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Europa – der Feind des IS

Länder: Europäische Union

Tags: Dschihadisten, Dschihadismus, Gotteskrieger

Ist es die Sehnsucht nach etwas anderem, eine Abrechnung mit dem eigenen Staat oder so etwas wie „Kriegsromantik“? Vor allem immer mehr junge Menschen zieht es in den Dschihad. Dass sie andere und nicht selten sich selbst in Syrien oder anderswo umbringen ist das Eine. Doch häufig kommen sie zurück und werden zum unkalkulierbaren Gefahrenpotential.

"Wir werden eines Tages Europa erobern“, sagt Christian Emde, ein 1984 in Solingen geborener Dschihadist, der sich jetzt Abu Qatadah nennt. Der ehemalige Politiker Jürgen Todenhöfer hat ihn interviewt. Zehn Tage war Todenhöfer im „Kalifat“, wie er in seinem Buch „Inside IS“ schreibt. Die Reise sei abenteuerlich gewesen, jede Sekunde hätte die Stimmung kippen und er mit durchgeschnittener Kehle zur Hauptfigur eines IS-Propagandavideos werden können. Doch Todenhöfer habe unter dem Schutz des Kalifen gestanden, wie er sagt. Überprüfen lässt sich das nicht. Was er allerdings mitbrachte, war das Interview mit dem deutschen Dschihadisten – eindrucksvoll inszeniert mit zwei Kämpfern im Hintergrund, die ihre Waffe im Anschlag haben. Was der etwas dickliche Mensch Emde mit „Fusselbart“ sagt, wie ein SPIEGEL-Kolumnist schrieb, schreckt allerdings auf. „Wer sich uns nicht anschließt, wer auf seinem Irrweg beharrt, dann gibt es für keine andere Wahl, außer das Schwert. Das ist das Urteil des Islams, das Urteil der Abtrünnigkeit. Und jeder Abtrünnige wird getötet.“

 

„Alles passiert im Namen Allahs“

150 Millionen Menschen könnten „im Namen Allahs“, getötet werden, sagt Emde. Alles nur Spinner? „Definitiv nein“, sagt der Verfassungsschutz. Deutschland und auch ganz Europa seien der Feind des IS. „Was Frankreich und Dänemark getroffen hat und was auch Belgien im letzten Jahr mit dem Anschlag vor dem jüdischen Museum getroffen hat, kann auch hier passieren…Wir sind erklärtermaßen von IS der Feind, wir sind der Gegner. Und wenn sie uns treffen können, werden sie es auch tun wollen.“ Eindrückliche Worte des Chefs des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, in einem Radio-Interview mit dem RBB im Februar dieses Jahres. Von rund 1 000 Personen in Deutschland, die unter Beobachtung stünden, spricht Maaßen, rund 160 davon seien „sehr gefährlich“.

Das International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) in London hat Zahlen veröffentlicht, wonach aus

  • Frankreich 1 200
  • Deutschland 600
  • Großbritannien 600
  • Belgien 440

 

Dschihadisten in den Krieg zogen. Gemessen an der Einwohnerzahl, erreicht Belgien hier einen Spitzenwert. Und noch etwas hat das Institut ermittelt: 60 Personen aus Deutschland wurden bei Kämpfen in Syrien und im Irak getötet, 180 kehrten wieder zurück.

 

Von der Schulbank zum Gotteskrieger

Was treibt (vor allem junge) Menschen an, zum „Gotteskrieger“ zu werden, in Kriegsgebiete zu gehen, Menschen zu töten oder Selbstmordanschläge zu begehen? Ist es eine „moderne“ Form des Aufbegehrens, die wir so schon einmal in der 68er-Bewegung in Deutschland erlebt haben und die dann im Baader-Meinhof-Terror gipfelte?
Es ist heute anders, sagen Experten. Für viele Jugendliche habe der Krieg in Syrien etwas „Romantisches“, so Islamwissenschaftler  Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.  Er sagt, „Junge Leute ziehen in den Dschihad, weil sie der Bürgerkrieg in Syrien politisiert hat und weil sie Krieg romantisch finden. Es gibt viele Leute, die in einem bestimmten Zeitfenster in ihrer Jugend nach irgendwas suchen, das ihnen Sinn gibt und das Gefühl, jemand Besonderes zu sein.“

Dem Problem der jungen Dschihadisten hat sich der Berliner Verein Violence Prevention Network angenommen. „Islam und die Frauen“ – „Dschihad = Pop?“ – „Warum junge Muslime in den Krieg ziehen und was wir dagegen tun können“ – das sind so Themen, über die Experten sprechen. Die Zuhörer kommen aus ganz Berlin. Junge Moslems um die dreißig, die meisten von ihnen Akademiker, beruflich gefestigt, Menschen, die nicht ins Beuteschema der Salafisten passen.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016