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Europa der Regionen: Wenn Wirtschaft unabhängig macht

Länder: Belgien, Italien, Spanien, Großbritannien

Tags: Schottland, Flandern, Venetien, Katalonien, Separatisten

Am Donnerstag entscheiden die Schotten über ihre Zukunft: Eigenständiger europäischer Staat ab 2016 oder weiterhin Teil des Vereinigten Königreiches? Auch andere Regionen Europas streben nach Unabhängigkeit. Dabei haben sie oftmals eines gemeinsam: Sie sind die Wirtschaftslokomotiven des jeweiligen Zentralstaates. ARTE Journal stellt einige vor.

Schottland

4,2 Millionen Schotten entscheiden am 18. September über die Unabhängigkeit der nördlichsten Region Großbritanniens. Die Befürworter argumentieren mit der Stärkung der Demokratie und des Sozialstaates, und nicht zuletzt mit der Wirtschaftskraft. Schottland verfügt über Ölvorkommen in der Nordsee, die zumindest über eine gewisse Zeitspanne hinweg sichere Einnahmen garantieren.

Außerdem erwirtschaftet Schottland 10% des gesamtbritischen Bruttoinlandsproduktes. Mit 190 Milliarden Euro ist das schottische BIP mit dem von ganz Portugal oder Irland vergleichbar. Das Pro-Kopf-BIP beträgt knapp 30.000€ in Schottland und 26.200€ in Großbritannien. Es ist also nicht erstaunlich, dass Finanzminister George Osborne den Schotten – sollten sie dem Kingdom treu bleiben – mehr Mitsprache bei öffentlichen Ausgaben und mehr Rechte in Steuerfragen verspricht.

Die Unabhängigkeit Schottlands würde Großbritannien finanziell schaden: Die Rating-Agentur Fitch droht bereits dem Vereinigten Königreich mit einer Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit. Eine schottische Abspaltung würde die Fähigkeit Großbritanniens einschränken, seine Schulden fristgerecht zu bedienen, so Fitch. Aber umgekehrt, würde für Schottland eine prekäre Zeit anbrechen: Wie werden die britischen Staatsschulden aufgeteilt? Behält Schottland das britische Pfund als Währung? Ohne eigene Währung und ohne eigene Zentralbank kann Schottland jedenfalls kein EU-Mitglied werden.

 

 

Katalonien

Das schottische Referendum könnte auch dem katalonischen Unabhängigkeitsstreben neuen Auftrieb geben. Kataloniens Ministerpräsident Artus Mas plant für den 9. November ein Referendum über die Loslösung vom unbeliebten Zentralstaat.

Die spanische Regierung will dies nicht zulassen, die Verfassung lasse keinen Raum für regionale Selbstbestimmung, so das Argument aus Madrid. Verständlich: Die Unabhängigkeit Kataloniens hätte für Spanien erhebliche ökonomische Nachteile. Mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern macht die Region Katalonien fast 20% des spanischen Bruttoinlandproduktes aus. Die Wirtschaftsleistung der nordöstlichen Region liegt damit deutlich über dem Durchschnitt. Viele wichtige spanische Unternehmen wie Gas Natural, Caixabank oder Banco Sabadell sind in Katalonien beheimatet. Die Wirtschaft ist höher entwickelt als in vielen anderen Regionen Spaniens, breit diversifiziert und stark exportorientiert.

 

Flandern

Die belgische Region Flandern ist eine der reichsten Europas und macht knapp 58% des Reichtums Belgiens aus, gegen nur 24% für Wallonien. Das flämische BIP ist um 36% stärker als das wallonische. Auch die Arbeitslosenzahlen sind um die Hälfte niedriger in Flandern. Wallonien war in den 1950er Jahren noch recht reich, dank seiner Stahl- und Textilindustrie, hat die industrielle Umstrukturierung jedoch nie geschafft. Flandern hingegen hat früh seine Industrie modernisiert und in Kompetenzzentren und Verkehr investiert. Heute lebt Wallonien zum Großteil von flämischen Krediten. Die separatistische flämische Partei NV-A schreibt in ihrem Strategiepapier, dass jede flämische Familie jährlich über 1.500 € für das arme Wallonien zahlen müsse.

Eine Unabhängigkeit Flanderns hätte Steuererleichterungen für die Flamen zur Folge, da sie Wallonien nicht mehr finanziell unterstützen müssten. Andererseits würde das in dem Fall noch ärmere Wallonien an Kaufkraft verlieren und als wichtigster Handelspartner Flanderns wegfallen.

 

Norditalien

Auch die Region Venetien strebt nach Unabhängigkeit. Eine juristisch nicht rechtskräftige Online-Petition im März ergab, dass knapp 89% der Bevölkerung für die Loslösung von Rom sind. Der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, gibt an, dass die Region 71 Milliarden Euro an Steuern zahlt, während der italienische Staat nur 50 Milliarden in die Region investiert. Als größte Touristenregion Italiens gilt Venetien als essentieller Wirtschaftsmotor des Stiefelstaats. Die Modeindustrie ist dort stark vertreten: Benetton, Geox, Diesel, Bottega Veneta sind große Modenamen aus Venetien.

Südtirol wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Italien annektiert. Seit 1972 ist die Region weitgehend selbst verwaltet und gehört zu den reichsten Regionen Italiens. 90% der Steuereinnahmen verwaltet sie selbst. Es gibt nur wenige Bereiche, für die Rom noch verantwortlich ist. Wie in den anderen norditalienischen Regionen liegt das Bruttosozialprodukt in Südtirol mit jährlich 36.000€ pro Einwohner deutlich über dem italienischen Durchschnitt.

Während das gesamtitalienische Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2014 um 0,2 Prozent gesunken ist, erlebte Südtirol ein Wirtschaftswachstum von 0,8%. Dennoch bedroht die italienische Wirtschaftskrise inzwischen auch den südtiroler Wohlstand. Anlässlich der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 griff der damalige italienische Ministerpräsident Monti mit seinen Sparmaßnahmen in die Autonomie Südtirols ein. Dadurch gewann die Partei „Die Freiheitlichen“ an Popularität und fordert seitdem immer lauter die Gründung des Freistaats Südtirol.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016