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Flüchtlingsströme: Trendwende im Mittelmeer

Länder: Italien

Tags: Flüchtlinge, Mittelmeer, Libyen

Nach der Schließung der Balkanroute hat die Zahl der ankommenden Bootsflüchtlinge auf griechischem Boden rapide abgenommen. Das Gegenteil trifft für die italienischen Regionen Sizilien, Kalabrien, Apulien und Sardinien zu. Binnen weniger Tage sind hunderte Menschen bei dem Versuch umgekommen, mit Schlepperbooten vom libyschen Festland nach Italien zu gelangen. 

Von einem am Donnerstag gekenterten Boot werden noch 550 Menschen vermisst.

Carlotta Sami, UNHCR-Sprecherin

Genaue Opferzahlen nach den Unglücken der letzten Tage kennt niemand. Die Schätzungen gründen auf Aussagen von Überlebenden. "Wenn wir diese düsteren Zahlen zusammenführen, so schätzen wir, dass es mindestens 700 Opfer gibt - ohne Sicherheit in Bezug auf die Zahlen und die Identität der Opfer", ließ die UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami gegenüber der DPA verlauten. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) schätzt die Zahl der Todesopfer gar auf 900.  

 

 

Warten in Libyen

Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) warten in Libyen bis zu 200.000 Menschen auf die Überfahrt nach Europa. Italien, Frankreich und die EU haben sich wiederholt mit der libyschen Übergangsregierung getroffen, von der sie sich eine Zusammenarbeit in der Flüchtlingsfrage erhoffen. Die Übergangsregierung führt zurzeit einen Kampf an verschiedenen Fronten: Gegen das Vorrücken der Terrormiliz "IS", gegen die alte Regierung in Tobruk und mit der Flüchtlingswelle. 

 

Am Sonntag wurden im Hafen von Reggio Calabria im Süden Italiens 629 Überlebende und 45 Leichen an Land gebracht. Unter den Toten waren 36 Frauen, sechs Männer und drei Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, wie die Nachrichtenagentur ANSA berichtete. Ein MSF-Schiff transportierte weitere 604 Migranten in die sizilianische Hauptstadt Palermo. Darunter seien auch 15 schwangere Frauen gewesen, einschließlich eines minderjährigen Vergewaltigungsopfers, berichtete ANSA. Weitere 382 Migranten landeten im sizilianischen Messina.

Die Flüchtlingshilfsorganisation der UNO teilte mit, dass von einem am Donnerstag gekenterten Boot 550 Menschen vermisst würden. Etwa 100 könnten im Rumpf eines am Mittwoch gesunkenen Schiffes gefangen sein. 

 

Trendwende im Mittelmeer

Nach Zahlen der IOM erreichten im Zeitraum vom 19. bis 26. Mai nur 272 Flüchtlinge Griechenland, während 5.674 nach Italien kamen. Einen kausalen Zusammenhang zwischen den sich verschiebenden Zahlen ist hingegen auszuschließen. Der Großteil der Migranten, die nach Italien flüchten, kommen weiterhin aus Eritrea, Nigeria, Somalia und Gambia. Kriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak sind in Italien seit der Schließung der Balkanroute keine angekommen.

 
Italien kritisiert EU und deren Partnerstaaten

Für die italienischen Regierung zeigen die Unglücke, dass Europa weit davon entfernt ist, das grundlegende Problem erkannt zu haben. Italiens Regierungschef Matteo Renzi forderte, das Problem an der Wurzel zu bekämpfen, um der Migration die Grundlage zu entziehen. "Wir müssen den Menschen zu Hause helfen, mit mehr Geld für internationale Entwicklungshilfe als ersten Schritt", sagte er dem katholischen Blatt Avvenire am Sonntag. Italien schlägt vor, afrikanische Staaten finanziell zu unterstützen und ihnen Einreisequoten für Studenten und Arbeiter als Gegenleistung für stärkere Grenzkontrollen zuzusagen.

In Brüssel ist man unzufrieden über die Art und Weise, wie Italien mit den Flüchtlingen umgeht. Den Italienern wird vorgehalten, sie würden noch immer nur die Hälfte der ankommenden Migranten zu den Hotspots bringen, um sie dort ordentlich zu registrieren. Rom äußert sich hingegen weiterhin kritisch darüber, dass sich trotz der internationalen Abmachung noch immer viele Partnerstaaten weigerten, Flüchtlinge nach einem Verteilschlüssel bei sich aufzunehmen.

 

Entspannung in Griechenland

Im bisherigen Brennpunkt Griechenland entspannt sich dagegen die Lage. Der Zustrom von Flüchtlingen aus der Türkei bleibt nach der Schließung der Balkanroute und nach dem EU-Türkei-Pakt mit ein paar Dutzend Ankommenden pro Tag gering. Doch die Versorgungsprobleme bleiben groß. Im Moment sitzen in Griechenland rund 53.000 Migranten fest. Das Lager Idomeni an der mazedonischen Grenze war vergangene Woche geräumt worden, tausende Bewohner wurden umgesiedelt. Der EU-Nachbar Bulgarien beschloss am Sonntag eine verstärkte Überwachung seiner Grenzen zu Griechenland, nachdem Flüchtlinge aus Idomeni illegal ins Land gelangt waren. Die Behörden nahmen 96 Migranten fest. 56 Menschen, die in einem Güterzug versteckt waren, wurden umgehend nach Griechenland zurückgeschickt.

Zuletzt geändert am 31. Mai 2016