche Produktionen bringen 80 Millionen Menschen im Jahr dazu, ins Theater zu gehen. Die Touristen kommen hierher, um ins Centre Pompidou zu gehen, um sich gewisse Theaterstücke anzuschauen oder die Loire-Schlösser zu besuchen, nicht um die Reden Marine Le Pens zu hören. 

 

Wie würden Sie reagieren, wenn Paris einen Front National Bürgermeister wählen würde? 

 

Jean-Michel Ribes: Ich glaube nicht, dass ich unter einer ausgrenzenden Stadtverwaltung, die sich in meine Programmierung  einmischt, arbeiten könnte. Wissen Sie, ich leite dieses Pariser Theater jetzt seit 12 Jahren, und noch nie, nicht von einem der sieben Minister oder dem Bürgermeister, habe ich in all diesen Jahren  einen Anruf bekommen, mit Anweisungen was ich zu tun und zu lassen habe. Wir haben bisher enorme Freiheiten genossen, und ich glaube wir haben den Parisern viel neue Kreationen geboten, aus allen Winkeln der Welt, wir haben unser Publikum überrascht und vielleicht gibt es uns genau deshalb auch heute noch.  Man sollte nie die Neugierde des Publikums unterschätzen, und genau das tut die Front National mit ihren Attacken gegen die Hauptstadtkultur. 

 

Die Interviews führte Annette Gerlach.