|

"Erster Brief" von Atiq Rahimi

Länder: Libanon

Tags: Flüchtlinge, Palästina, Beirut, Literatur

Nun bin ich im Land deiner Vorfahren, deine Briefe im Gepäck, als wären sie gar nicht an mich gerichtet, sondern an sie, deine Ahnen, die ich nicht kenne und du ebenso wenig.

Ich sitze in einem Hotel ohne Blick aufs Mittelmeer - dieses Meer, das einer Stadt sofort Orientierung, Atmosphäre, Identität und Geschichte verleiht...

Und nichts in meinem Zimmer, das so unbeholfen modern erscheinen will, verrät mir meinen Standort in einer Stadt wie Beirut. Deshalb fühle ich mich wie in irgendeiner Stadt, in irgendeinem Zimmer...

Und hier, in diesem Nâ-koja-âbâd, wie es in meiner Muttersprache heißt, in dieser Nirgendwo-Stadt öffne ich einen ersten Brief von dir, den du auf losen Blättern geschrieben hast.

Es ist kein Brief, sondern eine, wie du sagst, unvollständige Liste all dessen, was du gern mit mir machst, vor allem, in ferne Länder reisen und dir im tiefsten Arizona mit mir die Zeit in einsamen Bars vertreiben... Aber von einer Stadt, deiner Stadt, Beirut, sprichst du nicht, obwohl du ständig von ihr träumst.

Ich sage "deine Stadt", dabei bist du gar nicht hier geboren, hast nie hier gelebt, hast die Stadt nie kennengelernt. Es ist die Stadt deiner Großmutter, ich weiß, ein Flecken Erde, den du dir zu eigen gemacht hast.

Für deine Großmutter ist sie ein verlorener Flecken Erde.

Für dich ein gelobtes Land.

In einem deiner Briefe erwähnst du sie bestimmt.

Ich würde dir gerne von deiner Stadt erzählen, aber ich kenne sie nicht gut genug. Vor ein paar Monaten war ich aus Anlass eines Filmfestivals zum ersten Mal hier. Vier Tage lang, in denen ich nur wenige Menschen treffen und nur wenige Orte aufsuchen konnte. So ist mir nur eine flüchtige Vorstellung, ein merkwürdiger Eindruck geblieben, der Eindruck, diese Stadt, dieses Land niemals kennenlernen zu können.

Das heutige Beirut könnte eine jener von Italo Calvino erdachten Unsichtbaren Städte sein. Dann wäre es eine Stadt der Erinnerung, aber ohne Gedächtnis. Eine rhetorische Stadt, vergraben unter den Erinnerungen an die Ruinen, den Erinnerungen an die Wunden, eine Stadt, die sich weigert, sich dem historischen Gedächtnis einzuprägen. Beirut, so beschreibt es Machmud Darwisch, ist jene Frau, die auf einem Felsen sitzt und sich wie die Sonnenblume von einer ihr fremden Kraft lenken lässt. Liebhaber und Feinde zieht sie gleichermaßen mit in einem blinden Reigen, gibt sich hin und verwehrt sich, gibt sich nicht hin und verwehrt sich nicht.

Wäre ich ihr Liebhaber oder ihr Feind?

Würde ich sie lieben, wie ich dich liebe, die kleine Levantinerin?

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016