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Erasmus als Retter Europas?

Länder: Deutschland

Tags: Europa, Erasmus, Jubiläum

Erasmus ist eines der erfolgreichsten Programme der Europäischen Union. Seit drei Jahrzehnten gibt es insbesondere jungen Menschen die Möglichkeit, im Ausland neue Erfahrungen zu sammeln und ihren Horizont zu erweitern. Doch das Jubiläumsjahr des Austauschprogramms fällt in eine Krisenzeit. Vor welchen Herausforderungen steht es jetzt? Kann es den europäischen Gedanken retten?

Was im Jahr 1987 als bescheidenes Pilotprojekt begann, an dem sich im ersten Jahr nur 3.200 Studierende beteiligten, entwickelte sich über 30 Jahre hinweg zu einem europäischen Integrationsprojekt. Mittlerweile können dank Erasmus Plus fast 300.000 Hochschulstudierende pro Jahr einen Auslandsaufenthalt in den Erasmus-Partnerländern verbringen.

Doch die Feierlichkeiten fallen in eine Krisenzeit. Der Brexit, die politischen Spannungen in der Türkei und das nach wie vor komplizierte Verhältnis zwischen West-und Osteuropa gehen an dem europäischen Austauschprogramm nicht unbemerkt vorbei. Es stellt sich die Frage: Kann sich das Erfolgsprogramm auch in diesen turbulenten Zeiten behaupten?

 

Verunsicherung in der jungen Generation 

Insbesondere die jüngeren Jahrgänge sind verunsichert. 

Sharmi Andrews, Studentin - 15/06/2017

Die junge Deutschstudentin Sharmi Andews habe vor allem Wut und Trauer empfunden, als sie am 24. Juni 2016 mit der Gewissheit aufwachte, dass ihr Land aus der Europäischen Union austreten wird. "Die meisten in meinem Alter waren sehr unglücklich über das Ergebnis des Referendums. Wir konnten und wollten es einfach nicht glauben", erinnert sie sich. Nur einen Monat zuvor bekam die Britin die Zusage für zwei Erasmus-Semester in Berlin. Elf Monate lebt sie nun in der deutschen Hauptstadt. "Ich mag Berlin, es ist eine der offensten und fortschrittlichsten Städte, die ich kenne", sagt sie. Ihre Hochschule, das "King’s College London", bietet innerhalb Deutschlands Erasmus-Aufenthalte in Heidelberg, München, Frankfurt und Berlin an. "Ich bin sehr froh, dass ich London für ein paar Monate verlassen und eine andere Stadt kennenlernen konnte. Aber insbesondere die jüngeren Jahrgänge sind jetzt durch den Brexit und die Neuwahlen verunsichert." 

 

Brexit könnte für Studenten teuer werden

Bislang profitierte Großbritannien in der Forschung und Lehre von Geld aus Brüssel und auch bei Forschungskooperationen und Austauschprogrammen ist das Vereinigte Königreich ein bevorzugter Partner. Allein im Hochschuljahr 2014/15 erhielten die britischen Universitäten rund 1 Milliarde Euro an EU-Forschungsförderung, davon flossen 115 Millionen Euro in das Erasmus-Programm. Wollen die britischen Universitäten weiterhin so ausgestattet sein wie heute, dann muss die Regierung in London künftig gut eine Milliarde Euro im Jahr selbst aufbringen.

In der Schweiz ist dieses Szenario bereits Realität: Die Förderung der Schweizer Schüler und Studenten im europäischen Austauschprogramm muss das Land alleine stemmen, nachdem im Zuge des Referendums zur Begrenzung der Einwanderung im Februar 2014 der Zugang zum Erasmus-Förderprogramm gekappt wurde.

Nach dem Brexit könnte sich der Austausch von britischen Studenten und Teilnehmern aus EU-Ländern also um ein Vielfaches verteuern. Neben der Erasmus-Förderung von monatlich 300 Euro können britische Studenten die Studiengebühren an ihrer Heimatuniversität durch das Programm um etwa 85 Prozent reduzieren. Bei umgerechnet rund 10.200 Euro Studiengebühren pro Jahr eine erhebliche Ersparnis.

Aber auch als Gastland könnte Großbritannien seinen Glanz verlieren. Nach dem Brexit könnten für europäische Studenten neben den regulären Studiengebühren sogenannte "overseas fees" anfallen. Das sind Gebühren von durchschnittlich 18.000 Pfund pro Jahr – fast doppelt so viel wie für britische Studenten. Neben der Finanzierungslücke könnten komplizierte Visaanträge vor allem diejenigen abschrecken, die ein Auslandspraktikum in Großbritannien absolvieren wollen. Auch die Anerkennung von Studienleistungen, die innerhalb der Mitgliedsländer durch das ECTS (Europäisches System zur Übertragung und Akkumulierung von Credits) einheitlich geregelt wird, könnte dort in Zukunft erschwert werden.

 

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Die zehn beliebtesten Zielländer der deutschen Austauschstudenten von 2012-2014. Quelle: DAAD

 

Zukunft ungewiss

Wie es jetzt weitergeht? Zunächst gibt es Entwarnung: Kurz nach dem Referendum bestätigte Wissenschaftsminister Jo Johnson, Bruder von Brexit-Befürworter Boris Johnson, Großbritanniens Teilnahme am Erasmus-Programm für das Studienjahr 2016/2017. Und auch danach bleibt es dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) zufolge weiterhin ein "Programmland." Da die Erasmus-Verträge zwischen 24 und 36 Monaten laufen, verspricht man sich zumindest in Deutschland eine Zusammenarbeit bis 2019/2020.

Wenn sie Visaanträge stellen müssten, wäre das sehr abschreckend. 

Chris Patten, ehemaliges Mitglied der Europäischen Kommission - 15/06/2017

"Üblicherweise kommen sechs von zehn Studenten in Oxford und den anderen Universitäten aus Europa und wenn sie Visaanträge stellen müssen, um in Großbritannien zu studieren, wäre das sehr abschreckend", sagte Chris Patten, ehemals britisches Mitglied der Europäischen Kommission, der englischen Tageszeitung "The Telegraph."

In seiner Ansprache zum 30-jährigen Jubiläum von Erasmus im Europäischen Parlament schloss sich Parlamentspräsident Antonio Tajani der Aussage des britischen Wissenschaftsministeriums an. Die Zukunft des Austauschprogramms in Großbritannien hänge von den Austrittsverhandlungen ab. Er betonte aber auch, dass der Austausch innerhalb der EU gegenüber Nicht-Mitgliedern Vorrang habe.

 

Ist Terrorgefahr ein Thema?

Inwiefern wirken sich die Terroranschläge auf die Reiselust junger Europäer aus? Beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ist man sich darüber bewusst, dass sie Sicherheitslage in den Partnerländern kurzfristig kippen kann. Selber gibt er aber keine Warnungen aus. "Wir wollen den Studenten nichts vorschreiben. Sie sollen selbst entscheiden, ob sie ihren Aufenthalt im Falle einer Anschlagsgefahr fortführen wollen oder nicht", sagt Markus Symmank, ein Sprecher der Förderorganisation.

 Noa Bols, Musikstudentin aus Belgien, war im Februar 2016 dabei, ihr Auslandssemester vorzubereiten und ein Zimmer in Paris zu suchen, als sie die Absage ihrer Universität erreichte. Stattdessen sollte es nach Berlin gehen. "Neben organisatorischen Problemen wurden Sicherheitsgründe genannt. Ich war sehr enttäuscht, weil ich davon ausgegangen bin, dass es klappt", sagt die 20-Jährige. "Ich habe mir keine Gedanken über Terroranschläge gemacht, das kann ja überall passieren", sagt sie. Während der Weihnachtsferien, die sie bei ihrer Familie in Belgien verbrachte, sah sie dann die Bilder von dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. "Ich hatte vor allem Angst um meine Freunde, denn Berlin ist für mich eine zweite Heimat geworden", sagt sie. Angst nach Berlin zurückzugehen, habe Noa nicht gehabt.

 

Anmeldezahlen in Türkei zurückgegangen

Die Türkei ist ein ganz wichtiges Partnerland. 

Margaret Wintermantel, Präsidentin des DAAD - 15/06/2017

In der Türkei seien infolge der Terroranschläge nach dem Putschversuch vom Juli 2016 die Anmeldezahlen europäischer Studenten deutlich zurückgegangen, einige deutsche Studenten hätten dem Deutschen Akademischen Auslandsamt zufolge ihren Aufenthalt frühzeitig abgebrochen. Für Margaret Wintermantel, Präsidentin des DAAD, liege das auch am Wandel des Landes hin zu einem autoritären System. Trotz oder gerade wegen aller politischen Verwerfungen sei es wichtig, die Türkei im Programm zu halten. "Für uns ist die Türkei ein ganz wichtiges Partnerland. Und wir müssen diesen Austausch international aufrechterhalten", so Wintermantel im Deutschlandfunk. Der DAAD stehe in engem Kontakt mit der türkischen nationalen Agentur für Erasmus, die sich ihrerseits ebenfalls für die Fortführung des Programms ausgesprochen habe.

Adrien Lelièvre hat im Hochschuljahr 2011/12 seine französische Heimatstadt Lille mit der türkischen Stadt Istanbul getauscht und hat sich sofort in das Land verliebt – er würde jederzeit zurückgehen, auch wenn sich die politische und wirtschaftliche Lage dort verändert hat. "Ich behalte eine großartige Erinnerung an mein Erasmussemester. Die Geschichte, die Sprache, die Kunst und Kultur, sowie die außerordentliche Gastfreundlichkeit haben mich tief beeindruckt", sagt er.

 

Mehr Geld für Länder im Osten und Südosten Europas

Die "Westwanderung" ist ein Phänomen, das man beim DAAD schon seit Jahren beobachtet. Studierende und Akademiker aus Ost-und Südosteuropa kämen demnach bevorzugt nach Deutschland, Deutsche wiederum zögen englischsprachige Länder vor. Das wolle Tibor Navracsics, der als EU-Bildungskommissar für das europäische Austauschprojekt verantwortlich ist, ändern. Als er selbst noch Student war, gab es in Ungarn noch nicht die Möglichkeit, am Erasmus-Programm teilzunehmen. Nun fordert er mehr Geld für das Programm und will vor allem im Osten und Südosten für mehr Studierendenmobilität werben. Dass Erasmus dort nicht so populär ist wie etwa in Skandinavien, Süd-und Westeuropa liege vor allem an der sprachlichen und kulturellen Diskrepanz, wie er in einem Interview mit dem Tagesspiegel verriet. "Studierende fühlen sich manchmal auch noch immer entfremdet von Osteuropa. Daran müssen wir arbeiten", hieß es darin weiter.

 

Kann das Austauschprogramm die europäische Idee retten?

Erasmus ist eines der erfolgreichsten Programme der Europäischen Union. Insgesamt sollen in den 30 Jahren neun Millionen Menschen von Erasmus profitiert haben. Das Förderspektrum wurde im Laufe der Jahre erheblich ausgeweitet und auch für sozial schwache zugänglicher gemacht. 

 

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"Genau diese Solidarität braucht Europa – heute mehr denn je. Ich möchte dafür sorgen, dass mit Erasmus Plus künftig noch mehr Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund gefördert werden", sagt Tibor Navracsics, EU-Bildungskommissar anlässlich des Jahresberichts 2015 über das Austauschprogramm, den die Europäische Kommission im Januar vorlegte.

83 Prozent der Erasmus-Studenten würden sich der Europäischen Union sehr nahe fühlen. Während nur etwa 30 Prozent der jungen Menschen zur Europawahl gingen, seien es unter den Austauschstudenten 81 Prozent. Die Erweiterung des eigenen Horizonts, die Entwicklung sozialer Kompetenzen wie Weltoffenheit, sowie internationale Begegnungen sollen populistischen, protektionistischen und fundamentalistischen Tendenzen entgegenwirken. 93 Prozent der Studenten erzählen, dass sie während ihres Studiums im Ausland gelernt haben, den Wert anderer Kulturen zu schätzen. Das belegen Zahlen des DAAD.

Dahinter stecken junge Menschen wie Ventura Guillén Riquelme aus Spanien: "Bevor ich als Erasmusstudent nach Straßburg kam, war ich der Meinung, dass Spanien aus der Europäischen Union austreten sollte. Ich war Euroskeptiker. Mittlerweile habe ich so viel über Europa gelernt und so viele interessante und inspirierende Menschen kennengelernt, dass ich eine ganz andere Vorstellung davon habe."

Andere fühlen sich nach ihrer Rückkehr in die Heimat noch immer mit ihrem Gastland verbunden. "Fünf Jahre nach meinem Erasmus-Aufenthalt in der Türkei fühle ich mich noch immer wie ein Botschafter des Landes", sagt der französische Student Adrien Lelièvre.

So sehr Europa momentan unter den aktuellen politischen Entwicklungen leidet – Erasmus war und ist eine Errungenschaft, die Früchte trägt. Und gerade für die junge Generation eine Möglichkeit, das auf den ersten Blick komplexe Konstrukt jenseits der Schulbücher aus nächster Nähe kennenzulernen und mitzugestalten. 

 

Erasmus Plus: Erasmus Plus ist das Programm für Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Union. Darin werden seit 2014 die bisherigen EU-Programme für lebenslanges Lernen, Jugend und Sport, sowie die europäischen Kooperationsprogramme im Hochschulbereich zusammengefasst. Mit einem Budget von 14,7 Mrd. Euro ausgestattet, soll es bis 2020 vier Millionen Studienaufenthalte im Ausland fördern.
DAAD: Der Deutsche Akademische Austauschdienst ist seit Beginn des Programms die Nationale Agentur für Erasmus im deutschen Hochschulbereich.
ECTS: Europäisches System zur Übertragung von Studienleistungen im Europäischen Hochschulraum, das die internationale Vergleichbarkeit von Studienleistungen verbessern soll.

Zuletzt geändert am 20. Juni 2017