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"Es steht nicht gut um die nukleare Abrüstung"

Länder: Welt

Tags: Abrüstung, Nuklearwaffen, Atomwaffen

Little Boy nannten die USA ihre Bombe, die sie am 6. August 1945 über Hiroshima abwarfen. Mit einem Schlag tötete sie 80.000 Menschen. Hunderttausende litten Tage, Monate bevor auch sie starben. Am 9. August desselben Jahres trifft es schließlich Nagasaki. Hier bringt Fat Boy für über 20.000 Menschen den sofortigen Tod. Die Überlebenden leiden noch heute unter den Folgen der Verstrahlung. 

Nur wenige Jahre später dann: der Eintritt in den Kalten Krieg. Die UdSSR und USA liefern sich ein atomares Wettrüsten. Mit dem 1968 verabschiedeten Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag wird schließlich ein erstes Abkommen vereinbart, das auf eine weltweite nukleare Abrüstung abzielt. Nahezu alle Länder unterzeichnen. Auch Russland und die USA. In den darauffolgenden Jahrzehnten treffen die beiden Länder, die 95 Prozent der weltweit vorhandenen Atomwaffen besitzen, weitere bilaterale Verträge, um die 1968 beschlossene Abrüstung voranzutreiben. Fast 50 Jahre später gibt es immer noch 16.000 Nuklearsprengköpfe auf der Welt. Der Weg hin zu einer Weltordnung ohne atomare Waffen scheint noch lang. 

In unserer Timeline erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Vereinbarungen zur atomaren Abrüstung: 

Ulrich Kühn, Wissenschaftler am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg und ehemaliger Berater für nukleare Rüstungskontrolle des Referats für Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung des Auswärtigen Amts in Berlin, zieht im Interview eine Bilanz der atomaren Abrüstung und gibt einen Ausblick in die Zukunft.

 

Ulrich Kühn

Ulrich Kühn, Mitarbeiter am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg

 

ARTE Info: 1968 wurde der sogenannte Nukleare Nichtverbreitungsvertrag geschlossen. Wird ihm auch tatsächlich Rechnung getragen?  

Ulrich Kühn: In dem Vertrag hatte man sich dazu verpflichtet, Verhandlungen anzustreben, mit dem Ziel der kompletten nuklearen Abrüstung. Heute sind wir im Jahr 2015 und es gibt immer noch weltweit 16.000 Nuklearsprengköpfe. Die Nuklearwaffenbesitzer sind noch immer sehr weit davon entfernt, dieses Versprechen abzulösen. Kurzgesagt: Es steht nicht gut um die nukleare Abrüstung.

 

Ist es gerechtfertigt, dass es fünf anerkannte Staaten gibt, die Atomwaffen besitzen und diese von anderen verlangen können, sich selbst keiner Atomwaffen zu bemächtigen.

Ulrich Kühn: Ich würde nicht nur sagen, dass es ein Ungleichgewicht ist, ich würde sogar sagen, dass es eine offensichtliche Ungerechtigkeit ist, aber dieser Vertrag bildet nun mal den Zeitpunkt seines Inkrafttretens ab und das war der Kalte Krieg. Und damals gab es eben fünf Länder, die über Nuklearwaffen verfügten und die sich sagten: "Wir müssen unsere Atomwaffen erstmal behalten, wir wollen aber auch, dass sie sich nicht noch weiter in der Welt verbreiten". Darüber hinaus gibt es inzwischen weitere Staaten, die Nuklearwaffen haben. Da hätten wir Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea. Und die Staaten, die keine Nuklearwaffen besitzen, sagen natürlich jetzt zu Recht "Was ist denn jetzt mit eurem Versprechen, wann löst ihr das denn endlich mal ein. Ihr habt immer noch so viele Nuklearwaffen. Wann kommt es denn jetzt endlich mal dazu, dass ihr wirklich richtig und signifikant abrüstet?".

 

Wie schätzen Sie die Wirksamkeit der bilateralen Verträge zur Abrüstung zwischen den USA und Russland ein?  

Ulrich Kühn: Die SALT und START-Verträge haben durchaus sehr stark zur Abrüstung beigetragen, vor allem im Zusammenhang des Kalten Krieges. Heute haben sowohl die USA als auch Russland noch circa 7.000 bis 7.500 nukleare Sprengköpfe. Mittlerweile, vor allem durch die Ukraine-Krise, sind die beiden Staaten allerdings an einen Punkt gelangt, wo sie sich nicht mehr vertrauen, sondern gegenseitig misstrauen. Man versucht Stärke zu zeigen und für nuklearbewaffnete Staaten heißt das eben auch, sein nukleares Potenzial zu betonen. In dem Zusammenhang wird oft hervorgehoben, dass man sein Arsenal lediglich modernisiere. Die teilweise 30, 40 Jahre alten Nuklearwaffensysteme müssten langsam aus dem Verkehr gezogen werden und durch neue Raketen, neue Bomber, neue U-Boote ersetzt werden, so das Argument. Das ist alles Augenwischerei, denn Modernisierung heißt letztlich auch, dass man Systeme mit neuen Fähigkeiten schafft. Diese können beispielsweise weiter fliegen oder viel genauer ins Ziel hineinfliegen. In diesem Zusammenhang muss man also attestieren: Die USA und Russland rüsten zwar nicht quantitativ, aber qualitativ auf.

 

Die größten Hürden dabei sind, dass die Staaten, die über Nuklearwaffen verfügen immer Gründe finden, zu sagen, dass sie ohne Nuklearwaffen in Gefahr schwebten. 

 

Was müsste passieren, damit es zu einer vollständigen nuklearen Abrüstung kommt? Was sind die größten Hürden, um dieses Ziel zu erreichen?

Ulrich Kühn: Die größten Hürden dabei sind, dass die Staaten, die über Nuklearwaffen verfügen immer Gründe finden, zu sagen, dass sie ohne Nuklearwaffen in Gefahr schwebten. Ein Teil der Unsicherheit kommt gerade durch die nukleare Bewaffnung. Ein Beispiel: Wenn Russland sagt, wir rüsten jetzt um 500 Sprengköpfe ab, dann würde das bedeuten, dass die  Amerikaner 500 mehr hätten. "Dann könnten uns die USA theoretisch über Nacht angreifen", wird sich Russland sagen. Doch das ist letztlich alles Quatsch. Denn wenn man sich überlegt, was wirklich ein Angriff mit 500 oder mehr nuklearen Sprengköpfen bedeuten würde, dann brauchen wir gar nicht mehr über Sicherheit nur von Russland oder den USA reden, sondern dann hätten wir solche extremen klimatischen Folgen für den gesamten Planeten, dass jedem klar wird, dass das Ziel eben doch die komplette Abrüstung sein muss. Das Problem liegt darin, die Unsicherheiten der Staaten zu überwinden. Wir haben beispielsweise Pakistan und Indien, die aufrüsten und sich feindselig gegenüberstehen. Israel, das zwar selbst nicht zugibt, dass es Nuklearwaffen hat, verweist auf die unsichere Lage im Nahen Osten. So findet jeder seiner persönlichen Grund.

 

Erst im Juli einigten sich die fünf UN-Vetomächte und Deutschland auf ein Atomabkommen mit dem Iran, das den Staat unter anderem daran hindert, eine Atombombe zu bauen. Für wie wichtig halten Sie das Abkommen?

Ulrich Kühn: Es ist gut, dass mit dem Abkommen verhindert wird, dass noch ein weiterer Staat Nuklearwaffen bekommt. Wenn wir ein bisschen in die Zukunft denken und sagen, der Iran würde vielleicht doch Nuklearwaffen entwickeln, dann wäre es sehr naheliegend, dass die umliegenden Nachbarn, beispielsweise Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate oder vielleicht auch Ägypten sagen, gut dann brauchen wir jetzt auch diese Waffen – ein Domino-Effekt. Insofern ist das Abkommen ein äußerst positiver Schritt. Ich glaube, dass auch die politische Wirkung dieses Abkommens extrem wichtig ist. Sowohl für den Nahen Osten als auch beispielsweise für die USA, die es jetzt erstmals geschafft haben, auf rein diplomatischer Ebene, ein Land, das Nuklearwaffen haben möchte, in Zaum zu halten.

 

 Ich glaube nicht, dass sich eine Terrororganisationen wie der IS wirklich eine fertige Nuklearwaffe plus die entsprechende Rakete, das heißt das Trägersystem, aneignen kann.

 

Im Mai kündigte der Islamische Staat an, dass er sich innerhalb der nächsten 12 Monate Atomwaffen beschaffen  werde. Wie wahrscheinlich ist das?

Ulrich Kühn: Die Wahrscheinlichkeit ist meiner Meinung nach sehr gering. Ich glaube es besteht eine deutlich höhere Gefahr, dass sich Terrororganisationen wie der Islamische Staat nukleare Materialen besorgen, das heißt zum Beispiel niedrig angereichertes Uran und dieses dann zusammen mit einem sogenannten konventionellen Sprengkörper verbinden. Das würde natürlich längst nicht die Wirkung einer Nuklearwaffe haben, aber einen Terroreffekt. Ich glaube nicht, dass sich solche Organisationen wirklich eine fertige Nuklearwaffe plus die entsprechende Rakete, das heißt das Trägersystem, aneignen können.

 

Gibt es Lösungsansätze, wie die vollständige Abrüstung vielleicht doch noch eines Tages gelingen kann?  

Ulrich Kühn: Es gibt eine spannende neue Initiative, die sich "Humanitäre Initiative" nennt. Vor allem Staaten wie Österreich, Norwegen oder auch Mexiko engagieren sich in ihr. Sie streben einen kompletten Verbotsvertrag an, denn der Nichtverbreitungsvertrag von 1968 geht nicht so weit. Die Länder sagen, dass ein Vertrag, der die Waffen verbietet, notwendig ist, damit die Nuklearwaffenbesitzer nicht anders können als abzurüsten. Realisten werden natürlich fragen, ob man die Atommächte wirklich zwingen kann und wenn ja wie. Das wird sich in den nächsten Jahren herausstellen, ob ein solcher Vertrag zustande kommt und ob er wirklich zur Abrüstung führt.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016