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Erdogans Mammutprojekte: Visionär oder größenwahnsinnig?

Länder: Türkei

Tags: Erdogan, Präsidentschaftswahlen, Projekte, Wahlprogramm

Gerade noch war er Premierminister, jetzt ist er Präsident der Türkei: Recep Tayyip Erdogan. Der "starke Mann", wie er oft und gerne bezeichnet wird, plant viele neue Projekte, die er möglichst schnell umsetzen möchte, darunter eine Verfassungsreform, eine Stärkung der Rolle der Türkei auf internationalem Parkett sowie eine bessere Lebensqualität für die türkische Bevölkerung.

12 Jahre lang regierte Erdogan die Türkei als Premierminister und hat unaufhörlich versucht, Stück für Stück eine neue Türkei aufzubauen. Als Präsident will er sein Werk fortführen und das mindestens zwei Amtsperioden lang, das heißt bis 2023. Unter den Mammutprojekten, die er bis 2023 realisieren möchte, befinden sich der Bau einer Moschee und der Bau eines Flughafens. Nicht irgendeine Moschee und irgendein Flughafen, sondern die und der Größte der Welt. So will es zumindest der frischgebackene Präsident. Warum so gigantisch? Eine Überraschung sind Erdogans Projekte nicht, den seine Gegner gerne als modernen Sultan bezeichnen. Jean-François Bayart, Forschungsleiter am CNRS (Centre national de la recherche scientifique), dem größten französischen Forschungszentrum, sprach mit ARTE Info über die verschiedenen Projekte Erdogans und über deren Umsetzung.

 

 

Klicken Sie auf die folgenden Kästchen, um mehr über Erdogans Mega-Projekte zu erfahren:

 

 

 

 

 

 

 

ARTE Info: Welche Projekte hat Recep Tayyip Erdogan für die Türkei?


Jean-François Bayart: Diese Projekte sind mehr als Projekte - es sind Umsetzungen, die bereits begonnen haben. In erster Linie gibt es den dritten Flughafen in Istanbul, der bei einem Teil der öffentlichen Meinung sehr umstritten ist, vor allem aus Gründen des Umweltschutzes. Die dritte Brücke über den Bosporus ist ebenfalls aus ökologischen, aber auch aus politischen Gründen umstritten: Erdogan hat beschlossen, die Brücke nach einem Sultan zu benennen, Yavuz Selim. Dieser Sultan hat Massaker an der alewitischen Minderheit in der Türkei verübt. Viele sehen in der Namensgebung deshalb eine reine Provokation.

Die Projekte von Erdogan sind Mammutprojekte, die in der Regel mehr Kosten als Nutzen bringen werden."

Jean-François Bayart, Leiter des CNRS

Ein anderes seiner "Projekte" ist der Kanal von Istanbul: ein Kanal, der den Bosporus verdoppeln soll, eine Wasserstraße vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer. Auch dieses Projekt wird von Umweltschützern kritisiert. Außerdem ist seine Finanzierung absolut pharaonisch. Dennoch kann er sich rechtfertigen, denn die Schifffahrt auf dem Bosporus gilt als gefährlich: Die Angst der Türken ist, dass eines Tages ein Gastanker verunglückt und in der Bosporus-Meerenge explodiert. Die Konsequenzen wären ähnlich schlimm wie bei einem Erdbeben.

Es gibt außerdem Bauprojekte für Atomkraftwerke, die eine ganze Reihe an Gegnern haben. Sie kritisieren, dass die Türkei in einer erdbebengefährdeten Region liegt und der Bau einer atomaren Fabrik deshalb nicht sehr vernünftig ist.

Und dann gibt es noch Erdogans Pläne, die Anzahl der Wasserkraftwerke zu erhöhen, vor allem am Schwarzen Meer. Es sind Bauwerke, die Kritik hervorrufen, denn es sind ganze Täler, meist mit einer blühenden Wirtschaft, die für die Neubauten der Wasserwerke geopfert werden. Auch hier wären die Auswirkungen auf die Umwelt dramatisch.

 


Sind diese Projekte denn wirklich notwendig für die Türkei? 


Jean-François Bayart: Die Projekte von Erdogan sind Mammutprojekte, die in der Regel mehr Kosten als Nutzen bringen werden. Der Istanbul-Kanal, also der zweite Bosporus-Kanal, ist die Antwort auf ein echtes Problem, denn der bereits bestehende Bosporus-Kanal ist eine der gefährlichsten und meist befahrensten Wasserstraßen der Welt.  
 
Eine erhöhte Anzahl an Wasserkraftwerken und der Bau von Atomkraftwerken sind ebenfalls sinnvoll, da die Türkei mehr Energie braucht infolge der Industrialisierung. Das Land ist außerdem ein Dreh- und Angelpunkt für die

Erdogan hört nicht auf zu siegen, er hat nicht vor, auf diesem erfolgreichen Weg zu bremsen."

Jean-François Bayart, Leiter des CNRS

Energieversorgung Europas geworden, und zwar aus dem Kaukasus und Zentralasien sowie dem Iran. Die Türkei verteilt Energie, die aus anderen Ländern kommt, aber sie verbraucht selbst auch viel davon. Wenn die Türkei ihr industrielles Wachstum aufrechthalten möchte, dann muss sie weiterhin Energie beziehen und verteilen.  
 
Der Bau eines dritten Flughafens wird durch den außergewöhnlichen Erfolg der Turkish Airlines gerechtfertigt. Die Fluggesellschaft ist in wenigen Jahren zu einer der wichtigsten der Welt geworden. Istanbul hat sich hinsichtlich der internationalen Zivilluftfahrt in eine gigantische Transitstadt verwandelt. Die Idee hinter diesem dritten Flughafen ist es demnach nicht mit Atlanta oder Frankfurt zu konkurrieren, sondern dahinter steckt eine Ambition mit größerer Tragweite, die absolut nicht verrückt zu sein scheint.

 


Wird Erdogan in der Lage sein, diese Projekte als Präsident der Türkei umzusetzen?

Jean-François Bayart: In jedem Fall ist er sehr entschlossen. Wenn er merkt, dass ihm seine Projekte entgleiten, versucht er, sie auf eine indirekte Weise umzusetzen. Er besetzt den Posten des Premierministers mit einer Person, die ihm absolut treu ist: Ahmet Davutoglu, der aktuelle Außenminister, ist im Gespräch. Ebenso Abdullah Gül, der scheidende türkische Präsident. Wie auch immer, Erdogan hört nicht auf zu siegen, er hat nicht vor, auf diesem erfolgreichen Weg zu bremsen. Dazu kommt noch seine starke Persönlichkeit - keiner ist in der Lage, seine Führungsstärke und seine Ambitionen in Frage zu stellen. 

 

Erdogan, ein moderner Sultan

Seit 2003 ist Erdogan an der Macht und er schafft es, das Land mit einer eisernen Hand zu regieren. Nachdem er die Regierung geführt hat, ist der Posten des Präsidenten die einzige Lösung, um nicht von der politischen Bühne gefegt zu werden. Der Premierminister hat die maximale Anzahl von drei Amtszeiten hinter sich. Ganz wie Wladimir Putin muss Erdogan vom Regierungschef zum Staatschef wechseln, um an der Macht zu bleiben. Dazu bedarf es hin und wieder auch einer Verfassungsreform. Seit 2007 sieht sie vor, dass der Präsident der Türkei alle fünf Jahre durch das allgemeine direkte Wahlrecht gewählt wird. Vorher lag eine Amtszeit bei sieben Jahren und der Staatschef wurde nicht direkt vom Volk gewählt. 2010 wurde über ein Referendum über eine andere Reform abgestimmt, die Erdogan erlaubt, die Macht des Präsidenten auszuweiten. Der "starke Mann" der Türkei hat es im Wahlkampf immer wieder wiederholt: er möchte sich nicht damit begnügen, als Präsident nur repräsentative Aufgaben zu haben.
Jetzt wurde er mit der absoluten Mehrheit der Stimmen zum türkischen Präsidenten gewählt - und könnte nun das parlamentarische System der Türkei zu einem Präsidialsystem machen - ähnlich wie das französische Modell. Seine Gegner werfen ihm vor, sein Charisma und seine Unterstützung des konservativen und religiösen Flügels der Wählerschaft zu missbrauchen, um seine Legitimität zu stärken. Erdogans Antwort: Er sei der Kandidat der Veränderung, der Vertreter von 77 Millionen Türken, im Dienst der Demokratie. Seine Amtseinführung ist für den 28. August geplant - an diesem Tag läuft Mandat seines Vorgängers Abdullah Gül aus.

 

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016