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Europas Stimmen zu Griechenland

Länder: Griechenland

Tags: Presseschau, Wirtschaft, Referendum, Alexis Tsipras

Die Haltung der Medien zum Vorgehen der griechischen Regierung in der Schuldenkrise ist gespalten. Während einige Zeitungen das Referendum in Griechenland als legitimen Ausdruck des Willens eines Volkes beschreiben, halten andere Medien den Volksentscheid für eine Hinhaltetaktik und Erpressung. Vor allem linksgerichtete Presseorgane bewerten die Sparmaßnahmen als wenig hilfreich im Kampf gegen den wirtschaftlichen Niedergang Griechenlands.

 

Auch die ARTE-Redaktion ist gespalten

Nach der Ankündigung des griechischen Premier Tsipras, er wolle sein Volk per Referendum über die Reformvorschläge der internationalen Gläubiger abstimmen lassen, haben viele Medien in Europa eine Anti-Syriza-Kampagne gestartet. Vor allem Boulevard-Blätter wie die Bild-Zeitung hatten zuvor bereits mit reißerischen Schlagzeilen Stimmung gegen die griechische Regierung gemacht. 

Innerhalb der ARTE-Redaktion weckt das griechische Referendum Erinnerungen an die Volksabstimmung in Frankreich von 2005, bei der es um eine gemeinsame europäische Verfassung ging. Damals waren die Kollegen entlang der ideologischen Linie "links" - "rechts" gespalten. Doch bei dem Referendum vom Sonntag entsprach die Trennungslinie eher den Nationalitäten: Während die Franzosen uneins über ihre Haltung zu Tsipras sind, scheinen unsere deutschen Kollegen hinter der Linie Merkels zu stehen.

Eines von vielen Beispielen: Dieser Facebook-Post unseres Kollegen Patrick Schulze-Heil, TV-Redakteur, der sonst kein glühender Unterstützer der deutschen Kanzlerin ist...  

Highway to Hellas [Anspielung auf das Lied "Highway to Hell" der Rockgruppe AC/DC, Anm. d. Red.]. Warum hat den Griechen eigentlich niemand erklärt, dass es seit dem 30.06. um 24 Uhr [als Griechenland offiziell seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds nicht beglichen hatte] gar keine Grundlage mehr für ein Referendum gab? Das Angebot, über das sie abstimmen sollten, gibt es nicht mehr und zukünftige Verhandlungen mit den "Terroristen" in Brüssel dürften sich nun eher schwierig gestalten. Jetzt sind noch mal 110 Millionen € [geschätzte Kosten der Organisation des Referendums] verbrannt und die Acropolis-Now-Platte ist eh schon leer. Aber Hauptsache die Demagogen haben ihren Hintern fürs Erste gerettet und die Kollegen von Le Pen bis Farage beklatschen das Ergebnis. Nur ich fürchte - in den kommenden Tagen "isch" mal so richtig "over". Wenn die EZB den Geldhahn zudrehen sollte, dann fließen nicht nur Tränen...

Die Antwort unseres französischen Kollegen Donatien Huet, Webredakteur:

Highway to alas, lieber Kollege. Wieso hat niemand der Europäischen Union, der Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds erklärt, dass die Mehrheit der Griechen etwas anderes anstrebt als diesen endlosen Kreuzweg, den die Sparmaßnahmen darstellen und der vollkommen ineffizient ist, um die griechische Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen? Am Sonntag hat die Demokratie gesprochen - und gewonnen - inmitten einer Union des Geldes und der großen Politik, die schmerzlich Demokratie vermissen lässt. Und nur weil die Nationalisten aus den vier Ecken Europas, allen voran Marine Le Pen und Nigel Farage, das Ergebnis des Referendums befürworten, heißt das noch lange nicht, dass sich Syriza ihnen annähert oder gar anbiedert.
Niemand kann vorraussagen, wie es im griechischen Schuldendrama weitergeht. Die ungezähligen Krisengipfel werden auch in den kommenden Tagen die Politiker um ihren Schlaf bringen. Und es besteht die Möglichkeit, dass am Ende all dieser Gipfel die Griechen den Euroraum verlassen. Aber vielleicht ist das nicht das Wichtigste, sondern dass der demokratische Wille der Griechen gehört wird.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016