„Es gab keinen echten Heilungsprozess“

Länder: Ruanda

Tags: Völkermord, Versöhnung

Gaspard (seinen Familiennamen will er nicht nennen) ist Ruander. Er hat das Land bereits 1992 verlassen und lebt seitdem in Frankreich im Exil. Er hat den Bürgerkrieg als Mitglied der ruandischen Diaspora erlebt und verfolgt, und in Frankreich seine Doktorarbeit über den Konflikt und den Versöhnungsprozess in Ruanda geschrieben. Im Gespräch mit Frank Dürr erklärt er seine persönliche Sicht der Entwicklung und der Lage zwischen den Ethnien 20 Jahre danach.

ARTE Journal:  Wie weit ist die Versöhnung in Ruanda heute ?

Es gab in der Tat Fortschritte in den letzten 20 Jahren. Die politischen Maßnahmen zur nationalen Einheit und Versöhnung haben dazu geführt, dass das Land in Frieden leben kann. Unter der aktuellen Regierung von Präsident Kagame hat es eine Befriedung gegeben, auch im Verhältnis mit den Nachbarländern.  Es gab wirklich Fortschritte bei der Versöhnung, aber der Völkermord sitzt noch tief in unser aller Bewusstsein, vor allem bei den Tutsi-Familien. Der Internationale Strafgerichtshof für Ruanda hatte erhebliche Schwierigkeiten und ist nur wenig vorangekommen, die internationale Gemeinschaft konnte diese Probleme nicht lösen, insgesamt wurden, glaube ich, bisher rund 100 Schuldige verurteilt. Aber es waren eben Massaker, die von der Masse des Volkes begangen wurden, und in denen der gesamte Staatsapparat, Armee, Polizei und Bevölkerung mobilisiert wurden, um ihre Nachbarn, die Tutsi, zu ermorden. Für mich gab es keinen echten Heilungsprozess oder Wiedergutmachung für die Opfer. Einige Hutus haben mit den Volkstribunalen, den Gacaca, zusammengearbeitet - aber vor allem, weil sie ihre Strafe abmildern wollten.
 

Die Gacaca, diese Dorftribunale, befassten sich ja mit den Gräueltaten, weil normale Gerichte die Anzahl der Verbrechen gar nicht bewältigen konnte. Aber hatten sie denselben Einfluss wie die normale Justiz?

Das Problem war, das Hutu-Intellekte entkommen sind. Mit der „opération turquoise“ [französischer Militäreinsatz während des Bürgerkriegs in Ruanda, zum Schutz von Vertriebenen, Flüchtlingen und Zivilisten, Anm. der Red.] sind sie alle in den Kongo geflohen und von da aus in die ganze Welt. Die Tutsi-Intellektuellen aber wurden alle ermordet. Die ruandische Justiz hatte nicht genug Mittel, um die grosse Masse der Hutu, die ihre Nachbarn getötet hatten, ins Gefängnis zu stecken. Deshalb wurden die Dorftribunale eingesetzt. Das hat die Spannungen etwas gemildert, aber es war doch eine Art Justiz zweiter Klasse, bei die Menschen vor Gericht gestellt wurden, vor allem mit dem Ziel, die Opfer zu entschädigen.

 


Vor dem Bürgerkrieg gab es in den Monaten und Jahren vor dem Massaker eine systematische Propaganda gegen Angehörige der Tutsi. Unterscheidet man heute in Ruanda noch nach Zugehörigkeit zu den Tutsi oder Hutu, oder versucht man, das zu vergessen?

Es gab einen Beschluss der Behörden, dass im Personalausweis der Vermerk der ethnischen Zugehörigkeit nicht mehr vorkommt. Das ist ein Fortschritt, denn das erleichterte den Völkermord. In der ersten Zeile konnte man lesen, ob jemand Hutu, Tutsi oder Ausländer war. Auch wenn das nur ein administrativer Vermerk war, so war das doch bemerkenswert. Die Regelung stammte allerdings aus den 1930er Jahren, als die belgische Kolonialregierung in Ruanda nach einer Volkszählung die ethnische Zugehörigkeit in den Ausweisen festschrieb. 1994 dann verlangten die Mörder an den Straßensperren die Ausweise, und diejenigen, die keine Papiere hatten, wurden genauso umgebracht wie die Tutsi.

 

Wir brauchen eine geografische Trennung der beiden Volksgruppen.

 

Deshalb finde ich, wir brauchen eine geografische Trennung der beiden Volksgruppen. Das würde das Problem lösen. Im Moment hindert die Polizei beide daran, einander anzugreifen, aber dieser Konflikt ist tief in jedem eingebrannt. Wenn ich mich hier in Straßburg unter den Ruandern im Exil umhöre, ob Hutu oder Tutsi: Die Narben sind noch sichtbar. Eine definitive Friedenslösung wäre so etwas wie auf der Krim: Jedes Volk erhält sein eigenes Territorium. Ohne eine solche Trennung war der Völkermord in Ruanda möglich, denn die internationale Gemeinschaft konnte sich nicht zwischen die Parteien stellen.