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Estland: virtuelle Identität für alle!

Länder: Estland

Tags: virtuelle Staatsbürgerschaft, digitale Entwicklung

Mit der neuer „e-Bürgerschaft“ kann jeder zum Esten werden – zumindest virtuell. Estland gehört zu den bestvernetzten Ländern der Welt und hat zahlreiche Verwaltungsvorgänge ins Internet verlagert.

 

Im Frühling 2014 steckte sich Estland ein ungewöhnliches Ziel: Bis Ende des Jahres sollten alle Menschen der Welt die Möglichkeit haben, zum estnischen e-Bürger zu werden. Mission erfüllt! Mit dem „digitalen Identitätsnachweis“ kann nun jeder seine estnischen Behördengänge im Internet erledigen und bald sogar elektronisch unterschreiben. Die Maßnahme soll potenzielle Investoren anlocken, die so in wenigen Klicks eine Firma gründen oder ein Bankkonto eröffnen können. Anne Sulling, Ministerin für Außenhandel und Unternehmertum, ist stolz auf die rasche digitale Entwicklung ihres Landes und reiste am 5. Februar sogar nach Paris, um das Konzept der „e-Bürgerschaft“ vorzustellen, die für „echte Esten“ bereit seit 2000 existiert.

Die 1,3 Millionen Einwohner des Baltenstaates gehören laut einer Studie des Think Tanks Renaissance Numérique vom 4. Februar zu den aktivsten Internetnutzern ganz Europas. So zahlen 95% aller Esten ihre Steuern im Internet; 99,8% aller Banküberweisungen erfolgen elektronisch und 100% der Ärzte stellen ihre Rezepte online aus.

 

Personalausweis 2.0

Schon heute besitzen 93% der Einwohner einen digitalen Personalausweis. Er ist mit einem Mikrochip ausgestattet und dient sowohl zum Bezahlen in den öffentlichen Verkehrsmitteln als auch für Behördengänge, zum Beispiel zum Beantragen eines Reisepasses, dem Eröffnen eines Bankkontos oder der Abholung des Wahlscheins.

Mit dem „Personalausweis 2.0“ können sogar verschriebene Medikamente abgeholt und Arztrechnungen beglichen werden. Überhaupt gehört Estland laut OECD zu den drei fortschrittlichsten Ländern im Bereich der Online-Medizin. Über die Hälfte aller Esten besitzt eine virtuelle Krankenakte, die von knapp 95 % der Ärzte genutzt wird.

 

2400

kostenlose Hot Spots im ganzen Land, um "digitale Diskriminierung" zu vermeiden

 

Neue Horizonte

Paradoxerweise haben bei weitem nicht alle Esten einen eigenen Internetanschluss. 2013 waren 300 000 Bürger, also fast 25% der Bevölkerung, privat nicht vernetzt. Um „digitale Diskriminierung“ zu vermeiden, hat die Regierung  2400 kostenlose Hot Spots in Krankenhäusern, Schulen, Tankstellen, Cafés und Hotels des ganzen Landes verteilt.

Die neuen virtuellen Möglichkeiten sollen für alle zugänglich sein, erklärt Ivar Tallo, der Gründer der NGO e-Governance Academy: „Die digitale Entwicklung ist kein Privileg der reichsten Länder. Estland geht mit gutem Beispiel voran und zeigt, dass ein Land nicht viel Geld, sondern nur den nötigen Willen braucht, um die Dinge zu verändern und Initiativen zu ergreifen.“ Der Staat kümmert sich ebenfalls um die Informatikausbildung der jüngsten Bürger. Seit 1999 sind alle Schulen mit Internetanschlüssen ausgestattet, und seit 2012 werden 7-19-Jährige im Rahmen des ProgeTiiger-Programms an Programmiersprachen herangeführt. 

Lisa Monin

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016