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Flüchtlinge: Der Traum vom Job in Deutschland

Länder: Deutschland

Tags: Flüchtlinge, Arbeitsmarkt

800.000 Flüchtlinge kommen allein dieses Jahr nach Deutschland. Sie alle haben einen Traum: Ein Leben in Sicherheit und einen guten Job. Auf den ersten Blick sind die Aussichten auch gar nicht so schlecht: Deutschland hat knapp 600.000 offene Stellen - so viele wie kein anderes EU-Land. Und: Einige Branchen suchen händeringend Personal - nicht nur Fachkräfte. Doch auf den zweiten Blick sind nicht nur die Hürden hoch, sondern auch die Chancen eher ernüchternd.

 

 

Les réfugiés, une force de travail ?

 

800.000 Flüchtlinge. Was für viele ein Problem zu sein scheint, ist für einige Branchen ein wahrer Segen. In der Gastronomie, in vielen Handwerksberufen, in Pflegeheimen und Kitas fehlen Arbeitskräfte – und da scheinen die ankommenden Flüchtlinge gerade recht zu kommen. Die Bundesanstalt für Arbeit (BA) ermuntert in einer Broschüre Unternehmen geradezu, an Flüchtlinge zu denken, wenn sie freie Stellen besetzen wollen.

 

Geworben wird mit Flexibilität und interkultureller Erfahrung

An einer Stelle heißt es: "Geflüchtete Menschen bringen oft berufliche und soziale Kompetenzen und Erfahrungen aus ihren Herkunftsländern mit. Dazu gehören schulische und berufliche Bildungsabschlüsse, Arbeitserfahrung sowie Mehrsprachigkeit, Flexibilität und interkulturelle Erfahrung."

Das würde sich am Arbeitsplatz auszahlen, so die BA. Und um den Unternehmern ihre Ängste zu nehmen, weiß man in der Bundesanstalt, wie die Flüchtlinge ticken: "In der Regel besteht keine kurz- oder mittelfristige Rückkehrmöglichkeit und viele möchten ihre Verwandten im Herkunftsland unterstützen. Oftmals bringen sie hierfür eine überdurchschnittliche Motivation, Eigeninitiative sowie eine hohe Lern- und Leistungsbereitschaft mit, die auch zum Teil fehlende Sprachkenntnisse und Zeugnisse kompensiert."

 

Ohne Deutsch, keine Chance

Doch und da sind sich alle einig, ohne ausreichende Deutsch-Kenntnisse, haben Flüchtlinge am Arbeitsmarkt in Deutschland kaum eine Chance. Ingrid Hartges vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband fordert im ARTE-Interview, dass es für Flüchtlinge einen flächendeckenden Deutschunterricht gibt und die dreimonatige Wartefrist abgeschafft wird. Derzeit dürfen Flüchtlinge, die einen Asylantrag gestellt haben, drei Monate lang gar nicht arbeiten. Darüber hinaus muss danach geprüft werden, ob es nicht einen deutschen Bewerber gibt, der die Stelle besetzen könnte (Vorrangprüfung). Doch hier gibt es seit dem 1. September Bewegung: Selbst Flüchtlinge im laufenden Asylverfahren und geduldete Zuwanderer können arbeiten, wenn die Ausländerbehörde zustimmt.

 

Förderprogramme mäßig erfolgreich

Doch die Hoffnung, die viele Syrer, Iraker, Afghanen, Eritreer und Somalier haben, könnte trügerisch sein. Ein Projekt, das die BA Anfang 2014 unter dem Namen "Early Intervention" (Frühzeitiges Eingreifen) startete, ist bisher eher bescheiden erfolgreich. 800 Asylbewerber, so eine Sprecherin der BA, wurden systematisch auf das Berufsleben in Deutschland vorbereitet. Nur 46 davon konnten aber tatsächlich vermittelt werden, 13 begannen eine Ausbildung. Viele seien traumatisiert, brauchten viel Zeit, um die deutsche Sprache zu erlernen, so die BA-Sprecherin.

Förderprogramme gibt es trotzdem. Unter anderem in Rheinland-Pfalz: Zusammen mit der Bundesagentur erfassen Mitarbeiter der Erstaufnahmestelle in Trier das berufliche "Know-how" und die Sprachkenntnisse der Asylbewerber.
 

 

Interview

"So kann Integration ganz praktisch und erfolgreich stattfinden"

ARTE Journal: Wie hoch ist im Hotel- und Gaststättengewerbe der Bedarf an Arbeitskräften?

Wir können eine ganz wichtige Integrationsrolle spielen, in dem wir jungen Menschen Praktika anbieten. Wichtig ist natürlich, dass sie Deutschunterricht erhalten und im Idealfall dann auch eine Ausbildung in unserer Branche beginnen können.

Ingrid Hartges - 02/09/2015

Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA): Die Statistik der Bundeagentur für Arbeit weist derzeit rund 40.000* offene Stelle im Hotel- und Gaststättengewerbe aus, der tatsächliche Bedarf ist aber wohl ca. 20 Prozent höher, weil nicht alle offenen Stellen gemeldet werden.

 

800.000 Flüchtlinge sollen dieses Jahr nach Deutschland kommen. Darunter könnten ja auch einige Arbeitskräfte für das Hotel- und Gaststättengewerbe sein. Wie groß ist für Sie das Potential?

Ingrid Hartges: Unsere Branche ist sehr international, seit Jahrzehnten arbeiten bei uns Menschen aller Nationalitäten. Ich denke, dass schon heute rund 100 unterschiedliche Nationen in der Gastronomie und Hotellerie beschäftigt sind. Wir können eine ganz wichtige Integrationsrolle spielen, in dem wir jungen Menschen Praktika anbieten. Wichtig ist natürlich, dass sie Deutschunterricht erhalten und im Idealfall dann auch eine Ausbildung in unserer Branche beginnen können. Ich denke, das ist eine tolle Chance. Im Gegensatz zu anderen Branchen, arbeiten und reden die Menschen miteinander. So kann Integration ganz praktisch und erfolgreich stattfinden.

 
​Wie lassen sie Ihrer Meinung nach z.B. Flüchtlinge aus Syrien in den Arbeitsalltag eines Hotels oder Restaurants integrieren?

Asylbewerber müssen schneller in Arbeit kommen können, weil sie sinnstiftend ist und den Menschen Selbstvertrauen gibt.

Ingrid Hartges - 02/09/2015

Ingrid Hartges: Zunächst ist es wichtig, dass die Asylbewerber möglichst schnell die deutsche Sprache erlernen und möglichst schnell arbeiten können. Derzeit gibt es eine Wartezeit von drei Monaten und seit gestern wird ja diskutiert, die Vorrangprüfung abzuschaffen. Asylbewerber müssen schneller in Arbeit kommen können, weil sie sinnstiftend ist und den Menschen Selbstvertrauen gibt. Das würde allen sicher helfen.

 

Müsste es spezielle Integrationsprogramme für die Flüchtlinge geben?

Ingrid Hartges: Es ist wichtig, dass es einen flächendeckenden Deutschunterricht gibt. Doch auch Asylbewerber, die in Ausbildung oder Beschäftigung sind, müssen weiter einen Deutschunterricht bekommen. Vor allem im ersten Jahr muss es eine wichtige Starthilfe in dieser Richtung geben.
Darüber hinaus wünschen wir uns, dass es eine Planungssicherheit gibt. Wenn jemand bei uns eine Ausbildung beginnt, dann sollte sie auch in Deutschland beendet werden können.

 



*Anmerkung der Redaktion: Der DEHOGA zählt auch die offenen Stellen im Bereich der Speisenzubereitung (Köche, etc.) hinzu.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016