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Erster Tag

Länder: Tschad

Tags: Flüchtlinge, Darfur, Literatur

Uwe Timm ist ein engagierter Schriftsteller mit einem politischen Anliegen: Deshalb war er sofort bereit, für ARTE Reportage in das Flüchtlingslager Breidjing im Tschad zu fahren, um über die Menschen dort und ihre Schicksale zu berichten. Erster Teil seines Reisetagebuchs.

Gute fünf Stunden dauert der Flug von Paris nach N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad. Nach der Landung werden die Türen geöffnet und die feuchte abendliche Hitze einer anderen Welt dringt ins Flugzeug. Die Ankunft in tropischen Ländern löst für mich jedes Mal ein körperliches Glücksgefühl aus, zu dem auch der Geruch von Kerosin gehört. Im Westen ist noch eine Ahnung von der untergegangenen Sonne in dem Braun der Dunkelheit. Vor der Ankunftshalle wird mit einem pistolenartigen Messgerät geprüft, ob der Einreisende erhöhte Temperatur hat. Eine Maßnahme, von der man weiß, dass sie bei der dreiwöchigen Inkubationszeit der Krankheit nicht hilft. Ebola steht in großen Lettern auf einem Plakat. Noch hält sich die Seuche vom Tschad fern. Sieh dich bloß vor, war einer der Sätze, die ich vor der Abreise hörte. Und die sechsjährige Enkelin Anna sagte: Du musst dir immer schön die Hände waschen.

Vor dem Transportband stehen und drängen sich die Reisenden, dazwischen Träger, die ihre Dienste anbieten. Auffallend ist, die hier Ankommenden sind nicht die europäischen Geschäftsreisenden und Touristen, die man sonst auf den Flughäfen Afrikas trifft. Die Industrie ist im Tschad nicht entwickelt und die europäischen Botschaften haben eine Warnung vor Reisen außerhalb der Großstadt herausgegeben. Im Grenzbereich zu Nigeria operiert die radikal islamistische Boko Haram mit Mord und Brandschatzung und atavistischem Frauenraub. Im Norden und im Osten sind es Banden von entlassenen Soldaten. Wir hören später, dass das Militär seit einem halben Jahr keinen Sold mehr bekommen hat. Dennoch, der Tschad gilt mit seinem seit dreiundzwanzig Jahren regierenden Präsidenten Idriss Déby als ein politisch stabiles Land.  Wie in  anderen afrikanischen Ländern wurde die Verfassung für seine Wiederwahl eigens geändert. Mehrere Angriffe von regierungsfeindlichen Rebellen, die bis in die Hauptstadt vordrangen, konnte Déby, ein ehemaliger Militärpilot, mit den ihm ergebenen Truppen  zurückschlagen. Seit 2010 ist der Bürgerkrieg fürs erste beendet.

Mit den Koffern und Taschen kommen auch massive in Plastikbahnen eingeschnürte Ballen. Was wird darin aus der reichen Welt hierher transportiert? Sicherlich keine Luxusartikel. Matratzen? Stoffe? Der Geruch nach Schweiß und Desinfektionsmitteln. Ein Drängen, Schieben, Durcheinander. Der ruppige Versuch der Zollbeamten, die  Passagiere in eine Reihe zu zwingen. Hinter dem Drehkreuz werden Schilder hochgehalten. Keine Namen von Firmen,  sondern Abkürzungen. Viele Abkürzungen, die ich nicht deuten kann, sie bezeichnen Abteilungen der UNO und andere nichtstaatliche Organisationen.

Eine kurze Fahrt zu dem am Fluss gelegenen Hotel, das ein Ort des Übergangs und der Eingewöhnung von der reichen in die arme Welt ist. Eine Insel mit allen Annehmlichkeiten: Klimatisierte Zimmer, internationale Küche, alkoholische Getränke. An dem großzügigen Swimmingpool liegen Stewardessen und Piloten und ein paar Entsandte von NGOs, ein Wort, das man oft hört, allerdings vernuschelt und englisch ausgesprochen. Wer mag, könnte bei  30 Grad Tennis spielen. Der Platz hat sogar Flutlicht, ist jetzt aber leer, und die Netze hängen ziemlich schlaff herunter. An der Bar sitzen ein paar Männer und trinken Bier. Das Filmteam hat sich versammelt, die Regisseurin Claire Denis, der Zeichner Damien Glez, der Kameramann Alexandre Rossignol, der Tonmann Sébastien Guisset und die Produktionschefin Anne Florence Garnier, fünf Menschen, mit denen ich die nächsten Tage zusammen sein werde. Und es soll hier gleich gesagt sein, dass es eine kameradschaftlich freundliche Zusammenarbeit wurde. Insbesondere Anne wird für mich, der sein Französisch verlernt hat, das Medium zu dieser fernen Welt sein. Später werden noch zwei arabische Übersetzer aus dem Tschad hinzukommen. Eine sprachlich komplizierte Annäherung, die oft dazu zwingt, sich auf den Augenschein zu verlassen.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016