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Fleur Pellerin: Frankreichs Kulturministerin im Porträt

Länder: Frankreich

Tags: Fleur Pellerin

Sie ist eine der wenigen verbleibenden Hoffnungsträger der Sozialisten: Fleur Pellerin, seit zwei Wochen Frankreichs neue Kulturministerin. Für die breite Öffentlichkeit ist sie noch ein unbeschriebenes Blatt, in der Welt der Politik hat sie sich allerdings schon einen Namen gemacht. Lionel Jullien zeichnet ihr Porträt.

Portrait : Fleur Pellerin

Fleur Pellerin im Interview

 

Lionel Jullien, ARTE Info: Wer sitzt in Ihrem persönlichen Kultur-Olymp?

Alles, was die Menschen fasziniert, gehört zur Kultur, auch wenn man selbst vielleicht weniger empfänglich ist. Dafür möchte ich Bewusstsein schaffen.

 

Fleur Pellerin: Sie wollen also einen kritischen Index meiner persönlichen Kunst-Genies. Da gibt es viele. Mozart etwa ist ein absolutes Genie, aber Schubert ist auch genial. Also, ich liebe "Addio del passato", aus der Traviata. Ich mag überhaupt den Belcanto, ich mag auch Chormusik, die Matthäus-Passion, die H-Moll-Messe von Bach, das Requiem von Mozart. Ich bedauere heute, dass ich nie in einem Chor gesungen habe, weil mir das seinerzeit altmodisch vorkam. Ich bedauere überhaupt, dass ich nie eine Gesangsausbildung gemacht habe.

Eine Filmszene… Ach ja: der Kuss zwischen Gary Grant und Ingrid Bergmann in Hitchcocks "Berüchtigt". Alles, was die Menschen fasziniert, gehört zur Kultur, auch wenn man selbst vielleicht weniger empfänglich ist. Dafür möchte ich Bewusstsein schaffen.

 

Empfinden Sie Ihre Berufung in dieses verantwortungsvolle Amt als natürlich und logisch?

Fleur Pellerin: Ich übernehme diese Verantwortung mit großer Freude und Bewegung, weil mich das Kulturressort schon immer fasziniert hat. Ich habe es vor fünfzehn Jahren unter einem etwas anderen Blickwinkel kennen gelernt: als Inspektorin des Rechnungshofs. Ich war dort der Kammer zugeteilt, die das Kulturministerium zu kontrollieren hatte, sein Budget, seine Politik. Wer weiß, vielleicht leide ich an einem Stockholm-Syndrom. Ich habe jedenfalls als Kontrolleurin der angemessenen Verwendung der öffentlichen Gelder durch das Ministerium und die staatlichen Kultureinrichtungen dieses Ressort wirklich lieben gelernt, seine Mission und die Rolle des Staates in der Kulturpolitik. Und ich liebe die Kultur, die Bühnenkunst, die ich selbst als Amateurin praktiziert habe. Aus all diesen Gründen bin ich sehr stolz darauf, dass mir diese Verantwortung anvertraut ist.

 

 Es war die konkrete Erfahrung, die mir die Schlüssel zum Verständnis und zur Empfindung gegenüber einem Kunstwerk vermittelt hat, mein Zugang zum Werk kommt von der Praxis her.

 

Welches Verhältnis haben Sie zur Kultur?

Fleur Pellerin: Ich werde jetzt endlich eine andere Facette von mir zeigen können, neben der der Technokratin. In diesem Amt kann sich endlich auch die Frau ausdrücken, die Kunst und Kultur liebt. Ich möchte mich bei dieser neuen Aufgabe vor allem auf meine persönliche Erfahrung mit der Kultur stützen. Ich hatte das Glück, selbst Musik zu machen und Amateurtheater. Ich stamme nicht aus einem Milieu, in dem Kultur sich seit Generationen weitervererbt wie eine Art geistiges Familienvermögen. Aber meine Eltern hatten begriffen, wie wichtig die Kultur ist, um sich einfügen zu können, um die richtigen Codes zu besitzen, aber auch ganz einfach, um intellektuell neugierig zu bleiben.

Meine Mutter hat mich schon mit fünf Jahren in einen Theaterkurs geschickt, später habe ich Jahre lang Musik gespielt. Mein Verhältnis zur Kultur ist aus dieser Amateurpraxis erwachsen, ganz besonders in Sachen Theater. Es wäre mir sehr schwer gefallen, Fassbinder oder die griechische Tragödie zu begreifen, wenn ich nicht Fassbinder oder griechische Tragödien gespielt hätte. Es war diese Praxis, die mir einen Zugang zur Kultur gestattet hat. Es war die konkrete Erfahrung, die mir die Schlüssel zum Verständnis und zur Empfindung gegenüber einem Kunstwerk vermittelt hat, mein Zugang zum Werk kommt von der Praxis her.

 

Wie steht es heute um die Demokratisierung der Kultur?

Zugang zur Kultur haben, das bringt nicht nur persönliche Befriedigung, es ist auch ein Mittel zur Verbesserung seiner gesellschaftlichen Stellung.

 

Fleur Pellerin: Zugang zur Kultur haben, das bringt nicht nur persönliche Befriedigung, es ist auch ein Mittel zur Verbesserung seiner gesellschaftlichen Stellung, ein Weg zu einer durchlässigeren Gesellschaft, es erhöht die Chance auf sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg.

Das bleibt gültig und wird immer gültig bleiben. Der Zugang zur Kunst - im konkreten Sinn und im übertragenen Sinne des Verständnisses -, die Empfindung, die ein Kunstwerk auslöst, die Möglichkeit, sie mit anderen zu teilen, all das ist in meinen Augen ein wichtiger Baustein des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der Zugehörigkeit zu Republik und Nation. Diese Idee, diese Botschaft möchte ich erneuern, weil ich glaube, dass sie mit der Zeit etwas verflacht ist, dass diese politische Vision als Leitbild der Demokratisierung der Kultur etwas in Vergessenheit geraten ist. Ich möchte sie modernisieren.

Der konkrete, körperliche Zugang zum Kunstwerk zum Beispiel hat sich ja im Computerzeitalter grundlegend verändert, die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt. Ich werde in nächster Zukunft eine moderne Vision vorstellen, die sich auf die neuen technischen Möglichkeiten stützt, um allen Bürgern den Zugang zu dieser wunderbaren Erfahrung des Kunstwerks zu gestatten.

 

Die "Kulturelle Ausnahme", wie stehen Sie dazu?

Fleur Pellerin: Ich bin überzeugt, dass wir aus symbolischen und politischen Gründen das Engagement des Staates aufrechterhalten müssen, seine Unterstützung für die Kultur, für die Künstler, für die Kreativität und die Erhaltung des Kulturerbes, das den Reichtum und den Ruf Frankreichs ausmacht, was sich ja auch im Tourismus niederschlägt. Es ist wichtig, der Kultur weiterhin eine Sonderstellung einzuräumen, und mit Sonderstellung meine ich auch ganz konkret ein besonderes Finanzierungsmodell, wie die Sozialleistungen für die freien Mitarbeiter im Kulturbetrieb.

Das französische Modell der Kulturförderung ist tatsächlich eine Ausnahme, und wir müssen es um jeden Preis bewahren. Das heißt aber nicht, dass man es nicht reformieren darf.

 

Das französische Modell der Kulturförderung ist tatsächlich eine Ausnahme, und wir müssen es um jeden Preis bewahren. Das heißt aber nicht, dass man es nicht reformieren darf. Besonders in den Bereichen Fernsehen, Rundfunk und Film sind Anpassungen nötig, weil Computer und Internet das Umfeld, die Konsumgewohnheiten grundlegend verändert haben. Wir müssen uns an neue Entwicklungen anpassen, ohne dabei unser Sondermodell aufzugeben, das auf einem starken politischen und staatlichen Bewusstsein dafür beruht, dass es notwendig ist, die künstlerische Schöpfung zu stützen, den Künstlern zu helfen, die für den Wohlstand und das Glück unserer Gesellschaft unabdingbar sind.

 

Wie sehen Sie die Institution Kulturministerium?

Fleur Pellerin: Es ist ein Ministerium, das eine Sonderstellung hat. Es unterscheidet sich einmal vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt her, weil man in der Kultur die Produktivität nicht steigern kann. Wenn man ein Theaterstück aus dem 17. Jahrhundert spielt, braucht man dafür heute genauso viele Schauspieler wie damals, da ist kein Produktivitätsgewinn möglich. Zum anderen ist es ein besonders Ministerium, weil es die Seele und das Erbe Frankreichs zu verwalten hat.

Es ist auch ein Ministerium, in dessen Mauern große Geister schweben. Wenn man es ausfüllen will, sollte man nicht unbedingt versuchen, es den berühmten Vorgängern gleichzumachen, sondern eher, etwas Neues beizutragen.

Ich bin mir des Gewichts meiner Vorgänger bewusst, die dieses Ministerium geprägt haben, möchte zugleich aber eine neue, moderne Botschaft vermitteln, ohne mich um jeden Preis vergleichen zu wollen. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016