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Europa - Endstation für die Nachtzüge

Länder: Europäische Union

Tags: Nachtzüge

Angesichts der unerbittlichen Konkurrenz durch Billigflieger werden Nachtzüge zur aussterbenden Art.

 

Bald wird man sich voller Wehmut an die romantischen Reisen im Liege- oder Schlafwagen erinnern. Heute sind Nachtzüge nicht mehr attraktiv, und mehrere europäische Eisenbahnunternehmen wollen etliche Linien einstellen. Am 1. November 2014 hat der Nachtzug Basel - Kopenhagen seine letzte Fahrt absolviert. Die Deutsche Bahn und ihre Partner in Dänemark, den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz und Tschechien werden bis Ende 2014 bestimmte Nachtverbindungen streichen, so z.B. Berlin - Paris und Prag - Amsterdam. Diese internationalen Eisenbahnverbindungen sind innerhalb eines Jahrzehnts europaweit von über hundert auf knapp zehn geschrumpft.

 

Rollende Hotels

Die Hauptursachen für den Rückgang sind die Entwicklung der Hochgeschwindig­keitszüge und das Aufkommen von Billigfluggesellschaften. Mit deren schnelleren und günstigeren Angeboten können die Nachzüge kaum noch konkurrieren. „Früher dauerte die Fahrt Lausanne-Paris zehn Stunden. Heute braucht man nicht einmal vier Stunden dafür“, erklärt Jean-Philippe Schmidt, Sprecher der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), in der französischsprachigen Schweizer Tageszeitung 24 heures.

Darüber hinaus beklagen sich die Eisenbahnunternehmen seit den 2000er Jahren, dass sie beim Passieren der Landesgrenzen Gleiszugangsgebühren zahlen müssen. Die Deutsche Bahn fühlt sich von den Umweltabgaben „erdrückt“ und empfindet es als Wettbewerbsverzerrung, dass die Fluggesellschaften davon freigestellt sind. Als weiterer Grund für die Abschaffung der Nachtzüge wird der hohe Sanierungs- und Wartungsbedarf dieser rollenden Hotels angeführt. Die traurigen Folgen der drastischen Investitionskürzung sind schon sichtbar: abgenutzte Wagen, mangelhafter Komfort, eingeschränkter Service, Streichung der Speisewagen, einst die zentrale Begegnungsstätte vieler Nachtzugreisender – kurzum: Minimal­programm auf allen Ebenen. Das wirkt nicht gerade einladend.

 

„Der Nachtzug bleibt!“

Aber der Nachtzug hat auch Anhänger und Verteidiger, zum Beispiel die Mitglieder von CarFree. Mit Hilfe einer EU-Petition will das Kollektiv „Europa wieder in die richtigen Bahnen“ lenken. Für diese Aktivisten ist der Zug das einzige umwelt- und klimafreundliche Verkehrsmittel. In einer Online-Petition heißt es in deutscher und französischer Sprache: „Nein zur Streichung der Nachtzugverbindung Berlin-Paris und anderer wichtiger internationaler Zugverbindungen!“.

Das französisch-italienische Eisenbahnverkehrsunternehmen Thello, das 2011 von Trenitalia und Transdev gegründet wurde, versucht seitdem, die Nachtverbindungen zwischen Frankreich und Italien wiederzubeleben. Im Interview mit der Zeitschrift Terra Eco (elektronisch: Terraeco) zieht Generaldirektor Albert Alday eine für das Unternehmen durchaus erfreuliche Bilanz: „Vor unserem Markteinstieg zählte die Verbindung Paris-Mailand-Venedig 200 000 Fahrgäste pro Jahr. Seit 2012 befördern wir 300 000 Personen. 2014 werden wir uns auf eine Zahl von mindestens 340 000 steigern“. Dieser Erfolg beruht vor allem auf der legendären Popularität und unver­gleichlichen Romantik der Linie Paris-Venedig: Die Reisenden steigen in Paris in den Zug und kommen mitten im Stadtzentrum der Lagunenstadt an, nur ein paar Schritte von den Kanälen entfernt. Das lockt immer mehr Touristen an, vor allem asiatische. Dennoch ist die Zukunft der Nachtzüge ungewisser denn je. Wird ihnen dasselbe Schicksal beschert sein wie den Ozeandampfern, die einstmals den Atlantik überquerten?

 

Céline Peschard

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016