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"Exil - Wege und Umwege" von Atiq Rahimi

Länder: Libanon

Tags: Flüchtlinge, Palästina, Beirut, Literatur

Verschwinde!

Die Stimme ist tyrannisch. Sie kommt nicht nur von oben, vom Himmel, sondern auch von unten, von der Erde. Diesen Befehl erteilt der Krieg oder der politische Terror oder die Natur.

Verschwinde!

Die Stimme ist unbarmherzig, jäh und vernichtend erhebt sie sich, entreißt mich gewaltsam meinem Zuhause, meinem Klan, meiner Heimat... und verdammt mich zu ewiger Wanderschaft. Wohin ich auch gehe, was immer ich tue, wer immer ich werde, von nun an bin und bleibe ich ein Vertriebener.

Verschwinde!

Die Stimme lässt nicht locker, wird wie eine innere Stimme, zu meiner eigenen, die mich unermüdlich jagt.

Verschwinde!

Das Exil ruft mich. Und ich gehe, ohne mir Fragen zu stellen. Diesmal ruft es mich aus dem Libanon, aus einem Flüchtlingslager.

Kurz vor meiner Abreise reicht mir eine levantinische Hand eine Aktenmappe - elegant, in Safrangelb, einer Farbe, die sich mühelos abhebt vom Grau-in-grau meiner Bleibe. Ich will sie gar nicht aus der Hand legen, so schön fühlt sie sich an. Und ein Duft entströmt ihr, der das ganze Morgenland heraufbeschwört: Orangenblüten.

Sie enthält Briefe, nichts als Briefe, die ich erst lesen kann, wenn ich in Beirut angekommen bin. Jeden Tag einen Brief, irgendeinen, auf gut Glück, egal zu welcher Tageszeit, egal an welchem Ort...

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016