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"Es ist zu früh von einem Sieg über den IS zu sprechen"

Länder: Irak, Syrien

Tags: Interview, IS

Seit einer Woche ist ein in "Die Welt" erschienener Artikel in aller Munde: Der sogenannte Islamische Staat steht kurz vor dem Zusammenbruch. ARTE Journal fragt nach bei Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik des Deutschen Instituts für internationale Politik und Sicherheit: Wie ist die Lage vor Ort? Steht der sogenannte "Islamische Staat" tatsächlich kurz vor dem Aus?

 

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ARTE Journal: Wie ist die Situation vor Ort, ist der sogenannte Islamische Staat tatsächlich auf dem Rückzug?

Volker Perthes: Die militärische Kampagne gegen den sogenannten „Islamischen Staat“, das heißt die Luftschläge der USA und anderen Staaten, der Versuch die irakische Armee neu zu organisieren und die bessere Ausrüstung der Kurden, haben dazu geführt, dass die Expansion des IS zunächst angehalten zu sein scheint. Die militärischen Kapazitäten der Organisation sind an diversen Stellen geschwächt. Es ist allerdings zu früh, von einem Sieg über den IS zu sprechen. Denn die Terrormiliz ist noch immer in einer ganzen Zahl von Städten präsent, darunter auch große Städte wie Mossul, Raqqah und Faludscha.

 

Die halbwegs verlorene Schlacht um Kobane hat dem IS seine unbesiegbare Aura genommen, doch es ist nur ein Rückschlag, bestimmt keine Niederlage.

Volker Perthes - 26/11/2014

War die nicht gelungene Eroberung von Kobane ein Wendepunkt im Vorrücken des IS?

Volker Perthes: In Kobane wird noch immer gekämpft. Die Kämpfer des IS sind aus der Stadt zurückgedrängt worden, aber in den Vororten sind sie weiter präsent. Es kann sein, dass sie nicht weiter versuchen, die Stadt ganz zu erobern, sondern einen Teil der Kämpfer in eine andere Stadt in der Gegend zu schicken. Alle, sowohl der Islamische Staat, als auch die Amerikaner und die kurdischen Kämpfer, haben der Schlacht um Kobane einen hohen symbolischen Wert gegeben. An ihr sollte sich zeigen, ob der IS in der Lage ist, sich auszudehnen oder ob man ihn stoppen kann. Die halbwegs verlorene Schlacht um Kobane hat dem IS seine unbesiegbare Aura genommen, doch es ist nur ein Rückschlag, bestimmt keine Niederlage.

 

Wie erklären Sie sich die Schwächung des IS?

Volker Perthes: Die Kämpfer der Terrororganisation IS haben bislang keine Erfahrung mit Luftangriffen. Eine große Anzahl der schweren Geschütze und Fahrzeuge, die die Miliz von der irakischen Armee erbeutet hatte, ist zerstört. Die Luftangriffe haben außerdem mehrere, vom IS kontrollierten, Ölraffinerien zerstört. Das bedeutet für die Miliz, dass ihre direkte Geldquelle versiegt. Um den IS endgültig zurückzudrängen oder gar zu besiegen, braucht es vor allen Dingen einen lang anhaltenden politischen Kampf, den die lokalen Politiker und Autoritäten führen müssen.

 

Entwickelt sich die Situation im Irak anders als in Syrien?

Volker Perthes: Im Irak haben wir zurzeit größere Chancen, dass die territoriale Ausbreitung des IS gestoppt werden kann. Die irakische Armee wurde im Sommer zwar überrannt und aufgelöst, doch mittlerweile hat sie sich schon wieder ein gutes Stück reorganisiert, genauso wie die Kurden. Sie planen die graduelle Wiedereroberung Mossuls. Bagdad ist nicht mehr ganz so gefährdet, wie es noch im Sommer schien, doch die Gefahr ist noch nicht bewältigt. Insgesamt ist der Irak besser organisiert als Syrien, was auch an der neuen, vergleichsweise glaubwürdigen Regierung liegt.  Hier haben wir einen großen Unterschied gegenüber Syrien. In Damaskus gibt es keine glaubwürdige Regierung. An eine Zusammenarbeit mit dem Assad-Regime und der internationalen Gemeinschaft ist nicht zu denken.  

Assad nutzt die Zeit, wo sich der internationale Fokus auf die Bekämpfung gegen den IS gelegt hat, um offensiv gegen die Opposition vorzugehen, aber er beteiligt sich nicht am Kampf gegen die Terrormiliz.

Es wird erst einmal schlechter, bevor es wieder besser wird.

Volker Perthes - 26/11/2014

 

Wie sehen sie die Zukunft Syriens und des Iraks?

Volker Perthes: Ich glaube es wird erst einmal schlechter, bevor es wieder besser wird. Das gilt insbesondere für Syrien. Im Irak haben wir erlebt, dass es erst mal sehr schlecht werden musste, bevor die politischen Handlungsträger sich zusammengerafft haben und zum Handeln bereit waren. Offensichtlich brauchte es im Irak diese sehr direkte Bedrohung, um gewisse politische Veränderungen auf den Weg zu bringen, von denen man nun erst mal sehen muss, ob sie anhalten werden. Syrien ist noch lange nicht so weit. Die Regierung glaubt Oberwasser zu haben und muss deshalb mit niemandem verhandeln muss, schon gar nicht mit der moderaten Opposition. Diese befindet sich in einem zwei-Fronten-Krieg: auf der einen Seite der IS, auf der anderen das Regime von Assad. Neue Verhandlungen und damit eine politische Lösung für Syrien, sind nicht in Sicht.  

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016