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Europa - neues Ziel des Islamischen Staates

Länder: Frankreich

Tags: intégration, Muslime, Dschihad

Die blutigen Attentate in Frankreich stehen in Zusammenhang mit innerfranzösischen oder europäischen Problemen. Aber sie sind undenkbar ohne die wachsende Verbreitung einer speziellen Version des Islams, der den Koran wortgetreu auslegt. Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) und Professor an der Universität Mainz macht Saudi-Arabien und Staaten aus der Golfregion als finanzielle Förderer einer dogmatischen, fundamentalistischen Weltanschauung aus, die wegen reicher Subventionen immer mehr Einfluss gewinnt. Und er erklärt, was aktuell zum Terror von Islamischem Staat, Al Kaida und den Massenmördern von Boko Haram zu sagen ist.
 

 

ARTE Journal: Wie steht es um die Integration der Muslime in Europa?

 In Frankreich leben 6 bis 7 Millionen Muslime, mehr als in jedem anderen europäischen Land.

Prof. Günter Meyer - 13/01/2015

Prof. Günter Meyer: Gehen wir von den Erfahrungen in Frankreich aus. Seit Ende der 70er Jahre hat die Regierung den Saudis Tür und Tor geöffnet für die Ausbreitung des wahhabitischen bzw. salafistischen Islam. Heute wird der Islam in Frankreich geprägt durch Moscheen, die von Saudi Arabien finanziert werden und in denen in Saudi Arabien ausgebildete und von dort bezahlte Imame, die Kinder in den Koranschulen unterrichten. Die hier vertretene salafistische Auslegung des Korans beinhaltet die Vermittlung einer dogmatischen, fundamentalistischen Weltanschauung. Hier gilt nur das Wort Gottes, so wie es im Koran steht. Menschenrechte, demokratische Regeln, Verfassung und ähnliches - das spielt hier keine Rolle. In Frankreich leben 6 bis 7 Millionen Muslime, mehr als in jedem anderen europäischen Land. Hier ist  eine brisante Mischung entstanden: Salafismus, wirtschaftliche Benachteiligung der Muslime in der Wirtschaftskrise verbunden mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit, der Rassismus des Front National, Diskriminierung – all das zusammen macht anfällig für Terrorismus.

 

Welche Rolle spielt Saudi-Arabien?

Eines der Kernprobleme ist in der Tat die Finanzierung der Ausbreitung des salafistischen Islams durch Saudi-Arabien nicht nur in Frankreich, sondern unter den sunnitischen Muslimen in allen Teilen der Welt."

Prof. Günter Meyer - 13/01/2015

Prof. Günter Meyer: Eines der Kernprobleme ist in der Tat die Finanzierung der Ausbreitung des salafistischen Islams durch Saudi-Arabien nicht nur in Frankreich, sondern unter den sunnitischen Muslimen in allen Teilen der Welt. Damit ist Saudi-Arabien zum Zentrum des Exports eines fundamentalistischen Islams geworden, der auch in europäischen Ländern den Nährboden bildet für die Hinwendung von jungen Muslimen zum Islamismus und zur aktiven Teilnahme am  Djihad.

 

Wie genau ist die finanzielle Situation des IS?

Prof. Günter Meyer: Ursprünglich haben private Sponsoren aus den reichen arabischen Golfstaaten, aus Saudi Arabien insbesondere, auch aus Kuweit, zur Finanzierung des sunnitischen Aufstandes im Irak und anschließend auch in Syrien beigetragen. Inzwischen haben die Herrscher in der Golfregion erkannt, dass der IS eine massive Bedrohung auch für ihre Regime darstellt. Der Kapitalzustrom aus diesen Ländern wurde deutlich gedrosselt. Auch die bisherigen Haupteinnahmen aus dem Erdölexport sind durch sinkende Weltmarktpreise und Angriffe auf die Transportrouten deutlich geschrumpft.

 

Der größte Erfolg des IS: die Eroberung von Mossul und der anschließende geradezu blitzkriegartige Vorstoß.

Prof. Günter Meyer - 13/01/2015

Haben Sie die Eroberungen des IS in Syrien und im Irak überrascht?

Prof. Günter Meyer: Die Expansion des IS in Syrien begann bereits 2011, wenige Monate nach dem Beginn des Aufstands gegen Baschar Al-Assad.  Etabliert hatte sich der IS schon zuvor unter anderem Namen in den sunnitischen Gebieten des Iraks.  Er breitete sich dann weiter nach Westen aus und konnte große Teile Nordsyriens erobert. Überraschend kam sein bisher größter Erfolg: die Eroberung von Mossul und der anschließende geradezu blitzkriegartige Vorstoß. Ermöglicht hat dies der Rückzug des schiitisch dominierten irakischen Militärs. Angesichts der Berichte über die Brutalität des IS flohen die Soldaten in größter Panik. Dadurch fielen die modernen, von den USA an die irakische Armee gelieferten Waffen in die Hände des IS.

 

Über das Internet wird immer häufiger dazu aufgerufen, Terroranschläge gegen die Ungläubigen im Westen verüben, so wie eben in Frankreich.

Prof. Günter Meyer - 13/01/2015

Welche Bedrohung stellt der IS heute dar?

Prof. Günter Meyer: Das ursprüngliche Ziel war ein IS-Staat im Irak und in der Levante, verbunden mit der Rückeroberung Jerusalems. In der Zwischenzeit ist die Expansion vor allem durch die Bombenangriffe der USA gestoppt worden. Da der IS aber weiter auf Erfolge und Unterstützer angewiesen ist, setzt er auf Erfolge im Ausland. Über das Internet wird immer häufiger dazu aufgerufen, Terroranschläge gegen die Ungläubigen im Westen verüben, so wie eben in Frankreich. Auf diese Weise soll das Ende der Erfolge in Syrien und im Irak kompensiert werden, so sollen neue ausländische Kämpfer gewonnen werden.

 

Früher lehrte Al Kaida die Welt das Fürchten. Welche Unterschiede gibt es?

Der grundlegende Unterschied zwischen dem Islamischen Staat und Al Kaida ist, dass der IS noch wesentlich brutaler vorgeht.

Prof. Günter Meyer - 13/01/2015

Prof. Günter Meyer: Der grundlegende Unterschied zwischen dem Islamischen Staat und Al Kaida ist, dass der IS noch wesentlich brutaler vorgeht. Al Kaida unterscheidet in der Regel zwischen bewaffneten Gegnern und der Zivilbevölkerung, die möglichst nicht angegriffen werden soll. Angesichts der Brutalität, die sich im Irak seit den 1980er Jahren entwickelt hat, geht der IS dagegen mit rücksichtsloser Gewalt gegen die Zivilbevölkerung vor, die nicht die islamistischen Vorschriften des IS befolgt.

 

Wie schätzen Sie die Schlächter von Boko Haram ein?

Prof. Günter Meyer: Die in Nigeria agierende Boko Haram ist ein Sonderfall. Diese muslimische Sekte wird selbst von anderen islamistischen Gruppen als jenseits von Gut und Böse angesehen. Vielfach sind es auch kriminelle Banden, die unter dem Deckmantel der Boko Haram Terroranschläge verüben, morden, plündern, vergewaltigen und Lösegeld erpressen. Es wird vermutet, dass die Massenentführung von Schülerinnen, die weltweit für Entsetzen gesorgt hat, zu dem Zweck erfolgte, Familienangehörige von Boko Haram-Mitgliedern freizuerpressen, die von der nigerianischen Regierung festgehalten werden.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016