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EZB lanciert Geldschwemme

Länder: Europäische Union

Tags: EZB, Staatsanleihen, Eurozone

Seit heute Morgen kauft die Europäische Zentralbank fleissig Staatsanleihen und andere Wertpapiere auf. Für 60 Milliarden Euro monatlich und das bis September 2016. Insgesamt wollen die Währungshüter

 1,1 Billionen Euro locker machen. So soll das Risiko einer Deflation abgewendet werden und die Teuerungsrate in der EU langfristig wieder knapp unter die Grenze von zwei Prozent gedrückt werden. Angekündigt wurde dieses Hilfsprogramm zur Anschiebung der Wirtschaft der EU von Zentralbankchef Mario Draghi schon am 22. Januar.  Der EZB-Präsident erhofft sich so, die niedrige Inflation in Europa zu bekämpfen und zu  verhindern, dass die Wirtschaft in eine langanhaltende Schwächephase abrutscht. Schon vor Monaten hatte die EZB die Leitzinsen auf ein historisches Tief gesenkt. Der Erfolg blieb aber bisher aus. Daher soll nun der massenhafte Kauf von Staatsanleihen, das "Quantitative Easing" Abhilfe schaffen. Diese lockere Geldpolitik nach Vorbild der USA ist allerdings umstritten.

Was steckt hinter dem Begriff Quantitative Easing?

 

Einfach ausgedrückt geht es darum, dass "mehr Geld in das Bankensystem gepumpt wird", sagt Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Beim Quantitative Easing soll die Europäische Zentralbank massenhaft Staatsanleihen und andere Wertpapiere am Kapitalmarkt aufkaufen. Um diese zu bezahlen, druckt die EZB frisches Geld. So steigert sie die Geldmenge, die im Umlauf ist. Ziel des QE ist es, sinkenden Preisen entgegenzuwirken. Wenn die EZB Anleihen auf dem Kapitalmarkt kauft, steigert sie dadurch die Nachfrage. Die Preise der Anleihen steigen. Dadurch sinken ihre Renditen, was zu einem niedrigeren Zinssatz beiträgt. Denn die Verzinsung der Papiere ergibt sich oft aus der Differenz zwischen einer festgeschriebenen Rückzahlung am Ende der Laufzeit und dem niedrigeren Kaufpreis. Dadurch soll die Kaufkraft in der Eurozone angekurbelt werden. Denn die EZB erhofft sich, dass so auch Kredite für Unternehmer und Verbraucher billiger werden, was zu mehr Investitionen und mehr Wirtschaftswachstum führen könnte.

 

Dafür spricht:

 

Sickert das frische Geld wie geplant in die reale Wirtschaft, erhöht sich die Inflation. Von den höheren Anleihenkursen und niedrigeren Langzeitzinsen profitieren nicht nur die Verkäufer der Anleihen (Banken, Versicherungen oder Pensionskassen) sondern auch wer langfristige Kredite aufnehmen möchte, etwa Hausbauer, Unternehmen und Regierungen.

Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, könnte sie dadurch auch Großanleger aus den Papieren hinaus drängen. Das hätte zur Folge, dass diese Investoren in andere, meist riskantere Wertpapiere, wie Aktien investieren müssten. Steigen die Aktienkurse, dann kommt das den Unternehmen zugute. Diese können neue Investitionen tätigen, was neue Jobs schaffen könnte.

 

Dagegen spricht:

 

Jens Weidemann, der Präsident der Deutschen Bundesbank hat sich wiederholt gegen den Kauf von Staatsanleihen ausgesprochen. Der Reformeifer und Konsolidierungsdruck der Krisenländer der Eurozone könnte so gebremst werden, befürchtet er. Hoch verschuldete Staaten könnten den Ankauf als „Solvenzgarantie“ sehen, was zu einer weiteren Verschuldung der Länder führen könnte. Der ZEW-Experte Michael Schröder befürchtet außerdem, dass die Banken dadurch kaum mehr Kredite vergeben würde. Auch die Finanzmärkte könnten ihm zufolge den Kauf als eine Art Eingeständnis, dass die Lage sehr ernst ist auffassen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte Draghis Weg schon im Vorfeld kritisiert. Sie bekräftigte heute in Davos noch einmal, dass für sie nur Reformen zu Wachstum führen.

 

Kritiker sehen im Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB auch die Gefahr der Staatsfinanzierung. Diese ist durch Artikel 123 der EU-Verträge verboten. Jedoch kauft die EZB die Anleihen nicht direkt von den Staaten, sondern aus zweiter Hand, bei Investoren (etwa Banken und Versicherungen). Auch der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs plädierte Mitte Januar dafür, dass die EZB unter gewissen Auflagen Staatsanleihen aus Krisenländern der Eurozone kaufen darf.

 

Die Entscheidung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank hat Befürworter und entschiedene Kritiker. Wir haben den französischen Wirtschafts-Experten Elie Cohen sowie den Degussa-Chefökonomen Thorsten Polleit, gebeten, kurz ihre jeweilige Position darzulegen. "Pro und Kontra Draghi". Hier die Argumente:

 

 

Interview: Pro und Kontra Draghi

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016